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MACHT DER FANTASIE!

Sichtlich unwohl fühlt sich der elegante Mann mit dem weißen Haar und der großen schwarzrandigen Brille auf seinem Stuhl. Nein, Interviews sind nicht Hayao Miyazakis Sache. Der Superstar des Animationsfilms ist ein scheuer und schüchterner Mensch. Dass er hier in Paris sitzt und einem Fernsehteam eines der raren Interviews gewährt, ist fast schon eine Sensation. Zu sehen ist diese kurze Interview-Szene in der bemerkenswerten Dokumentation "Der Tempel der Tausend Träume – Miyazaki und das Ghibli-Studio", die ARTE am 8. April zeigt. In diesem Gespräch sagt Miyazaki: "Auch ich habe oft negative und pessimistische Gedanken. Aber ich habe nicht vor, diese in meinen Filmen auszudrücken." Und er fährt fort: "Ich möchte den Zuschauern, vor allem den Kindern, Freude bereiten. Deswegen denke ich ständig darüber nach, wie ich mit fröhlichen Bildern eine fröhliche Stimmung erzeugen kann."

Sichtlich unwohl fühlt sich der elegante Mann mit dem weißen Haar und der großen schwarzrandigen Brille auf seinem Stuhl. Nein, Interviews sind nicht Hayao Miyazakis Sache. Der Superstar des Animationsfilms ist ein scheuer und schüchterner Mensch. Dass er hier in Paris sitzt und einem Fernsehteam eines der raren Interviews gewährt, ist fast schon eine Sensation. Zu sehen ist diese kurze Interview-Szene in der bemerkenswerten Dokumentation "Der Tempel der Tausend Träume – Miyazaki und das Ghibli-Studio", die ARTE am 8. April zeigt. In diesem Gespräch sagt Miyazaki: "Auch ich habe oft negative und pessimistische Gedanken. Aber ich habe nicht vor, diese in meinen Filmen auszudrücken." Und er fährt fort: "Ich möchte den Zuschauern, vor allem den Kindern, Freude bereiten. Deswegen denke ich ständig darüber nach, wie ich mit fröhlichen Bildern eine fröhliche Stimmung erzeugen kann."

Keine harmlose Unterhaltung. Wer nun jedoch glaubt, dass die Filme von Hayao Miyazaki allein zur Belustigung für Kinder seien oder bloße eskapistische und harmlose Unterhaltung, der irrt. Zu fest steht Miyazaki in der Tradition der japanischen Anime und Manga, die weit mehr sind als Illustrationen für Kinder, wie es Comics in Europa und Amerika sehr lange gewesen sind. Wer einmal in Japan gewesen ist und etwa in Tokio den Mitreisenden in der U-Bahn in ihre Manga-Hefte und Manga-Bücher oder immer öfter auf ihre Smartphones geschaut hat, der versteht schnell, dass Comics in Japan nicht unbedingt mit einem kindgerechten Augenzwinkern versehen sind – auch wenn die Hauptfiguren meist Kinder oder Schüler in Schuluniform sind. Denn was diese Kinder und Jugendlichen erleben, ist zumeist alles andere als jugendfrei. Mit den Comics von Walt Disney oder Rolf Kauka ("Fix und Foxi") hat das nichts zu tun und auch die kruden Fantasien eines Robert Crumb ("Fritz the Cat") wirken dagegen ziemlich harmlos.

Seinen Durchbruch in Amerika und in Europa erzielte Hayao Miyazaki 2001 mit "Chihiros Reise ins Zauberland". Für diesen Film wurde er 2003 mit einem Oscar ausgezeichnet. In seiner Heimat war er zu diesem Zeitpunkt längst ein Superstar. Sein Film "Prinzessin Mononoke" von 1997 war lange Zeit der meistbesuchte Film, der je in Japan gezeigt wurde – bis "Titanic" überholte. Die Antwort Miyazakis ließ nicht lange auf sich warten: Sein nächster Film "Chihiros Reise ins Zauberland" liegt bis heute vor "Titanic". Preise und Auszeichnungen gab es für Miyazaki seitdem viele: Für "Chihiros Reise ins Zauberland" gewann er neben dem Oscar 2002 den Goldenen Bären bei der Berlinale, 2005 den Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk bei den Filmfestspielen von Venedig und eine Oscarnominierung 2006 für "Das wandelnde Schloss". Miyazaki ist so erfolgreich und sein Werk so prägend, dass das "Time Magazine" ihn 2005 zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt zählt.

Miyazakis Zauberland. Man erkennt den Stil Miyazakis stets daran, wie er aus der Abbildung von Alltagsgegenständen die poetischsten Bilder zaubert. Ob Tiere, die sich in Flugzeuge oder Eisenbahnen verwandeln, oder die immer wieder auftauchenden alten Damen, die auf den ersten Blick so streng und gefährlich wirken und dann doch im Verlauf der Geschichte zeigen, dass sie ein großes Herz haben. Besonders sind auch seine Protagonisten, immer wieder sind die Helden starke Kinder und vor allem toughe Mädchen. Seine Filme weisen wiederkehrende Themenkomplexe auf, sie spielen dort, wo sich Natur und Technik berühren, wo die Welt der Menschen auf die Welt der (Natur-)Geister stößt. Auf welcher Seite sich die Sympathien von Hayao Miyazaki befinden, ist unübersehbar.

