KAMPF UM JEDEN TROPFEN

Schwindende Vorräte, steigender Verbrauch, der Klimawandel weitet die Trockenzonen aus. Heute fehlt über einer Milliarde Menschen der Zugang zu Trinkwasser. Zwei Jahre lang bereiste der französische Intellektuelle Erik Orsenna den Globus und dokumentierte die Schönheit, aber auch die Gefahren, die von der wichtigsten Ressource des Lebens ausgehen. Seine literarische Reportage "Die Zukunft des Wassers. Eine Reise um unsere Welt" erscheint nun in deutscher Übersetzung.

ARTE: Die Katastrophe in Haiti macht auf dramatische Weise sichtbar: Wenn Wasser knapp wird, entstehen schnell Spannungen zwischen den Menschen. Ist es deshalb notwendig, über Wasser zu schreiben?
Erik Orsenna: Wasser ist der wichtigste aller Rohstoffe. Ohne Wasser stirbt man. Außerdem ist Wasser ein wunderbarer Spiegel der Gesellschaft: Sage mir, wie du deine Wasserversorgung organisierst, und ich sage dir, in was für einer Gesellschaft du lebst.

ARTE: Aber Wasser kann auch als Druckmittel dienen.
Erik Orsenna: Natürlich. Warum hat die Türkei eine solche Macht über den ganzen Nahen Osten? Weil sie den Oberlauf von Euphrat und Tigris kontrolliert.

ARTE: Aaron Wolf, Geograf der Oregon State University, behauptet, es gäbe keine Kriege um Wasser, vielmehr zwinge Wassermangel die Staaten zur Kooperation …
Erik Orsenna: Bis vor kurzem waren Wasserkriege in der Tat sehr selten. Da Wasser lebensnotwendig ist, einigen sich die Menschen und teilen es untereinander auf. Seit 15 Jahren treten diese Konflikte aufgrund des demografischen Drucks und der städtischen Konzentration jedoch immer häufiger auf. Und sie sind gewaltsam. In 25 Jahren werden 350 Millionen Menschen in Ägypten, dem Sudan und Äthiopien um das Nilwasser kämpfen – ohne jede Kontrolle und nicht weit weg vom Nahen Osten, dem Jemen und Somalia. In diesem Punkt finde ich Aaron Wolf zu optimistisch. Ansonsten bin ich seiner Meinung: Es gibt keine globale Wasserkrise. Es gibt keinen globalen Wassermarkt, wie es einen globalen Erdölmarkt gibt. Wasser ist immer ein lokales Problem.

ARTE: Welches sind die anderen Risikogebiete?
Erik Orsenna: Der ganze südliche Mittelmeerraum: In den nächsten 30 Jahren wird dort die Niederschlagsmenge vermutlich um 20 Prozent zurückgehen, während sich die Stadtbevölkerung verdoppelt! Krisengebiete sind auch Nordmexiko und der westliche Himalaja. In Indien sinkt der Grundwasserspiegel und aufgrund des Klimawandels schmelzen die Gletscher in den mittleren Höhen. Ergebnis: In 30 Jahren führen Ganges und Indus im Sommer möglicherweise kein Wasser mehr, was örtliche Durstrevolten auslösen könnte. Und schließlich ist noch China zu nennen, wo es im Süden zu viel und im Norden zu wenig Wasser gibt.

ARTE: Welcher Ort hat Sie auf Ihrer Recherchereise zum Thema Wasser am meisten beeindruckt?
Erik Orsenna: Israel – im Guten wie im Schlechten. Im Schlechten, weil Israel den Palästinensern 80 Prozent des Wassers stiehlt. Man muss sich einmal vorstellen: Wenn ein Palästinenser bei sich zu Hause einen Brunnen bauen will, braucht er die Genehmigung eines bilateralen Ausschusses, in dem die Israelis ein Vetorecht haben! Aber den Palästinensern bleibt keine Wahl: Ohne Wasser sterben sie. Zum Guten zähle ich die israelische Forschung auf dem Gebiet der Wiederverwendung von Abwasser, des Wasserrecyclings, der genveränderten Pflanzen mit niedrigem Wasserverbrauch oder auch der Entgiftung.

