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IM ANGESICHT DES VERBRECHENS

Wenn eine Fernsehserie auf einem Filmfestival wie der Berlinale gezeigt wird, ist das eine Adelung. Dem Regisseur Dominik Graf wurde sie zuteil, seine Serie "Im Angesicht des Verbrechens" wird als derzeit beste Krimiserie Deutschlands gehandelt. Sie spielt im russischen Mafiamilieu in Berlin und bringt das Genre des Kriminalfilms auf ein Niveau, wie es das deutsche Fernsehen lange vermisst hat. Dominik Graf zeigt alles: die unerbittliche Härte der organisierten Kriminalität, die Korrumpierbarkeit der Polizei, die Träume ukrainischer Mädchen. Und mittendrin den russisch-jüdischen Polizisten Marek Gorsky, der sich plötzlich mit Ermittlungen gegen die eigene Familie betraut sieht. Das ARTE Magazin sprach mit dem Regisseur.

ARTE: Herr Graf, "Im Angesicht des Verbrechens" spielt im Milieu der Zuhälter, der Drogen, der Grausamkeit der russischen Mafia. Was faszinierte Sie an dem Thema?
Dominik Graf: Als Regisseur habe ich dem Zuschauer im Grunde wenig Inhaltliches mitzuteilen. Ich habe gar keine Botschaft, selten ein Anliegen. Ich verliebe mich nur in Drehbücher. Die Art wie der Drehbuch-Autor Rolf Basedow, der auch "Hotte im Paradies" und "Eine Stadt wird erpresst" geschrieben hat, diese Welt beschreibt, scheint mir absolut einzigartig. Voller Gegensätze, unmoralisch und moralisch gleichzeitig, wild in den Details, eine bittersüße Welt, traurig und sexy, verlogen und gnadenlos ehrlich in einem. Er hat sorgfältig im Milieu der kriminellen Strukturen recherchiert. Er kennt die Spielregeln, die Gewohnheiten, die Sprache.

ARTE: Kann diese Serie nur in Berlin spielen?
Dominik Graf: Wenn wir von Mitteleuropa sprechen, ja. Solch einen Schmelztiegel der osteuropäischen Völker haben wir im Moment nur in Berlin.

ARTE: Max Riemelt, Marie Bäumer, Misel Maticevic, Ronald Zehrfeld – man findet bei "Im Angesicht des Verbrechens" viele Schauspieler, mit denen Sie schon oft zusammengearbeitet haben. Ist das eine Voraussetzung für Qualität?
Dominik Graf: Kontinuität in der Zusammenarbeit mit Schauspielern garantiert, dass man immer mit Freunden arbeitet und gleichzeitig auch jedes Mal Neues über Menschen erfährt, von denen man dachte, man kenne sie bereits. Es macht die Reise schöner, wenn man sie mit Menschen macht, die man mag.

ARTE: Max Riemelt ist der Shootingstar des deutschen Films, was hat ihn zu Ihrem Favoriten für die Rolle des Polizisten Marek Gorsky gemacht?
Dominik Graf: Max kann hervorragend innere Konflikte spiegeln. Gorsky wirkt wie ein ehrlicher, direkter junger Mann und trotzdem ist er auf der Flucht vor Gespenstern in seiner Seele. Sein Rachebedürfnis ist ihm selbst unheimlich, er wehrt sich dagegen, verdrängt es – und am Ende muss er sich doch damit auseinandersetzen. Er ist gerade – und ungerade. Und das setzt Max wunderbar um. Auf der anderen Seite hat er ganz einfach, wie auch Ronnie Zehrfeld, körperlich das Zeug für die Actionsequenzen, die Verfolgungsduelle.

ARTE: "Im Angesicht des Verbrechens" lief auf der diesjährigen Berlinale und wurde von vielen Kritikern gar als ein Höhepunkt des Filmfestivals gefeiert. Wie kommt eine Fernsehserie auf die Berlinale?
Dominik Graf: Das liegt am großartigen Interesse der Berlinale an allem, an jedem Experiment, an jedem Meter Film, in dem sich etwas anderes bewegt als das Übliche.