"Wir verlieren in der modernen Welt den Kontakt mit der Natur", sagt er. "Aber wir versuchen immer wieder, ihn erneut zu bekommen. Wenn wir geboren werden, dann haben wir diesen Kontakt ganz tief in unserem Herzen." Kinder, so glaubt er, finden diesen Kontakt leichter als Erwachsene: In "Mein Nachbar Totoro" treffen zwei Mädchen auf Naturgeister und in "Das Schloss im Himmel" reisen die zwei Waisenkinder Sheeta und Pazu nach Laputa, einer Insel, die im Himmel schwebt. In "Prinzessin Mononoke" thematisiert Miyazaki die Auseinandersetzung zwischen den Geistern des Waldes und den Menschen, die den Wald zerstören wollen. Und mit "Chihiros Reise ins Zauberland" erzählt er von einem Mädchen, das in die Welt der Geister, Hexen und Monster gerät, nachdem ihre Eltern in Schweine verwandelt wurden.

Leben, um davon zu erzählen. Wer ist dieser Mann, den John Lasseter, kreativer Kopf der Pixar-Studios und Schöpfer von Filmen wie "Findet Nemo" und "Die Unglaublichen", als "den weltweit größten lebenden Trickfilmer" bezeichnet? Und von dem Stan Lee, der Erfinder von Superhelden wie Spiderman, sagt, "er hat die Kunst der Anime dank seiner unnachahmlichen Visionen und dem Gespür fürs Erzählen zu neuen Höhen geführt"? Hayao Miyazaki wird 1941 in Tokio geboren. Er studiert Politik- und Wirtschaftswissenschaften – doch Anime und Manga faszinieren ihn mehr als Zahlen. Und so geht er nicht in die Wirtschaft, sondern wird Zeichner in den Toei-Studios. Dort lernt er Isao Takahata kennen, mit dem er später seine eigene Produktionsgesellschaft gründen wird: das Studio Ghibli. Geprägt ist Miyazaki von den 1960er Jahren, die in Japan ganz ähnlich wie in Europa oder Amerika verlaufen sind: Studenten protestieren gegen Autoritäten und Hierarchien, die Linke gegen den Krieg in Vietnam, Feministinnen für Emanzipation. Miyazaki wird engagierter Marxist, der sich, nachdem er den real existierenden Sozialismus kennenlernt, vom Marxismus entfernt. Ebenso wie die Hinwendung zu grünen und pazifistischen Bewegungen inspiriert all das seine Filme.

Miyazaki ist ein manischer Arbeiter und Perfektionist, der jedes Interesse an seinem Film verliert, sobald er fertig ist. Er ist ein Millionär, der mit einer alten Citroën 2CV durch Tokio kurvt und der Computer für unnützes Zeug hält, das unkommunikativ mache. Er ist ein japanischer Regisseur, der seine Inspiration in Reisen durch Europa findet. Und er ist ein genialer Filmemacher, der sich kaum für zeitgenössisches Kino interessiert: "Ich kann", sagt er in einem seiner seltenen Interviews, "moderne Filme nicht ausstehen. Sie sind mir zu verrückt und zu exzentrisch".

GERALD STURZ FÜR DAS ARTE MAGAZIN

DIE FILMREIHE IM ÜBERBLICK

Das Kino des Zeichentrick-Virtuosen brachte Japans Comic-Kunst nach Europa. ARTE widmet der faszinierenden Zauberwelt Hayao Miyazakis eine Filmreihe.

Chihiros Reise ins Zauberland (2001) : Chihiro muss für die Hexe Yubaba arbeiten, um die Verwandlung ihrer Eltern in Schweine rückgängig zu machen. Der Film beleuchtet die Gefahren der Überflussgesellschaft. > Montag • 5.4. • 20.15

Mein Nachbar Totoro (1988): Die elfjährige Satsuki und ihre vierjährige Schwester Mei lernen den Waldgeist Totoro kennen und erleben die Natur, ihre Geister und das Leben der Menschen in harmonischem Einklang. > Donnerstag • 8.4. • 20.15

Das wandelnde Schloss (2004): Mitten im Krieg verlieben sich die junge Sophie und der Zauberer Hauro (Bild). Inspiriert vom Irak-Krieg wird die unnütze Zerstörung der Welt kritisiert. Die Städte erinnern an die elsässische Stadt Colmar, wo Miyazaki Studien für den Film betrieb. > Montag • 12.4. • 20.15

Nausicaä aus dem Tal der Winde (1984): Die junge Prinzessin Nausicaä kämpft inmitten einer durch Kriege zerstörten Natur für ein respektvolles und harmonisches Zusammenleben von Mensch und Natur. Nach der gleichnamigen Mangaserie Miyazakis aus dem Jahr 1982. > Donnerstag • 15.4. • 20.15

Prinzessin Mononoke (1997): Die Natur und ihre Geister sind durch die Waldrodungen des Menschen bedroht. Anders als in Miyazakis früheren Filmen wird hier die nötige Trennung von Natur und Mensch thematisiert. > Montag • 19.4. • 20.15

Das Schloss im Himmel (1986): Die zwei Waisenkinder Pazu und Sheeta suchen nach der sagenumwogenen fliegenden Insel Laputa. Diese ist eine Naturidylle, die der Mensch mit Waffen und Festungsmauern verbaut hat, um sie als militärische Superwaffe einzusetzen. > Donnerstag • 22.4. • 20.15

ARTE PLUS

MUSEUM STUDIO GHIBLI: In der Tokioer Vorstadt Mitaka befindet sich das Ghibli-Museum. Dieses ist in Anlehnung an den Stil Friedensreich Hundertwassers gestaltet. Zu sehen sind Originalzeichnungen und -entwürfe, speziell produzierte Anime-Kurzfilme und u.a. ein riesiges Plüschmodell aus "Mein Nachbar Totoro". Jeden Tag gibt es eine begrenzte Zahl an Eintrittskarten, die nur über Vorbestellung erhältlich sind.

Kategorien: April 2010