ARTE: In Ihrem Buch zitieren Sie einen Palästinenser: "Wann werden die Israelis begreifen, dass jeder Swimmingpool hundert Terroristen hervorbringt?"
Erik Orsenna: Wenn Ihnen 30 Liter pro Person und pro Tag zur Verfügung stehen, was das absolute Minimum ist (Deutschland: 120 Liter), wenn man Ihnen den Anschluss an die Wasserversorgung verweigert und wenn sich gleichzeitig auf Ihrem Boden israelische Siedler niederlassen, die über fließendes Wasser verfügen und sich auch noch einen Swimmingpool bauen, dann ist das einfach unerträglich.

ARTE: Gibt es internationale Konventionen, die es verbieten, Wasser in Konflikten als Waffe zu verwenden?
Erik Orsenna: Sie wissen ja, dass Konventionen im Kriegsfall gar nichts ausrichten können …

ARTE: Über das Wasser verbreitete Krankheiten, Wasserverschmutzung und Überschwemmungen kosten jährlich 2,5 bis 5 Millionen Menschen das Leben – viel mehr als die Wasserkriege, oder?
Erik Orsenna: Kriege verkaufen sich besser, die wahren Probleme sind jedoch Malaria und Cholera. Oder in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, wo das Wasser verschmutzt ist und das Grundwasser Arsen enthält. Von fehlenden Kläranlagen ganz zu schweigen. 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keine Toiletten!

ARTE: Einige behaupten, durch die Privatisierung des Wassers würde die Verschwendung abnehmen. Andere wiederum lehnen sich gegen die Wasserprivatisierung auf, beispielsweise in Bolivien, wo 2000/2001 bei Krawallen Menschen ums Leben kamen. Wer hat Recht?
Erik Orsenna: Dazu habe ich keine grundsätzliche Meinung: Ich habe städtische Wasserwerke gesehen, die völlig ineffizient und korrupt sind und private Firmen, die schwache Gemeinden zu absolut skandalösen Verträgen zwingen, wie im bolivianischen Cochabamba. Mir liegt daran, dass die Leute Wasser zu einem angemessenen Preis bekommen, und zwar immer und in guter Qualität. Es ist ein Mythos, dass Wasser nichts kosten dürfe, da es "natürlich" und im Besitz aller sei. Wasser hat einen Preis und man muss wissen, wer ihn zahlt. Wenn die Ärmsten so wenig wie möglich dafür bezahlen sollen, dann aus menschlicher Solidarität.

ARTE: Sind Sie optimistisch oder pessimistisch?
Erik Orsenna: Optimistisch, denn das Problem ist weniger der konkrete Wassermangel als die Ignoranz der Politik. Mit dem Willen – das heißt auch dem Geld – der Politik kann etwas getan werden.

DAS INTERVIEW FÜHRTE PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE INTERVIEW

ERIK ORSENNA: geb. 1947, Ökonom und mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, ehemaliger Berater von François Mitterrand und Mitglied der Académie française

ARTE PLUS

WASSERBEDARF:

2 Liter Wasser pro Tag braucht der Mensch, um nicht zu verdursten. Die WHO kalkuliert 7 bis 15 Liter am Tag zum Überleben im Notfall. Der Minimalbedarf inkl. Kochen und Waschen liegt bei 25 Litern pro Person, ab 50 Litern ist ein zumutbares Niveau erreicht. In Industriestaaten beträgt der tägliche Wasserverbrauch über 100 Liter pro Tag (Deutschland: 122, USA: 295). Ein Äthiopier lebt mit 12 Litern.

BUCH-TIPP: "Die Zukunft des Wassers", Erik Orsenna, C.H.Beck

Kategorien: März 2010