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REIFEPRÜFUNG

Die Berlinale ist doch nicht mehr als ein Festival, die Leute machen mehr daraus, als es ist." Kurz bevor die packende Mafiaserie "Im Angesicht des Verbrechens" von Dominik Graf auf der diesjährigen Berlinale der Presse vorgestellt wurde, zeigte der Hauptdarsteller Max Riemelt keine Spur von Nervosität. Noch am Tag vor der Eröffnung des Festivals ließ sich der junge Schauspieler die Weisheitszähne ziehen. Keine Angst vor dicken Backen? "Der rote Teppich ist für mich eher eine Pflichtveranstaltung und so viele Journalisten werden auch gar nicht kommen". Doch sie kamen und gaben Standing Ovations.

Nein, ein richtiger Star ist Max Riemelt nicht. Eher würde man ihn mit einem Typen aus der Nachbarschaft verwechseln, als sich an seinen letzten Film zu erinnern. Er gibt sich locker und natürlich. Dabei hätte der erst 26-jährige Schauspieler allen Grund ein bisschen abzuheben – spätestens seit er 2005 mit der Hauptrolle in Dennis Gansels NS-Drama "NaPolA" als deutscher Shootingstar auf der Berlinale seinen Durchbruch feierte. In der Rolle des Boxtalents aus dem Arbeitermilieu, das in einem Nazi-Eliteinternat auf harte Probe zwischen Moral und Obrigkeit gestellt wurde, machte der damals 20-jährige Riemelt auch international auf sich aufmerksam. Es folgten Hauptrollen in zahlreichen engagierten Fernseh- und Kinoproduktionen, darunter Dominik Grafs DDR-Geschichte um den Dresdner Rockklub "Der rote Kakadu" (2006) und Dennis Gansels Verfilmung der Geschichtslektüre "Die Welle" (2008), die Riemelt zunächst in die Historien-Ecke rückten. Dem widersprach Riemelt zuletzt Anfang des Jahres in Frieder Wittichs Campuskomödie "13 Semester" als orientierungsloser Langzeitstudent.

Doch statt in diesem Hochgefühl die Relationen zu verlieren, behält sich Max Riemelt einen klaren und unbeeindruckten Blick auf seine Karriere und das Filmgeschäft. Er spricht von den Finanzierungsschwierigkeiten zukünftiger Arbeiten, dem Vakuum nach jeder Produktion, von Planungsunsicherheiten, aber auch von der Spontaneität, die er an seinem Beruf liebt. "Ich lasse mich gern überraschen und wenn es mal nicht sein soll, dann hat man halt Zeit für andere Dinge". Seine kleine Tochter zum Beispiel. Oder aber ganz neue Erfahrungen – Autos reparieren vielleicht. Und wenn Riemelt erzählt, dass bisher eher wenige seiner Rollen an ihn herangetragen werden, sondern dass er vielmehr über den konventionellen Weg, also über Drehbücher, Gespräche mit Regisseuren und Castings zu neuen Filmen kommt, dann macht ihn diese unkokette Art sehr sympathisch.

Ein halbes Leben lang

Max Riemelt steht schon sein halbes Leben vor der Kamera. Irgendwann habe ihn seine Mutter zu Fernseh-Castings geschickt – damit er etwas zu tun habe und keinen Blödsinn treibe – und so debütierte Riemelt im zarten Alter von 13 Jahren in einer Nebenrolle eines TV-Zweiteilers. Von da an verlängerte er nicht selten dankbar die Schulferien aufgrund von Dreharbeiten und lernte alles, was für das Schauspielen wichtig ist – die Technik, aber auch den Umgang mit Anerkennung und Kritik. Diese Schule wurde ihm wichtiger als Abitur und Studium, er brach nach dem Realschulabschluss ab. Selbst für eine Schauspielausbildung blieb bald keine Zeit mehr. "Meine Ausbildung, das sind die Rollen selbst" erzählt er und fügt hinzu: "Die Prioritäten standen für mich immer fest, wenn sich ein neues Projekt anbot, wollte ich es auch machen". Riemelt ist ein Einzelgänger, er trifft seine Entscheidungen selbst. Bisher ist er damit auch ganz gut gefahren. "Zum Glück kann ich mir die Rollen noch aussuchen. Ich will nicht des Geldes wegen Projekte annehmen." Max Riemelt ist wählerisch und das Schauspielen für ihn mehr eine Berufung als ein Beruf. Seine Rollen müssen ihn herausfordern. Und er muss an den Film glauben. Damit meint er nicht nur die Vision des Regisseurs. Riemelt weiß, wie entscheidend auch das Umfeld und die Umstände der Produktion sowie das Zusammenspiel aller Beteiligten sind, damit ein Film gelingt.

