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WALKAMPF IN DEN WELTMEEREN

Zwischen den steil aufragenden Schiffswänden wirkt das kleine Greenpeace-Schlauchboot dramatisch deplatziert. Klein und verwundbar tänzelt es auf den Wellen, stets in Gefahr, von den Riesen links und rechts erdrückt zu werden. Männer mit gelben Helmen stehen oben auf der Reling und lassen eiskalte Wasserfontänen niedergehen: So sieht es aus, wenn Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace im Südpolarmeer verhindern wollen, dass ein japanisches Walfangschiff Treibstoff von einem Tanker aufnimmt. Doch irgendwann drohen die zwei rot gekleideten Aktivisten auf dem Schlauchboot zu kentern. Die Walschützer müssen ihren Protest abbrechen und werden Zeugen, wie Pakete mit Walfleisch auf den Tanker umgeladen werden.

Zählung der Bestände schwierig

Eigentlich gibt es seit 1986 ein Moratorium für den Walfang. Doch noch immer werden weltweit jedes Jahr viele hundert der Meeressäuger getötet. Die Jäger kommen unter anderem aus Japan, Norwegen und Island. Keines der Länder ist auf den Walfang angewiesen und doch mag in den betreffenden Hauptstädten niemand von dem blutigen Brauch lassen. Für die Japaner ist der Walfang in den Krisenjahren nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig geworden. Das Walfleisch diente damals als billige Proteinquelle und half gegen den Hunger. Ältere Japaner erinnern sich bis heute daran. Im Rekordjahr 1962 kamen 226.000 Tonnen Walfleisch auf den japanischen Markt, heute sind es nur um die 2.000 Tonnen. Oft sind eher Prestigefragen der Grund für das Festhalten am Walfang, so will man sich in Japan nicht von anderen Staaten bevormunden lassen. Manch einer in Tokio wittert hinter Initiativen zum Walschutz westlichen Kulturimperialismus. Für andere Regierungen, etwa in Grönland, spielen auch wirtschaftliche Erwägungen in strukturschwachen Gebieten eine Rolle.

Es gibt kaum eine andere Tierart, um deren Schicksal so öffentlichkeitswirksam gerungen wird, wie um das der Wale. Sie sind Sympathieträger, gelten als intelligent, kommunikationsfreudig und gesellig. Die Tiere sterben längst nicht nur durch Harpunen, sondern auch durch Sonarlärm, Zusammenstöße mit Schiffen, die Folgen des Klimawandels oder verschluckten Plastikmüll. Wie stark einzelne Populationen bedroht sind, können Forscher kaum sagen, Zählungen sind schwierig. Stark vereinfacht lässt sich festhalten, dass die Lage der Tiere schon einmal dramatischer war, aber die Bestände sich längst noch nicht von der intensiven Jagd früherer Tage erholt haben. Jahrtausendelang hat man den Walen nachgestellt – und viele Arten zu Anfang des 20. Jahrhunderts an den Rand der Ausrottung gebracht.

Lücken in den Schutzregeln

Um den Schutz der Meeressäuger kümmert sich – zumindest theoretisch – seit 1946 die Internationale Walfangkommission (IWC). Wichtige Entscheidungen in diesem Gremium können nur mit Zweidrittelmehrheit der 85 Mitglieder gefällt werden. Deshalb bemühten sich sowohl Befürworter als auch Gegner jahrelang, die Zahl der Staaten aufzublasen. Es wird vermutet, dass Japan einige Entwicklungsländer für den Beitritt bezahlt haben könnte. Die Regeln der IWC erlauben Walfang für die Zwecke indigener Bevölkerungen, zum Beispiel in Grönland. Dort soll in den kommenden Jahren das Töten von 50 der seltenen Buckelwale erlaubt werden. Japan und Island setzen hingegen auf eine andere IWC-Ausnahme, die sich über die Jahre als Riesenlücke herausgestellt hat. Sie erlaubt das Harpunieren der Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken – auch wenn große Teile des Fleischs dann im Handel landen. "Research" steht deswegen in großen Buchstaben auf den japanischen Walfangschiffen. Das 1946 gegründete japanische Institute of Cetacean Research gibt an, mit den Verkaufserlösen des Fleischs die Forschungsarbeit zu finanzieren. Man untersuche bei den Tieren u.a. Ohrenschmalz, Zahnbeschaffenheit und Mageninhalt, so die Japaner. Walschützer gehen davon aus, dass allein japanische Schiffe in den vergangenen Jahren rund 13.000 Wale getötet haben.

