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ALLES NUR KÄSE?

Almauftrieb, Ziegenmelken, Schuhplattlern. Wie Sarah Wiener das bewerkstelligt, zeigen ihre neuen kulinarischen Abenteuer, die sie nun auf eine Tour durch eine große, vielfältige Region führen – die Alpen: Sie reist durch Deutschland, Österreich, Frankreich und die Schweiz, wo natürlich landestypisch gekocht und gegessen, aber auch traditionell gearbeitet wird: bei Bauern, Sennern, Hirten, Fischern und Winzern. Im Interview erzählt Sarah Wiener Anekdoten vom Dreh und betont die Bedeutung des bewussten Einkaufens.

ARTE: Als Fan der Berge haben Sie es sicher genossen, eine kulinarische Reise durch die Alpen zu machen …
Sarah Wiener: Es hat mich schon lange gereizt, in den Alpen zu drehen. Aber es gab natürlich auch viele Schwierigkeiten. Wie transportieren wir das Material? Wo können wir übernachten? Gibt es tatsächlich eine Alpenküche? Und als wir dann herausgefunden haben, dass es natürlich so etwas wie eine Alpenküche gibt und auch der Transport mehr oder minder zu bewältigen ist, war die Freude groß.

ARTE: Wie waren die Dreharbeiten?
Sarah Wiener: Ich glaube, dass die kulinarischen Abenteuer in den Alpen meine allerschönsten Dreharbeiten waren. Einfach, weil es hier so wahnsinnig schön ist. Egal, wo man hinfährt, man steigt aus, dreht sich um und hat dieses Panorama! Andererseits ist der Berganstieg zum Beispiel beim Almauftrieb manchmal hart. Aber die Aussicht oben entschädigt immer.

ARTE: Bei einem Dreh ging’s besonders steil und auch gefährlich zu. Erzählen Sie von der Gämsenjagd …
Sarah Wiener: Das war wirklich ein Abenteuer! Nachdem ein Jäger die Gämse geschossen hatte, mussten wir sie zwei Stunden lang suchen. Sie war in eine Schlucht gefallen und an einem Abhang liegen geblieben, an dem es 100 Meter steil hinunter ging. Die Gämse wog nur 35 Kilo, aber es schienen mir 130 Kilo zu sein, als wir sie hochzogen. Zum einen mussten wir wirklich aufpassen, dass wir nicht abstürzen, zum zweiten hat es große Überwindung gekostet, die noch warme, tote Gämse zu berühren. Ich war völlig fertig. Das Essen hatte ich mir redlich verdient nach dieser Schufterei. Ich bin gespannt auf die Bilder.

ARTE: Sie haben in den Alpen auch einige Traditionen kennengelernt. Was war schwieriger: Alphornblasen oder Ziegen melken?
Sarah Wiener: (lacht) Eindeutig das Alphornblasen. Ich habe zwar einen zerquetschten Ton herausbekommen, aber das war alles und es hat wirklich ein bisschen weh getan. Bei der Ziege ist deutlich mehr und Nützlicheres herausgekommen.

ARTE: Die Alpen vereinen verschiedene Esskulturen. Sind viel Käse und deftige Gerichte die wichtigsten Gemeinsamkeiten?
Sarah Wiener: Naja, jeder kennt dieses Klischee, dass es in den Alpen fette Würste und viel Käse gibt. Das stimmt auch zum Teil, denn in den Alpen wird viel Vieh gehalten und somit viel Milch zu Käse verarbeitet. Andererseits hat die Alpenküche so viele regionale Spezialitäten, dass ich denke, ich könnte noch 20 Alpenfolgen machen, ohne am Ende angelangt zu sein.

ARTE: Ausflüge ohne Auto, lokaler Bioanbau – die Nähe und der Respekt gegenüber der Natur scheinen Leitmotive der neuen Reihe zu sein.
Sarah Wiener: Jeder der mich kennt, weiß, dass für mich der Ursprung der Produkte der wesentliche Teil beim Kochen ist. Natürlich macht es einen großen Unterschied, ob man ein Bio-Tier verarbeitet, das artgerecht gelebt hat, oder einen Apfel, der nicht gespritzt wurde, oder ob es eine Hybrid-Frucht beziehungsweise ein Hybrid-Huhn ist, das wir zubereiten. Da wir ja in der Reihe auch etwas über den Ursprung der Lebensmittel vermitteln wollen und mit dem Zuschauer lernen wollen, wie sie entstehen, ist es natürlich ganz wichtig, dass wir einen hohen Anspruch an die Erzeuger haben.

ARTE: In der Stadt sind aber Biobauern selten nebenan. Welchen Gütesiegeln und Biolabels im Supermarkt kann man vertrauen?
Sarah Wiener: Bio ist nicht gleich Bio. Zwischen der Bio-Richtlinie der EU und einem zertifizierten Label von Demeter und Bioland liegen Welten. Der Verbraucher aber weiß das kaum. Ich selber gehe nicht bei Discountern einkaufen, selbst wenn sie eine Bio-Linie haben, weil ich gerne kleine, mittlere und regionale Produzenten und Geschäfte unterstütze. Auch wenn das manchmal ein bisschen mühsamer und natürlich teurer ist als im Supermarkt. Aber man muss Prioritäten setzen und sich fragen, wie viel man für Essen ausgeben möchte. Natürlich kann sich nicht jeder Bioprodukte leisten, aber der Durchschnittsdeutsche könnte sich schon mehr leisten, als er es derzeit tut. In den 70er Jahren hat man noch 33 Prozent seines Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, heute sind es nur noch elf! Trotzdem schreien wir noch, alles koste zuviel und schauen darauf, wie wir noch mal zehn Cent sparen können. Das ist dem Sektor der Lebensmittelherstellung überhaupt nicht dienlich. Wenn man sieht, welche Mühe es macht, Dinge anzubauen, zu pflegen, zu ernten und Tiere zu halten, dann – und das ist meine heimliche Hoffnung – bekommen die Menschen vielleicht wieder ein größeres Bewusstsein für das, was sie essen und wertschätzen sollten.

DAS INTERVIEW FÜHRTE SABINE LANGE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

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SARAH WIENER AUF WWW.ARTE.TV: Sie finden kurz vor Ausstrahlung im Internet unter www.arte.tv/sarahwiener ein umfangreiches Dossier: zahlreiche Videos mit unveröffentlichtem Drehmaterial, alle Rezepte, Adressentipps und Fotos. Zudem einen Wandertipp pro Region und ein Gewinnspiel mit attraktiven Preisen.

Kategorien: April 2010