JAPAN, EINE LIEBE

Vor mehr als 25 Jahren war ich zum ersten Mal in Japan. Mit meinem Film "Mitten ins Herz", der zum Filmfestival nach Tokio eingeladen wurde, stolperte ich in dieses Land wie in einen Traum. An meinem ersten Abend in Tokio taumelte ich wie betäubt durch die tropisch-feuchtheißen Straßen, auf den Taxis leuchteten bunte Lampions und ein Strom dunkel gekleideter Menschen zog wie ein riesiger Fischschwarm an mir vorbei. Ich saß im Festivalkino und wollte viel lieber das Land sehen. So marschierte ich mit einem Schild, bemalt mit den japanischen Zeichen für Tokio, aus dem Kino hinaus und nahm den nächstbesten Zug raus aus der Stadt. Überwältigt wanderte ich dort durch Tempel und Bambuswälder und glaubte, im Paradies gelandet zu sein.

Bewusstsein für Vergänglichkeit

1994, fast zehn Jahre später, kam ich wieder. Mit meiner kleinen Tochter entdeckte ich die japanische Badekultur und übernachtete in Minshukus, kleinen traditionellen Pensionen, die oft nur ein Gemeinschaftsbad haben. Fasziniert beobachtete ich die große Sorgfalt der alltäglichen Gesten: das Bettenmachen, das Baden, die Art etwas einzuwickeln. Immer gab es eine besondere Achtsamkeit und Liebe zu den Dingen und zum Detail, die auch einen Namen hat: mono no aware. Es gibt unzählige Übersetzungen, aber am besten gefällt mir: entzückt und wehmütig, angerührt sein von den Dingen. Vielleicht ist es ein ausgeprägteres Bewusstsein für Vergänglichkeit und ein konzentriertes Vergnügen an den einfachen Dingen des Lebens.

Zurück in Deutschland sah ich die Filme des japanischen Regisseurs Yasujiro Ozu. Während der Zeit an der Filmhochschule waren sie mir zu langsam gewesen. Nun erkannte ich in ihnen eben dieses mono no aware wieder. Zugleich war Ozus konstantes Thema auch mein Lebensthema geworden: die Familie. Nach dem Tod meines Mannes 1996 war ich überzeugt, dass ich ohne ihn, meinen Kameramann, keine Filme mehr machen könnte. Ein Freund überredete mich, es dennoch zu versuchen: Ich zog jeden Tag ohne Plan mit einer kleinen Kamera los, um einfach zu beobachten. Das war ganz anders als in der Fiktion eine Wirklichkeit herzustellen. Die Amateurvideokamera war eine Tarnkappe: Ich musste nur stillhalten und schauen. So zu drehen erschien mir geeigneter, den Dingen auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, wie das Leben funktioniert.