Ende in Sicht?

"Es gibt keinen Unterschied zwischen Japanern, die Wale jagen, und Wilderern, die in einem Nationalpark in Kenia Elefanten jagen – außer, dass die Wilderer arm und schwarz sind", sagt Paul Watson, Chef der Walschutzorganisation Sea Shepherd Conservation Society. Von ihm befehligte Schiffe mit Aktivisten an Bord haben Japans Fangflotte sechs Jagdperioden hintereinander nachgestellt. In dieser Fangsaison setzten Watsons Leute auf ein besonders futuristisches Hilfsmittel. Sie brachten das Schnellboot "Ady Gil" zum Einsatz, um den Walfängern den Weg zu ihrer Beute zu versperren. Die Konstruktion aus Kohle- und Kevlarfaser hält mit 61 Tagen den Rekord für die schnellste Weltumrundung. Die Walfänger antworteten ebenfalls mit Hightech und setzten Schallkanonen ein, um die Öko-Aktivisten zu verscheuchen. Anfang Januar kam es zu einem dramatischen Zwischenfall, als die "Ady Gil" nach einem Zusammenstoß mit den japanischen Schiffen in zwei Hälften zerbrach. Die Besatzung konnte immerhin unversehrt gerettet werden.

Nach wie vor bezuschusst die Regierung in Tokio den Walfang. Umweltschützer hoffen jedoch darauf, dass der Geldhahn schon in diesem Jahr zugedreht wird. Auf der Suche nach Einsparmöglichkeiten zum Stopfen von Haushaltslöchern hat eine Sparkommission entsprechende staatliche Subventionen ins Visier genommen.
"Wale sind lebend wertvoller als tot", glaubt der australische Umweltminister Peter Garret. Und in der Tat: Das Beobachten der Meeressäuger ist zu einem bemerkenswert großen Tourismuszweig herangewachsen. Er setzt nach Schätzungen des International Fund of Animal Welfare (IFAW) rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr um. Mit Walfleisch sind dagegen nach Ansicht der Umweltschützer von Sea Shepherd nur etwa 150 Millionen Dollar pro Jahr zu verdienen.

In der IWC tobt seit Jahren ein Kampf darum, ob der Walfang ganz verboten wird – oder vielleicht doch in kleinem Umfang erlaubt sein soll. Keine der beiden Seiten konnte sich bisher durchsetzen. Australien jedenfalls will, dass die Japaner ihre Fangzüge im Südozean möglichst bald für immer beenden, wie Ministerpräsident Kevin Rudd betonte: "Wenn wir das nicht mit diplomatischen Mitteln regeln können, werden wir international juristische Schritte ergreifen. Ich meine das ernst."

GASTAUTOR CHRISTOPH SEIDLER IST WISSENSCHAFTSREDAKTEUR BEI SPIEGEL-ONLINE UND AUTOR DES SPIEGEL-BUCHS "ARKTISCHES MONOPOLY – DER KAMPF UM DIE ROHSTOFFE DER POLARREGION"

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Waljagd in Europa:
Auch in Europa werden Wale noch gejagt. Island z.B. harpuniert seit 2006 wieder Finnwale. Sie seien rund um die Insel nicht bedroht, so die Regierung. Umweltschützer gehen davon aus, dass der geplante EU-Beitritt Islands ein Ende des Walfangs bedeuten könnte; Norwegen jagt v.a. Zwergwale, 485 wurden in der vergangenen Saison getötet – obwohl die in Oslo festgelegte Quote fast doppelt so hoch war. Seit Jahren schon schöpfen die Skan-dinavier die Kontingente nicht mehr aus. Grund sind u.a. Absatzprobleme.

Kategorien: Februar 2010