DIE GANZE GESCHICHTE

Ein klobiges Bürohaus am Münchner Stadtrand. Draußen scheint die pittoreske Ödnis auf die Kamera eines Wim Wenders oder David Lynch zu warten. Drinnen haben Sonnenlicht und Außenwelt nichts zu suchen. Hier, bei der Firma Alpha & Omega, werden Filme restauriert. Genauer gesagt treffen sich hier Filmwissenschaft, Programmierkunst, der Umgang mit Chemikalien, die für Chemiebaukästen nicht geeignet sind, und eine Riesenportion Enthusiasmus für die Arbeit der digitalen Filmrestaurierung. Für jeden Cineasten gibt es Orte und Situationen, bei denen ihm ein mehr oder weniger heiliger Schauer den Rücken hinunterläuft. Uns hat es hier erwischt: Beim ersten Ansehen eines digital restaurierten Teils von Fritz Langs gewaltigem Stummfilm "Metropolis". Eines Teils, den wir noch nie gesehen haben.

Ein abenteuerlicher Fund

Bevor wir in die "verlorenen" Szenen von "Metropolis" eintauchen, lassen wir uns zwei Geschichten erzählen. Die eine vom abenteuerlichen Fund des Materials für die vollständigste Fassung des Films seit seiner Uraufführung. Die andere von einer gänzlich neuen Methode, Filmbilder, die wegen zahlloser Schrammen und Laufstreifen nur noch schemenhaft erkennbar sind, durch den Einsatz neu entwickelter Rechenprogramme so zu restaurieren, dass Lichtführung und Kontraste wieder dem entsprechen, was der Regisseur 1925/26 gedreht hat.

Über die Geschichte des Fundes berichtet Helmut Poßman, Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, welche die Restaurierungsarbeiten leitet, und es fällt ihm dazu zunächst das dezente Wort "kurios" ein: Fernando Pena, ein leidenschaftlicher Filmliebhaber, hatte gegen Ende der 1980er Jahre ein Gespräch mit dem Leiter eines kleinen Filmclubs in Buenos Aires. Der beklagte sich über die Mühen bei der Projektion einer Kopie von "Metropolis". Mehr als zwei Stunden müsse er da neben dem Projektor stehen und auf den alten Film drücken, damit er nicht aus der Führung springe. Die "mehr als zwei Stunden" waren entweder die kleine Übertreibung eines gestressten Projektionisten – oder aber der Hinweis auf eine sensationelle Entdeckung.

Denn "Metropolis", das ist auch die unglückliche Geschichte einer Filmverstümmelung, von der man bis vor kurzer Zeit glaubte, sie sei unwiderruflich. Heute sehen wir in Fritz Langs Film gerne den Zeitgeist der 20er Jahre, eine wilde Mischung aus Zukunftsangst und Vision, christlichem, marxistischem und leider auch protofaschistischem Gedankengut. Zum Zeitpunkt seiner Uraufführung aber schien dieser bis dahin teuerste deutsche Film den Geschmack des Publikums gründlich zu verfehlen. Und auch die Kritik blieb, bei aller Begeisterung für die technischen Leistungen, höchst skeptisch. "Ein sachliches Thema grausam verkitscht. Effekte, nicht weil Weltanschauungen zu Explosionen drängen, sondern weil der Film seine Tricks will. Der Schluss, die tränenreiche Versöhnung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer – entsetzlich." So etwa vernichtete der Berliner Börsen-Courier am 11. Januar 1927 "Metropolis" nach seiner Uraufführung. Damals war der Film 4.189 Meter lang, was einer Dauer von etwa 154 Minuten entspricht. Nachdem Kritik und Zuschauer ihre Gefolgschaft verweigert hatten, wurde im Auftrag der Parufamet-Verleihfirma eine drastisch gekürzte Version zusammengeschnitten, die sich an eine Fassung anlehnte, für die der amerikanische Autor Channing Pollock verantwortlich zeichnete. Freimütig hatte er bekannt, sich auf die Handlung einen eigenen Reim gemachten zu haben. Als der Film in der neuen Fassung wieder in die deutschen Kinos kam, betrug seine Länge nur noch 3.241 Meter.

Zu schön um wahr zu sein

Schnitt in das heutige Buenos Aires. Hier hatte die Erwähnung der langen Fassung von "Metropolis" unserem Filmenthusiasten Fernando Pena keine Ruhe gelassen. Doch die Suche ging zunächst einmal ins Leere, vermutlich hatte das "Museo del Cine" Angst vor fremden Blicken auf mehr oder weniger sachgemäß gelagerte Schätze der Filmgeschichte. Erst als Paula Félix-Didier, früher die Ehefrau von Fernando Pena, die Leitung des Filmmuseums übernahm, wurde die Suche intensiviert und hatte sehr rasch Erfolg. Bis freilich die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung die Kopie endlich sichten und den Startschuss für die Restauration geben konnte, waren noch etliche Telefonate, E-Mails und Reisen über den Ozean nötig. Die Geschichte von der beinahe originalgetreuen Kopie von "Metropolis" war einfach zu schön, als dass man sie auf Anhieb hätte glauben können.

