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WIE VIELE FISCHE ZÄHLT DAS MEER

Mike Vecchione steht inmitten einer Gruppe wundersamer Kreaturen: rote Krustentiere, wenig ansehnliche Tiefseefische – und ein Geleeberg, der das Herz des Meeresforschers schneller schlagen lässt. "Dumbo" nennen die Wissenschaftler den achtarmigen Tintenfisch (Foto 5), da zwei seiner Flossen an die Ohren des legendären Zeichentrick-Elefanten erinnern. Vecchione, Tiefsee-Experte und Forscher am Smithsonian National Museum of Natural History in Washington, hat aus mehr als 1.000 Metern Tiefe ein Prachtexemplar ans Licht befördert. Der "Jumbo Dumbo" ist zwei Meter lang, sechs Kilogramm schwer und im Gebiet des Mittelatlantischen Rückens zu Hause. Nur wenige Tiere waren seit dem ersten Fund im Jahr 1885 ins Netz gegangen.

Inventarliste der Weltmeere
In einem einmaligen Forschungsprogramm erstellen Wissenschaftler derzeit eine Art Inventarliste der Weltmeere. "Nachdem man alle Sterne gezählt hatte, kam man vor zehn Jahren auf die Idee, dass man jetzt mal die Fische zählen könnte", scherzt Pedro Martinez Arbizu vom Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung in Wilhelmshaven. "Das war der Anfang des Meeresforschungsprojekts Census of Marine Life." Zehn Jahre lang haben rund 2.000 Forscher aus rund 80 Ländern an dem Mammut-Vorhaben gearbeitet.

Vom Ur-Bakterium über Röhrenwurm und Hering bis hin zum Blauwal werden die bei der Suche entdeckten Arten gemeinsam mit Angaben über ihre Lebensräume in eine Internet-Datenbank, das Ocean Biogeographic Information System (Obis), eingespeist. Vor dem Projekt waren in den Meeren etwa 230.000 Arten bekannt. Doch das ist nur ein Bruchteil der existierenden Spezien. Die Forscher des Census of Marine Life haben gut 5.600 neue Arten entdeckt, davon 500 in der Tiefsee. Tausende Proben müssen noch ausgewertet werden. Die Experten haben eine Hochrechnung veröffentlicht, wonach sie in den Weltmeeren insgesamt zehn Millionen Arten vermuten.

Der globale Niedergang der Biodiversität
Gegenwärtig besagt der wissenschaftliche Forschungs-stand, dass es auf der Erde insgesamt rund 15 Millionen Arten geben könnte. Allerdings sind davon gerade einmal 1,8 Millionen beschrieben – und viele von ihnen dürften noch dazu Doubletten sein. Des Weiteren ist die Zahl der unentdeckten Arten bloß hypothetisch, da viele von ihnen bereits ausgestorben sein werden, bevor sich die Forscher mit ihnen befassen konnten. Erdgeschichtlich gesehen ist das Verschwinden von Arten ein Normalfall. Forscher gehen davon aus, dass derzeit gerade einmal zwei bis vier Prozent aller Tier- und Pflanzenarten auf der Erde existieren, die jemals hier gelebt haben. Vom Rest gibt es bestenfalls noch Fossilien. Schuld daran sind mindestens fünf Episoden in der Geschichte unserer Erde, die zum Massensterben führten. Das letzte Mal passierte das vor 65 Millionen Jahren. Selbstverständlich würde niemand auf die Idee kommen, der Mensch sei schuld daran gewesen, dass die Saurier nicht mehr an der Elbe oder am Rhein entlangstapfen. Und doch greifen wir inzwischen in einem so ungeheuren Maße in unsere Umwelt ein, dass Ar ten in nie gekanntem Tempo aussterben – viel schneller als es die natürliche Selektion vermuten ließe. Es gibt Schätzungen, wonach jeden Tag 130 Arten von unserem Planeten verschwinden – auch wenn diese Zahl mit Vorsicht zu genießen ist. 40.000 Arten zu Land, zu Wasser und in der Luft haben die Fachleute bisher auf ihre Gefährdung hin untersucht – 16.000 von ihnen waren nach Angaben des UNO-Umweltprogramms im Jahr 2007 vom Aussterben bedroht.

