STILLE KRIEGER

Eric Klemm

Eric Klemm

25.000 Kilometer mit Mietwagen und Flugzeug von Alaska bis nach Neumexiko im Süden der USA: Der Fotograf Eric Klemm reiste ein Jahr lang durch Nordamerika und fotografierte die Nachfahren der indianischen Ureinwohner von über 120 Stämmen. Seine Porträts sprechen von tiefer Traurigkeit, aber auch von Hoffnung. Zum ARTE-Programmschwerpunkt „Land der Indianer“ sprach das ARTE Magazin mit dem Fotografen über seine Eindrücke.

 

ARTE: Herr Klemm, mögen Sie Karl May?
Eric Klemm: Natürlich habe ich als Kind Karl May gelesen und war begeistert. Als ich nach Kanada ausgewandert bin, hatte ich plötzlich Kontakt zu echten Indianern. Da dachte ich wieder an Winnetou und Old Shatterhand zurück. Aber Karl May war ein Träumer. Was er geschrieben hat, war vielleicht vor langer Zeit wahr. Heute sind Indianer die Sinti und Roma Amerikas: unterdrückt und diskriminiert, ohne Geld, ohne Job, oft heimatlos, obdachlos.

ARTE: Wie sieht das Leben im Reservat aus?
Eric Klemm: Reservate sind die traurigsten Orte, die ich je gesehen habe. Man muss sie sich wie heruntergekommene Sozialsiedlungen vorstellen. Die Regierungen haben den Indianern ihr Land mit wunderbaren Wäldern und Flüssen weggenommen, ihnen stattdessen irgendein unbedeutendes klitzekleines Areal gegeben und erbärmliche Häuschen daraufgestellt. Indianer sind sehr fest mit ihrem Heimatland verbunden. Jeder Baum ist ihnen wichtig. Die Reservate haben sich nie mit Leben gefüllt, weil die Indianer dort unglücklich sind. Ich habe einmal einen alten Mann kennengelernt, der sagte: „Ich lebe lieber auf der Straße als im Reservat.“ Das sagt alles.

ARTE: Wie muss man sich den Alltag dort vorstellen?
Eric Klemm: Als ich zum ersten Mal in ein Reservat fuhr, war ich entsetzt. Ich hatte erwartet, die Menschen in ihren Gärten zu sehen und mit ihnen über den Zaun hinweg zu reden. Aber ich habe kaum einen Menschen gesehen. Es gibt dort keine sozialen Strukturen, allenfalls Zentren, in denen sich die jungen Leute treffen und Musik machen können, um von Alkohol und Drogen wegzukommen.

ARTE: Leben denn noch viele Indianer in Reservaten?
Eric Klemm: Viele gehen in die Städte, um dort Arbeit zu finden. Es gibt zwar noch die Regelung, dass Indianer keine Steuern zahlen müssen, aber sie ist scheinheilig, denn sie gilt nur, wenn man im Reservat arbeitet – wo es aber keine Arbeit gibt. Wo die Verzweiflung am größten ist, sind Drogen ein großes Problem. Vor allem Alkohol. In den Nordwest-Territorien Kanadas, wo es besonders einsam ist, sind manchmal ganze Dörfer betrunken.

ARTE: Ist die Situation in den USA besser?
Eric Klemm: Ja. Wirtschaftlich geht es den Indianern in den USA zum Teil besser. In Florida zum Beispiel betreiben Indianer Kasinos in den Reservaten. Da verdient jeder Bewohner mit. Manche Florida-Indianer sind sogar Millionäre. In Kanada wird das nun auch versucht. Ein Freund von mir, Dancing Bear, arbeitet als Kulturkoordinator in einem Touristenressort. Mit Golfplatz und Kasino wollen sie dort jetzt noch mehr Touristen anlocken.