Rehabilitierung eines Meisterwerks. Der Plot von "Metropolis" ist einigermaßen bekannt: In der Zukunft herrscht ein gewisser Johann Fredersen über eine industrielle Weltstadt, in der sich die Arbeiter bis zur Erschöpfung an gewaltigen Maschinen plagen. Als Fredersens Sohn Freder das Elend in dieser "Unterwelt” gewahr wird, stellt er sich auf die Seite der Rebellion, zumal er sich in die schöne Maria verliebt, die dort, in den Katakomben, ein urchristliches Ideal der tätigen Nächstenliebe verkörpert. Doch da gibt es noch einen Schurken, den Erfinder Rotwang, der mit Fredersen eine persönliche Rechnung offen hat. Mithilfe eines Roboters, der die Züge von Maria erhält, nutzt er die Rebellion der Arbeiter für sich. Es kommt zur Katastrophe. Und am Ende, als Metropolis gerade noch dem Untergang entgangen ist, zu jener berühmt berüchtigten Versöhnung von Geist und Hand, vermittelt durch das Herz.

Durch die neuen Szenen erhält vieles in dem Film neue Bedeutung. Das Original ist emotionaler und menschlicher als das, was wir bislang als architektonisch kühnes Filmmärchen kannten. Besonders beeindruckend ist etwa die Szene, in der die Kinder aus der Unterstadt flüchten, die gerade – was erst in der vollständigen Version erkennbar wird – durch das Wasser aus der Oberstadt geflutet wird. Diese Szene enthält beides, eine deutlich schärfere Kritik an der Klassenstruktur der Stadt, und eine emotionale Wucht, die möglicherweise nach Meinung der Verleiher damals das Publikum überforderte. Auch heute noch geht die Szene einem an Katastrophenbildern geschulten Blick sehr nahe.

Beinahe ebenso wichtig in der neuen Fassung: Wir sehen, dass Metropolis von Menschen bewohnt wird. Die alten Fassungen zeigen einen archetypischen Konflikt, und schon von daher ist beim Ansehen immer etwas auseinandergebrochen: die Bewunderung für die visuelle Kraft des Films und das Kopfschütteln über die seltsame Ideologie (von der sich übrigens Fritz Lang später vehement distanziert hat). In der restaurierten Fassung entdecken wir nun die innere Verwandtschaft von Metropolis mit dem Berlin der 20er Jahre. Und darin Menschen, die ähnlich hin und hergerissen sind zwischen Lebensgier und Loyalität, Verantwortung und Mitläufertum. Dieses Metropolis hat nicht nur eine äußere Gestalt, sondern auch ein Innenleben. Und Fritz Langs Film hat wieder, was ihm genommen worden war: eine Seele.

Seelenarbeit am Computer

Bis der Film dieses verlorene Leben vermittelt, mussten die wiederentdeckten Szenen wie in einem Puzzlespiel in die bisherige Version von "Metropolis" eingefügt werden. Der Fahrplan zur Rekonstruktion entstand in der Murnau-Stiftung in Wiesbaden, Grundlage war die überlieferte Originalmusik von Gottfried Huppertz mit ihren 1028 Angaben zum synchronen Zusammenspiel von Film und Orchester. Im Anschluss wurde ein eigenes Programm zur digitalen Verarbeitung beschädigter Filmbilder entwickelt. "Es geht darum", so Thomas Bakels von Alpha & Omega, "das Bild zu reparieren, ohne seine Integrität zu verletzen. Es darf keinen fremden Inhalt durch die Bearbeitung geben, nicht ein einziges Pixel wird von uns verändert". Wie das im einzelnen funktioniert, wird natürlich nicht verraten. Aber wir ahnen, dass auch ein Computer damit beginnen kann, Bilder nicht mehr bloß zu erkennen, sondern sie auch zu "denken". Nach der digitalen Bearbeitung wird das Ergebnis wieder auf Film kopiert, damit die Bilder die ursprüngliche Körnigkeit erhalten. So erscheint der Film nicht wie eine kalte digitale Rekonstruktion, sondern so, als säße man gerade im Kino. 1927 vielleicht.

Dazu trägt schließlich auch bei, was dem rekonstruierten "Metropolis" den letzten entscheidenden Hauch einer Seele gibt, die Musik. Die Leitlinie der Restaurierung bildet nun die Partitur der Originalmusik von Gottfried Huppertz, die der Dirigent Frank Strobel minutiös rekonstruiert und bildgenau mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin einstudierte. Am 12. Februar werden wir "Metropolis" nicht nur sehen, sondern auch hören, ganz nahe an dem, wie es die Besucher der Berliner Premiere getan haben. Vielleicht mit einem kleinen Unterschied: Wir wissen, was wir an diesem cineastischen Meisterwerk haben, das wir beinahe verloren hätten.

DIE ARTE-GASTAUTOREN GEORG SEESSLEN, FILMKRITIKER UND AUTOR, UND MARKUS METZ, JOURNALIST, ZEIGEN GEMEINSAM DAS MULTIMEDIA-PROJEKT "ZUKUNFT DES KINOS"

ARTE PLUS

PUBLIC VIEWING: Die Weltpremiere der rekonstruierten "Metropolis"-Fassung im Friedrichstadtpalast wird live und öffentlich am Brandenburger Tor übertragen. Am 12. Februar ab 20.15

AUSSTELLUNG: "The complete Metropolis", Sonderausstellung des Museums für Film und Fernsehen in Berlin. Bis 25. April 2010 BUCH-TIPP: "Fritz Langs Metropolis", Hg. Deutsche Kinemathek, Belleville-Verlag 2010

Kategorien: Februar 2010