Politisches Bewusstsein für die Artenvielfalt
Die Vereinten Nationen haben 2010 zum "Jahr der Biodiversität" ernannt. Damit soll der Artenreichtum auf der Erde in den Blickpunkt des öffentlichen Inte-resses und der politischen Debatten gerückt werden. Es geht um die Vielfalt von allem, was kreucht, fleucht, blüht oder schwimmt. Der Census of Marine Life ist ein Leuchtturm-Projekt auf diesem Gebiet. Beinahe drei Viertel der Erdoberfläche ist von Meeren bedeckt. Doch Überfischung, Ozeanversauerung in Folge des Klimawandels, Verschmutzung, Lärm und Überdüngung machen den marinen Ökosystemen schwer zu schaffen.

"Unser Konsum, unsere Entwicklung, unser globaler Handel haben einen tiefgreifenden Einfluss auf die Welt um uns herum", sagte UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon im Februar bei einem festlichen Empfang im New Yorker American Museum of Natural History. Eigentlich hatten die Staaten der Welt versprochen, das Artensterben bis zum Jahr 2010 zu stoppen – auf globaler, regionaler und nationaler Ebene. Doch dieser Versuch ist grandios gescheitert, wie auch Ban eingestehen musste: "Der globale Niedergang der Biodiversität beschleunigt sich." Die rund 170 Unterzeichnerstaaten der Biodiversitäts-Konvention werden das klägliche Ergebnis der Bemühungen auf einer Konferenz in diesem Jahr auch offiziell feststellen – und sich dann hoffentlich zu ambitionierteren Zielen verpflichten.

Das Jahr der Biodiversität wird viel für die Artenvielfalt leisten. Auch die UNO-Generalversammlung wird eine Sondersitzung zum Thema abhalten. "Das wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen, das einzige relevante internationale Umweltthema war der Klimawandel", lobt der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen. Sogar einen eigenen Gipfel zur Artenvielfalt soll es geben, der im Oktober im japanischen Nagoya stattfinden wird. Doch auch ganz praktische Dinge sind vorausgesehen: Im Herbst dieses Jahres wird der Census of Marine Life seinen Abschlussbericht an der Royal Institution in London vorstellen. Besonders großes Interesse werden im Abschlussbericht die Kapitel zur Tiefsee wecken.

Geheimnisse der unerforschten Tiefsee
Rund 95 Prozent der fünf Tiefseebecken unserer Erde gelten als wenig erforscht. In ewiger Dunkelheit, bei brachialem Druck und unerbittlicher Kälte haben sich zahllose einzelne Ökosysteme gebildet, von denen wir kaum eine Ahnung haben. Der Mensch, so heißt es immer wieder, wisse mehr über die Rückseite des Mondes als über die Tiefsee. "Die Tiefsee ist nicht nur das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde", sagt Chris German von der Woods Hole Oceanographic Institution. "Es ist auch das am wenigsten erforschte." Dank den Forschungen des Census of Marine Life ist allerdings klar geworden: In der Tiefe wimmelt es von Leben, zum Beispiel an heißen Thermalquellen, in tausend Meter hohen Seegebirgen oder an Kaltwasser-Korallenriffen. Umwelteinflüsse zerstören zwar bestehende Nahrungsressourcen, sodass die Tiere zum Überleben nach alternativen Nahrungsmöglichkeiten suchen müssen, doch "ihre Vielfalt zeigt, wie viele Möglichkeiten es gibt, sich anzupassen”, sagt Robert Carney von der University of Louisiana. "Der Census of Marine Life hilft der Menschheit, diese Vielfalt zu ermessen."

CHRISTOPH SEIDLER, WISSENSCHAFTSREDAKTEUR BEI SPIEGEL ONLINE UND BUCHAUTOR, FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

INTERNATIONALES JAHR DER BIODIVERSITÄT:
Die UNO hat 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Die Biodiversität lässt sich auf drei Ebenen beschreiben: 1. Vielfalt der Ökosysteme. 2. Vielfalt der Arten. 3. Vielfalt der Gene. Um sie zu schützen, wurden diverse Aktivitäten und Projekte ins Leben gerufen.

LINKS: www.coml.org; www.dgvn.de/biodiversitaet.html

Kategorien: Mai 2010