ARTE: Wie war Ihre Vorgehensweise beim Porträtieren?
Eric Klemm: Ich wollte nichts beschönigen. Ich habe zunächst immer versucht, die Leute völlig natürlich zu porträtieren. Doch passierte etwas, was ich nicht vorausgesehen hatte: Nämlich, dass sich eine solche Traurigkeit durch viele Porträts ziehen würde. Zum Beispiel bei Linda (Buchcover, S. 27, Anm. der Red.). Mir ist zwar ihr tolles Gesicht aufgefallen, aber nicht dieser starke Ausdruck in ihrem strengen Blick.

ARTE: Sind Sie nie auf glückliche Indianer gestoßen?
Eric Klemm: Doch, sogar einige Male. Auf Micki Free zum Beispiel, einen Seminole-Indianer, der in den Everglades lebt und sich sehr aktiv für seine Kultur einsetzt. Er ist ein brillanter Gitarrist und Flötist und hat schon viele Preise gewonnen, u.a. einen Grammy. Auch finanziell geht es ihm gut. Micki ist einer der wenigen Glücklichen, die auf der Bühne stehen, im Rampenlicht. Andere bleiben im Dunkeln, wie bei Bertold Brecht.

ARTE: Was entscheidet über Erfolg oder Misere?
Eric Klemm: Das bringt die Bildung mit sich. Das dauert natürlich Generationen. Inzwischen gibt es Indianer, die studiert haben und deren Kinder wiederum zur Universität gehen. Vor 100 Jahren dachte man noch, Indianer würden von der Bildfläche verschwinden. Inzwischen sehen sie wieder eine Zukunft, die sie lange nicht hatten. In den Reservaten ist das allerdings manchmal ein Problem. Britany, ein junges Mädchen, erzählte, dass sie manchmal schief angeschaut wird, weil sie die Einzige im Reservat ist, die studiert.

ARTE: Was tun die Regierungen für die Indianer?
Eric Klemm: Barack Obama hat im November 2009 den Indianern auf einer Konferenz mehr Rechte zugesichert. In Kanada gibt die Regierung momentan der indianischen Bevölkerung Land zurück. Das ist vor allem das Verdienst der jungen Indianer, die Jura studiert haben und nun als Rechtsanwälte den Staat verklagen. Trotzdem habe ich Hass aber ganz selten erlebt. In den meisten Fällen herrscht eher eine Versöhnungsbereitschaft. Die meisten Indianer sind die friedlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann, das ist schon in ihrer Philosophie verankert.

ARTE: Gibt es von Alaska bis nach Neumexiko eine gemeinsame indianische Identität?
Eric Klemm: Ja, Indianer halten zusammen. Sie fühlen sich alle als Indianer und sind sehr stolz darauf, gerade die junge Generation.

ARTE: Träumen Indianer 2010 immer noch von ihren Jagdgründen oder ist das ein Klischee in unseren Köpfen aus vergangenen Zeiten?
Eric Klemm: Wenn ein Indianer eine Geschichte erzählt, spricht er ganz gewiss davon, wie der Großvater noch Büffel gejagt hat oder ihn mit zum Fischen nahm. Das ist der Stoff, aus dem die Geschichten sind.

ARTE: Wie präsent sind Traditionen im Alltag?
Eric Klemm: Es gibt Clubs und die oft mehrere Tage lang dauernden Powwos, bei denen Traditionen gepflegt werden. Hunderte kommen zusammen, tanzen und trommeln und man trägt die traditionelle Kleidung. Da fühlt man sich zurückversetzt in die alte Zeit.

ARTE: Hat Sie Ihre Reise zu den Indianern verändert?
Eric Klemm: Die Reise hat einen anderen Menschen, einen besseren Menschen aus mir gemacht. Das fürchterliche Elend ging mir sehr nahe. Ich bin kein politischer Mensch, ich will keine Botschaften verbreiten. Ich bin Künstler. Aber ich hoffe, dass meine Bilder helfen, die Situation der Indianer heute besser zu verstehen.

DAS INTERVIEW FÜHRTE DIANA AUST

ARTE PLUS

 

BUCH-TIPP: „Die Indianer Nordamerikas. Kunst, Traditionen und Weisheit der amerikanischen Ureinwohner“, National Geographic Deutschland 2009; „Silent Warriors“, Eric Klemm, Steidl 2009

Kategorien: Februar 2010