MAX IST WIEDER SMART

Autsch. Und wieder klemmt die Nase in der Stahlsicherheitsschiebeschleuse der CONTROL-Zentrale. Das ist die legendäre immer wiederkehrende Schlusssequenz, in der Maxwell Smart sich auf seine Weise an der Sicherheitstechnik abarbeitet. Bei manchen Ausstrahlungen in der mehr als 50-jährigen Geschichte der Serie wurde der Schlussgag zugunsten des darauffolgenden Werbeblocks weggeschnitten – heute steht er selbstverständlich unter Denkmalschutz.

Im Jahr 1965 war die von Mel Brooks zusammen mit Buck Henry (Drehbuchautor von "Die Reifeprüfung" oder "Short Cuts") entwickelte Serie "Get Smart", in Deutschland "Mini-Max", auf dem US-Sender NBC gestartet, nachdem Konkurrent ABC sie als "unamerikanisch" abgelehnt hatte. Am Ende sollte es "Mini-Max" auf fünf Staffeln mit zusammen 138 Folgen bringen, hoch dekoriert mit sieben Emmy-Awards und zwei Nominierungen für den Golden Globe.

Mini-Max ist Mini-Brooks.

Die Serie enthält in höchst verdichteter Form alles, was den späteren Brooks-Humor in Filmen wie "Frühling für Hitler", "Der wilde, wilde Westen" (auch "Is was, Sheriff"), "Frankenstein Junior" oder "Silent Movie" ausmacht. Dieser geniale Humor des jüdischen Regisseurs Brooks ist albern, aggressiv, schockierend – und wird doch von nichts anderem getragen als der Liebe zu den Menschen, vor allem zu ihren Schwächen. Dass ARTE "Mini-Max" jetzt wieder ausstrahlt, kann als Verbeugung vor dem großen Allround-Künstler Mel Brooks gesehen werden. Zuletzt hatte dieser 2001 mit der Musical-Fassung von "Frühling für Hitler" ein Comeback unerhörten Ausmaßes gefeiert, nicht nur auf den heimischen Bühnen des Broadways.

Der Tollpatsch als Held.

Die ausgeflippten Agenten-stories um den verboten doofen Maxwell Smart, alias Agent 86, und seine Assistentin, Agentin 99, waren "abgedreht" in einer Zeit, in der es das Wort noch gar nicht gab. Die anarchische Kraft der Serie lässt heutige Fernsehmacher in Ehrfurcht erschaudern, wenn sie Gags und Zitate in ihre Shows einbauen, die an "Mini-Max" erinnern. Versuche, das Original wiederzubeleben, verliefen dagegen eher erfolglos. Eine Wiederaufnahme mit neuen Folgen 1995 scheiterte, der Kinofilm "Get Smart" von 2008 mit einer Fortsetzung in diesem Jahr ist heute schon vergessen. Einzig die Kinofassung von 1980, "Die nackte Bombe" von Clive Donner mit dem "Emanuelle"-Star Silvia Kristel in der Rolle der Agentin an Smarts Seite, war ein Hit – und hielt das Interesse an Maxwell Smart wach, der brooklynisch-jüdischen US-Version des reinen Tors oder des Hans’ im Glück.

"Mini-Max" gehört auf den ersten Blick ins Genre der damals beliebten Agenten-Parodien wie "Mit Schirm, Charme und Melone", "Solo für U.N.C.L.E." oder "Tennis, Schläger und Kanonen". Agent Smart arbeitet für CONTROL, einen CIA-artigen Geheimdienst, der die Freiheit (und Existenz!) der westlichen Zivilisation gegen den vage-östlichen Widerpart KAOS mit dem Slogan "Wir sind gefährlich. Wir sind diabolisch. Aber wir sind nicht vollkommen." verteidigt. Stand-Up Comedian Don Adams hatte Smart aus dem Charakter eines Hoteldetektivs in der US-Kultsendung "The Bill Dana Show" entwickelt, und Henry und Brooks, die Könige der Sprücheklopfer, verpflanzten ihn in eine Welt verrückter, herrlich infantiler Spionage-Technologie wie die Glocke des Schweigens oder das berühmte Telefon im Schuh. "Mini-Max" ist die erste TV-Serie in der Geschichte, die nicht vorgibt, real zu sein. Es wird fast schon in die Kamera gezwinkert, wenn schwebende Pistolen ganz ungeniert an Fäden hängen – und kurz darauf wird aufgedeckt, dass Bösewichte sie aufgehängt haben, um eine gemeine Illusion zu erzeugen. Die visuellen Ideen wirken wie Verzierungen an der Außenhaut des Witzes, dessen Kern die Sprache ist und der sich in den typisch absurden Dialogen wie diesem zwischen den Agenten 86 und 99 manifestiert: "Ich habe zwei unsichtbare Männer gesehen." –"Aber unsichtbare Männer kann man doch nicht sehen."–"Sie können ja von Geburt an unsichtbar sein."

Weisheit à la Mini-Max.

Mit Maxwell Smart schufen Adams, Henry und Brooks den Archetypen des "nebbish hero", des Helden, dem der Erfolg zufliegt, ohne dass er ihn sich verdient hätte, eher im Gegenteil. Das Leben ist ungerecht, wie sollte es denn sonst sein? Agentin 99 ist verliebt in Max – er merkt es nicht. Sie hilft ihm stets aus hoffnungslosen Situationen heraus – er bemerkt es nicht. Und trotzdem macht sie es immer wieder. Unlogisch? Irrational? Wir verhalten uns eben anders, als wir müssten oder sollten. "Mini-Max" nimmt das Thema der Agenten-Parodie nur als Vorwand, um uns tief in die Geheimnisse des jüdischen Humors zu führen. In eine Welt, in der Leiden und Lachen eng zusammengehören. All die Agenten-Gadgets, all die perfekt logischen, technischen Erfindungen, die helfen sollen, die Mächte des Bösen abzuwehren – sie funktionieren nicht. In ihren Studien zur untergegangenen ostjüdischen Kultur erläuterte die Schweizer Journalistin Salcia Landmann, wie der jüdische Witz hilft, Angst herunterzuspielen, Niederlagen in Siege zu verwandeln – und das angeblich Erhabene ins Lächerliche zu ziehen, um emotionalen Abstand zu gewinnen von dem, was bedrückt: "Der jüdische Witz macht deutlich, dass Gleichungen, die ohne Rest aufgehen, nicht stimmen können."

Das ist die Lehre des großen Maxwell Smart: Wir sind blöd und können den Lauf der Welt nicht ändern – aber die anderen sind auch nicht schlauer. Und das Wunderbare: Es macht nichts. Die nächste Folge kommt bestimmt. Autsch.

MICHAEL HOPP

ARTE PLUS

FILMOGRAFIE MEL BROOKS (Auswahl)

ALS REGISSEUR: "Robin Hood – Helden in Strumpfhosen" (1993),"Silent Movie" (1976), "Frankenstein Junior" (1974), "Is was, Sheriff” / Der wilde wilde Westen" (1970), "Frühling für Hitler" (1968)

ALS PRODUZENT: "Die Fliege" (Regie: David Cronenberg, 1986), "Sein oder Nichtsein" (Regie: Alan Johnson1983), "Frances" (Regie: Graeme Clifford, 1982), "Der Ele-fantenmensch" (Regie: David Lynch,1980)

Kategorien: Mai 2010