ARTE: Was denken Sie über den aktuellen deutschen Fernsehfilm?
Dominik Graf: Es ist inzwischen so weit gekommen, dass beinahe alle Filme, die im Fernsehen gute Quote machen, Filme sind, die den Zuschauer systematisch unterfordern. Das weist auf eine gefährliche Entwicklung hin. Es soll nicht heißen, dass Filme mit schwacher Quote automatisch gut sein müssen, wirklich nicht, aber man sieht, dass der Geschmack erfolgreich in Grund und Boden gewirtschaftet wurde. Es müssen sich jetzt diejenigen Redakteure durchsetzen, die eine absolute kulturelle Hoch-Qualität des Programms wollen und nichts anderes. Und die bereit sind, für ein solches Programm alles zu tun. Es gibt etliche quotenhörige Apparatschiks in den Sendern, ja. Aber das Pendel schwingt jetzt zurück.

ARTE: Warum haben Sie eine Fernsehserie gemacht? Ist die Zeit gekommen, den US-amerikanischen Serien ebenbürtige deutsche Serien gegenüberzustellen?
Dominik Graf: Sicher, aber "Im Angesicht des Verbrechens" ist ja eine Miniserie in zehn Episoden, ein Langfilm in Portionen sozusagen. Basedow wollte gewiss nicht die Dramaturgie-Maschinen der US-Serien kopieren.

ARTE: Was ist das Geheimnis einer gut funktionierenden Serie?
Dominik Graf: Originelle Figuren vielleicht? Solche wie Columbo oder Dr. House? Nicht alle Serien, die gut funktionieren, sind Meisterwerke.

ARTE: Der Deutschen liebste Krimiserie ist der "Tatort". Sie verteidigt eine Art Monopol für leicht gehobene TV-Unterhaltung. Wie stilprägend ist der Tatort?
Dominik Graf: Der Tatort der 70er und 80er gab deutschen Regisseuren meiner Generation die Chance, ihren eigenen Stil im Polizeithriller zu entwickeln. Ich habe in dieser Zeit nur einmal, 1984, mit einem Schimanski-Film einen ganz eigenen "Tatort" entwickelt. Ansonsten habe ich damals vor allem den "Fahnder" gemacht, das war meine Serien-Spielwiese. Die Polizeithriller waren sicherlich der kreativste Ort im deutschen Film. Heute sind davon nur Fragmente übrig, denn im Vordergrund der TV-Thriller steht jetzt nicht mehr der reine Erzählstil, sondern das jeweilige sozial relevante Thema des Films. Genau diese Entwicklung droht aber, die Thriller zur politisch korrekten Einheitsware auszutrocknen.

ARTE: Wie war es, Ihre neue Serie während der Berlinale auf der Leinwand zu sehen?
Dominik Graf: Ich habe mich wieder in die Gesichter verliebt. Und ich habe alle meine Regiefehler überlebensgroß gesehen, glauben Sie mir, aber es war mir egal. Ich war glücklich, dass ich diese Figuren inszenieren durfte. Das nächste Mal versuche ich, es noch besser zu machen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE CORINNA DAUS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

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DOMINIK GRAF (57) gehört zu den erfolgreichsten Kino- und TV-Regisseuren Deutschlands. Er schreibt Drehbücher und tritt als Schauspieler auf. Bereits mit seinem Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen gewann er den Bayerischen Filmpreis. Der große Durchbruch gelang 1988 mit "Die Katze" mit Götz George. Es folgten TV-Produktionen wie "Der Fahnder" oder "Hotte im Paradies". Zuletzt erschien im Kino "Der rote Kakadu".

Mein Leben – Dominik Graf • 25.4. • 17.00

Kategorien: April 2010