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DEUTSCHLANDS KÜSTEN

Das Wattenmeer der Nordsee beheimatet tausende Tierarten; faszinierende Landschaften aus schroffen Felsen und feinstem Sandstrand charakterisieren die Küsten der Ostsee. Mittendrin leben die Menschen, die seit jeher von der See geprägt werden: wetterfest, manchmal wortkarg und trotzdem offen für weite Blicke erzählen sie in der zehnteiligen Dokureihe "Deutschlands Küsten" von ihrem Leben an der Nord- oder Ostsee. Die Regisseure Wilfried Hauke und Christian Schidlowski haben für ARTE die Schönheit und Dramatik unserer Küsten in atemberaubenden Bildern festgehalten. Das ARTE Magazin sprach mit dem Produzenten Peter Bardehle über die überraschende Exotik der Heimat.

ARTE: Herr Bardehle, was war der Auslöser für den Dreh der Dokumentationsreihe "Deutschlands Küsten"?
Peter Bardehle: Es gibt häufig die Haltung, dass nur die Ferne zählt. Als ich 20 war, wollte ich auch weg. Jetzt entdecke ich aber immer mehr, wie schön meine eigene Heimat ist. Das zu zeigen und zu beweisen, war die Motivation für die Reihe "Deutschlands Küsten".

ARTE: Was hat Sie persönlich besonders beeindruckt?
Peter Bardehle: Man findet unglaublich viele unberührte Ecken, besonders im Osten Deutschlands. Vom Hubschrauber aus gesehen meint man manches Mal, in der Karibik zu sein. Als wir die Bilder den Bürgermeistern dreier Küstengemeinden vorführten, sagten die: "Tolle Hubschrauberaufnahmen aus der Südsee habt ihr da." Sie konnten nicht glauben, dass die Bilder ihre Küste zeigen. Diesen Zauber konnten wir
nur mit Hilfe einer außergewöhnlichen Kamera einfangen: der Cineflex.

ARTE: Was macht diese Kamera so besonders?
Peter Bardehle: Ursprünglich wurde das Kamerasystem von der CIA für Überwachungs- und Beobachtungsflüge entwickelt. Damit sind gestochen scharfe und wackelfreie Aufnahmen vom Hubschrauber aus möglich, selbst bei 320 Stundenkilometern. Durch den starken Zoom, gekoppelt mit einem 360-Grad-Objektiv, kann man nun mit einer einzigen sanften, schwebenden Bewegung an ein Ziel heranzoomen, selbst wenn man daran vorbeifliegt. Das Objektiv ist enorm leistungsstark und misst fast 30 Zentimeter im Durchmesser. Damit können aus 600 Metern Höhe sogar Details wie einzelne Menschen oder Tiere herangeholt werden.

ARTE: Wurden die Tiere an der Küste nicht trotzdem durch den Hubschrauber gestört?
Peter Bardehle: Das Wunderbare an dem Teleobjektiv der Cineflex-Kamera ist eben, dass man die Tiere meistens nicht stört. Dadurch verhalten sie sich ganz natürlich und wir erhalten unglaublich tolle Bilder. Es kommt schon mal vor, dass der Pilot auf hundert Meter heran fliegt und dann ein Storch unseren Weg kreuzt – das kann man nicht ausschließen. Aber wir sind nie so tief geflogen, dass ganze Kolonien aufgeschreckt und weggescheucht wurden.

ARTE: Was ist so faszinierend an der Vogelperspektive?
Peter Bardehle: Als wir beispielsweise über die ostfriesische Insel Lütje Hörn flogen, war ich geradezu ergriffen – die Insel zeigte uns ein unglaubliches Bild. Sie sah aus wie ein Embryo. Aber nur an diesem Tag, denn die Insel ändert ständig ihre Form. Es kommt immer Sand hinzu, wird weggespült, und so sieht die Insel nie gleich aus – das besitzt eine unglaubliche Poesie und Anmut! Und durch den Effekt des sanften Gleitens erhalten wir eine Ästhetik, die nur mit dieser Kamera möglich ist.

ARTE: Ästhetik – ein großes Wort. Die Bilder der Dokumentation besitzen teilweise eine sehr arrangierte und künstlerische Bildsprache. Warum?
Peter Bardehle: Wir wollten die Bildsprache der Werbung in einer Dokumentation ausprobieren. Die Optik steht dabei stark im Vordergrund. Die gleiche Ästhetik, die wir vom Hubschrauber aus einfangen, setzen wir am Boden fort. Wir nutzen das Hochwertige, Inszenierte, Gecastete und zeigen trotzdem echte Menschen: Die Protagonisten, wie beispielsweise die Frau, die die Geschichte des friesischen Tees erzählt, oder den Mann, der Wattwanderungen organisiert, wählten wir genauer aus, als in einer klassischen Dokumentation. Wir kombinieren Themen und Menschen wie in einem Gemälde – "Deutschlands Küsten" ist ein komponiertes Werk.

ARTE: Gibt es eine Botschaft hinter den Bildern?
Peter Bardehle: Erstmal wollten wir die Küsten kennenlernen und vermitteln. Im Folgeschluss ist aber das, was wir zeigen, auch eine bedrohte Natur und die Menschen vor Ort sprechen darüber: Sylt beispielsweise wird "abgefressen", stetig muss dort Sand aufgespült werden. Ein weiteres Problem ist die Überfischung: Der Fischer aus Rerik berichtet, dass er heute mit zehn Kilometern Netz erheblich weniger fängt als vor 30 Jahren mit 800 Metern Netz.

ARTE: Kann Umweltbewusstsein durch eine solche Dokumentation gestärkt oder sogar geweckt werden?
Peter Bardehle: Ich hoffe es, denn das ist das Ziel dieser Reihe: die Exotik in der Heimat zu entdecken. Wenn wir belegen, wie schön diese Heimat ist, dann zeigen wir auch, dass es sich lohnt, etwas für sie zu tun!

DAS INTERVIEW FÜHRTE ANNE GRÄFE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE INTERVIEW

PETER BARDEHLE: Der Hamburger Journalist und Filmemacher hat als Redakteur für den Bayerischen Rundfunk, das ZDF und SAT.1 gearbeitet. Als Regisseur und Produzent realisiert Bardehle seit 1996 Dokumentationen, die Wissenschaft, Kultur und Geschichte miteinander verbinden.

Kategorien: Mai 2010