Kirschblüten – Hanami

Entscheidend hat mich für meinen Film "Kirschblüten – Hanami" Ozus Film "Die Reise nach Tokio" von 1953 inspiriert. Dort begibt sich ein älteres Ehepaar auf eine Reise vom Westen in den Osten – und wird durch den Tod getrennt. Ich entwickelte die Geschichte des verwitweten Mannes weiter, der in der Fremde einen Menschen findet, der sich seiner annimmt, ohne mit ihm eine Sprache zu teilen: die Butohtänzerin Yu. Butoh habe ich nicht in Japan, sondern eines nachts bei ARTE entdeckt, in einem Dokumentarfilm von Peter Sempel über den Butohtänzer Kazuo Ohno. Der Tanz entstand in den 1960er Jahren als Mischung aus japanischer Hippiebewegung und deutschem Ausdruckstanz. Es geht um die Darstellung von Licht und Schatten, Entstehen und Vergehen. Fasziniert sah ich Kazuo Ohno als alten Mann in Frauenkleidern in Zeitlupe tanzen – und das war eigentlich schon alles. Es war weder Pantomime, noch der Versuch, eine Frau darzustellen, sondern die visuelle Darstellung der Anwesenheit der Toten in uns. Die Geschichte zu "Kirschblüten – Hanami" begann für mich auch mit dieser Idee des Butoh, dass in all unseren Bewegungen die Verbindung zu unseren Vorfahren sichtbar wird. Denn die Toten träumen von uns. Und sämtliche Zeichen der Vergänglichkeit sind kleine Postkarten, die sie uns schicken. Die Kirschblüte als Symbol für Vergänglichkeit hat eine lange japanische Tradition, ebenso wie der Vulkan Fuji. Im März 2006 machte ich mich auf die Suche nach Kirschblüten und Fujisan. Als ich ihn sah, war ich sprachlos. Er ist übernatürlich. Es war ganz klar: Der Fuji musste in den Film und auch die Kirschblüte sollte in ihrer Vergänglichkeit filmisch festgehalten werden. Doch langsam häuften sich die schwer kalkulierbaren Naturereignisse für mein Filmprojekt: Kirschblüte, freie Sicht auf den fast immer in Nebel gehüllten Fuji. Als Ausgangspunkt für die ganze Geschichte hatte ich mir auch noch das Allgäu in den Kopf gesetzt, das mir in den letzten 18 Jahren zur Heimat geworden war. Dazu sollte als größtmöglicher Kontrast Berlin vorkommen: vom Allgäu nach Berlin, an die Ostsee, nach Tokio, und am Ende zum Fujisan.

Nichts ist wie gewohnt

Dazu war eine Produktionsweise nötig, die alle Unwägbarkeiten einplante. Die Zauberformel hatte ich bei anderen Projekten zuvor ausprobiert: kleines Team, digitale Technik. Für diese Art zu filmen braucht man mutige Schauspieler. Denn jeder Drehtag ist unvorhersehbar. Elmar Wepper, der im Film den Witwer Rudi spielt, war für mich ein Wunder. Er ist ein furchtloser, hingebungsvoller Schauspieler mit riesigem Herz und Können, den nichts aus der Ruhe bringt. Gleich am ersten Drehtag in Tokio klemmte er sich in überfüllte U-Bahnwagons. Drei Tage später beschloss der Fujisan, sich zu enthüllen, laut Vorhersage nur für einen einzigen Tag. Wir mussten die Gunst der Stunde nutzen und eine schwierige Butoh-Tanzszene am Fuße des Vulkans sofort zu drehen. So fanden sich die eben erst gelandete Hannelore Elsner und Elmar Wepper morgens um vier zum Schminken im Hotelflur wieder, um im Nachthemd bei null Grad unter Fujisan zu tanzen. Für alle war die Mischung von Realität und Fiktion seltsam beglückend, als sei der Unterschied zwischen Wachen und Träumen aufgehoben, und kaum klar, wo wir uns jeweils befanden. Aber zu jeder Zeit fühlten wir uns näher an dem Eigentlichen: Entzückt und wehmütig angerührt von den Dingen. Vielleicht war das mono no aware. Vielleicht.

AUS: DORIS DÖRRIE: "KIRSCHBLÜTEN – HANAMI", DIOGENES VERLAG

ARTE GASTAUTORIN
DORIS DÖRRIE lebt in München. Die erfolgreiche Film- und Opernregisseurin, Professorin, Produzentin und Autorin etablierte 1985 mit ihrem Film "Männer" das intelligente Genre der Männerkomödie.

ARTE PLUS

KIRSCHBLÜTEN – HANAMI, DER FILM: Nur Trudi weiß, dass ihr Mann Rudi Krebs im Endstadion hat. Sie beschließt, es vor ihm geheim zuhalten und überredet ihn, die Kinder in Berlin zu besuchen. Bei einem Ausflug an die Ostsee stirbt überraschenderweise jedoch nicht Rudi, sondern Trudi. Als Rudi erfährt, dass seine Frau gerne Butohtänzerin geworden wäre, beschließt er nach Japan und zum Fujisan zu reisen. Dort lernt er mit Hilfe der jungen Butohtänzerin Yu die Wünsche seiner Frau zu verstehen.

Kategorien: Februar 2010