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DAS FLICK-TRAUMA

Der Flick-Konzern gehörte zwischen 1930 und 1985 zu den reichsten und mächtigsten Unternehmen Deutschlands. 1985 wurde er verkauft, doch der Ruf und die Geschichte der Familie Flick wirken nach bis heute. Zuletzt 2004, als sich der Flick-Erbe Friedrich Christian Flick dem öffentlichen Vorwurf ausgesetzt sah, das "Blutgeld" des Großvaters mithilfe seiner Kunstsammlung reinwaschen zu wollen. Nun rollt eine Dokumentation die Familiengeschichte neu auf. Das ARTE Magazin sprach dazu mit dem Historiker Kim Priemel.

ARTE: Warum erhitzt die Geschichte der Familie Flick bis heute die Gemüter?
Kim Priemel: Der Name Flick ist symbolisch stark aufgeladen. Bei der Diskussion um die Kunstsammlung spielte die Vergangenheit des Seniors, Friedrich Flick, zunächst gar keine große Rolle. Die meisten haben an die Spendenaffäre der 1980er Jahre gedacht, die zeitlich präsenter war. Als aber die Medien anfingen zu berichten, schien die Familiengeschichte eine Kontinuität aufzuweisen, in der sich verdeckte Geschäftspraktiken, moralisch fragwürdiges Verhalten und die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten zu einem starken Bild verdichteten.

ARTE: Der Gründer des Flick-Konzerns, Friedrich Flick, wurde bei den Nürnberger Prozessen zu sieben Jahren Haft verurteilt – und nach drei Jahre wieder freigelassen. Wurde hier moralisch fragwürdiges Verhalten nicht vielmehr unterstützt?
Kim Priemel: Friedrich Flick hat 1947 eines der mildesten Urteile erhalten. Man darf Zwangsarbeit in keiner Weise relativieren, vom Tatbestand her war es jedoch ein Unterschied zu den Massenmorden der Einsatzgruppen oder den Erschießungen durch die Wehrmacht. Die Ironie liegt darin, dass Flick seine industrielle Karriere nicht trotz, sondern fast wegen der Nürnberger Prozesse weiterführen konnte. Er stieg zu einer Symbolfigur der Deutschen auf, die sich doppelt bestraft fühlten: erst als Opfer des nationalsozialistischen Regimes, das keinerlei Möglichkeit gelassen habe, sich moralisch richtig zu verhalten, und nun "ungerechterweise" von den Amerikanern vor Gericht gestellt. Im Zuge des rapiden Wirtschaftswachstums der 50er verbanden sich mit Leuten wie Flick plötzlich sogar eher positive Assoziationen.

ARTE: In den 80ern gerät der Sohn, Friedrich Karl Flick, im Rahmen der Parteispendenaffäre in die Schlagzeilen. Wieder steht ein Flick vor Gericht. Familientradition?
Kim Priemel: Es gab allgemein in Deutschland eine sehr lange Tradition von privatwirtschaftlicher Lobbyarbeit, die auch immer mit finanziellen Zuwendungen verbunden war. Der Flick-Konzern war einfach besonders gut darin, die Einzigen waren sie nicht. Es wird immer übersehen, dass die Parteispendenaffäre damals schon in vollem Gang war und im Grunde in die Flick-Affäre mündete. Das hat dazu geführt, dass alle anderen Unternehmen – es handelte sich um eine vierstellige Zahl – stets völlig vergessen werden. Gut gemachte Lobbyarbeit sieht man hinterher nicht. Wir sehen nur das, was auffliegt.

ARTE: Flick war also eine Art Buhmann?
Kim Priemel: Er spielte sich durch das Ausmaß
der Zahlungen in den Vordergrund. Der Konzern stand in den 1970er Jahren vor enormen finanziellen Problemen und trennte sich von Daimler-Benz, um Gel-der freizumachen. Aber diese Gelder konnten nur ganz erzielt werden, wenn der Staat auf einen Großteil der Steuern verzichtete, deshalb musste er mit ins Boot geholt werden. Die Konzernleitung begriff das als durchaus legitimes Anliegen an den Staat, denn das, was gut war für den Flick-Konzern, war gut für die deutsche Wirtschaft.

ARTE: Kann die Konzerngeschichte als Spiegel der Bundesrepublik nach dem Krieg gesehen werden?
Kim Priemel: Ja. So änderte sich die positive Wahrnehmung Flicks, als Anfang der 70er die ökonomischen Probleme größer wurden und die 68er-Bewegung die Konzentration des Konzerns auf den wirtschaftlichen Aufbau kritisierte, der alle sozialen, moralischen und politischen Fragen ignoriert hatte. Dieser Vorwurf traf aber auch andere deutsche Großunternehmen. Die meisten beschäf-
tigten sich erst ab Mitte der 80er kritisch und öffentlich mit ihrer Unternehmensgeschichte. Die Familie Flick hingegen hat bis heute keine offene Strategie gewählt.

ARTE: Die Debatte um die Eröffnung der Flick-Collection 2004 war also abzusehen?
Kim Priemel: Es war eher überraschend, wie naiv sich Friedrich Christian Flick verhalten hat. Seine Aussage, der dunklen Seite der Familiengeschichte mit der Kunst eine hellere hinzufügen zu wollen, verstärkte den Verdacht,
dass der Familienname reingewaschen werden sollte. Zudem hieß die Sammlung anfangs Flick-Collection, nicht, wie später, Friedrich Christian Flick-Collection. Diese Naivität – und das fand ich erstaunlich – war auch in der Politik zu spüren. Dass Bundeskanzler Gerhard Schröder die Ausstellung eröffnet hat, ist ungewöhnlich. Genau darin scheint ein Wandel der Geschichtskultur durch, der Wille zu einem entspannteren Umgang mit der Vergangenheit.

DAS INTERVIEW FÜHRTE CORINNA DAUS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE Interview

KIM CHRISTIAN PRIEMEL: Historiker am Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Humboldt-Universität in Berlin. 2007 veröffentlichte er das Buch "Flick. Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik".

ARTE PLUS

DAS ERBE DER FLICKS:
1947 wird Friedrich Flick wegen Enteignung jüdischen Eigentums und Zwangsarbeit verurteilt; seine Schuld gibt er nie zu und zahlt nie Entschädigung;

1972 übernimmt Sohn Friedrich Karl die Konzernleitung und verkauft 1985;

erst die Enkelgeneration stellt sich der Schuld: einige zahlen in den Entschädigungsfond ein, Friedrich Christian Flick gründet eine Stiftung gegen nazis-
tisches Gedankengut, seine Schwester Dagmar Ottmann gibt 2001 eine Studie über die Konzern- und Familiengeschichte in Auftrag.

Kategorien: Mai 2010