Als der Regisseur Dominik Graf ihm in seiner Serie "Im Angesicht des Verbrechens" die Hauptrolle des Berliner Polizisten Marek Gorsky anbot, sagte Max Riemelt sofort zu. Er schätzt den hohen Anspruch, den Graf in seinen Filmen umsetzt, die Authentizität und Qualität der Geschichten. Dass die Chemie stimmt, hatte sich schon während des gemeinsamen Drehs von "Der rote Kakadu" gezeigt. Nicht umsonst besetzte Dominik Graf die Rolle von Gorskys Polizeikollegen Sven Lottner mit Ronald Zehrfeld – auch damalig schon Riemelts Filmpartner. Riemelt, der von sich selbst sagt, dass er nur so gut sei, wie die Leute, mit denen er zusammenarbeite, war von dem Projekt begeistert: "Zwei Ostberliner, die sich so gut verstehen und auf solch einem Niveau zusammen spielen dürfen – das gibt es in Deutschland nicht noch einmal."

Endlich erwachsen

Vor allem aber sieht Max Riemelt in der Rolle des "Superbullen" seine große Chance, endlich auch auf der Leinwand erwachsen zu werden. "Vor den Dreharbeiten haben viele daran gezweifelt, ob jemand, der so jung ist, solch eine Rolle spielen kann." Ob als Nachwuchsboxer, als romantischer Zeichner, als rebellischer Schüler oder Langzeitstudent – der Berliner hat in beachtlicher Bandbreite Einfühlung und schauspielerisches Talent bewiesen. Doch Eines haben all diese Charaktere gemein: Es sind junge Menschen im Prozess des Erwachsenwerdens.

Mit der Rolle des Polizisten Marek Gorsky ist er aus dem Coming-of-age-Genre herausgewachsen. "Noch nie war eine Rolle so weit von mir weg, was Herkunft und Religion angeht. Ich hoffe, dass mir die Leute diese Rolle abnehmen." Denn Marek Gorsky kommt aus Lettland, ist Jude und spricht russisch. Gerade in die Dienste des Landeskriminalamtes befördert, ermittelt der ehrgeizige Polizist in Sachen Zwangsprostitution, Zigarettenschmuggel und Bandenkriege im Umfeld der russischen Mafia. Gorsky kennt die Mafia und ist nur zu gut mit den Gesetzen der Straße vertraut. Nach der Ermordung seines Bruders hat er seinen Beruf bewusst gewählt, doch auch er ist nicht frei von Zweifeln, als die Ermittlungen in seine eigene Familie führen. Zerrissen zwischen Pflicht und Moral, der Familie und den Verlockungen des Milieus festigt sich Gorsky erst im Laufe der Serie. In dieser Hinsicht ist "Im Angesicht des Verbrechens" die Geschichte eines Mannes, der erwachsen wird. Beste Voraussetzung also für eine Reifeprüfung.

ANNE GUDURAT FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

FILMOGRAFIE: (Auswahl)
"Im Angesicht des Verbrechens" (2009), "13 Semester" (2009), "Tausend Ozeane" (2008), "Lauf um dein Leben – Vom Junkie zum Ironman" (2008), "Die Welle" (2008), "Up! Up! To the Sky" (2008), "Mörderischer Frieden" (2007), "GG 19 – Eine Reise durch Deutschland in 19 Artikeln" (2007), "Der Untergang der Pamir" (2006) "Der rote Kakadu" (2006), "Nachtasyl" (2005), "Hallesche Kometen" (2005), "NaPolA" (2004), "Mädchen, Mädchen 2 – Loft oder Liebe" (2004), "Lottoschein ins Glück" (2003), "Mein Vater und andere Betrüger" (2001), "Mädchen, Mädchen" (2001)

Kategorien: April 2010