60 JAHRE BERLINALE

Die ersten vor dem Festival-Palast sind die Autogrammjäger. Dann treffen die Kameraleute und Fotografen ein. Und schließlich: das Publikum. Hunderte Menschen eilen in den Palast oder verharren gespannt vor den Türen. Wie sich ein Sinfonieorchester auf das Zeichen des Dirigenten konzentriert, erwarten alle den Moment, wenn die Limousinen vorfahren. Und während vor dem Berliner Nachthimmel Blitzlichter explodieren und das Jubelgeschrei der Fans aufrauscht, schreiten sie über den roten Teppich: die Stars der Berlinale. In diesem Jahr sind es aller Voraussicht nach Pierce Brosnan, Nicole Kidman, Clint Eastwood, Kate Hudson, Martin Scorsese, George Clooney, Roman Polanski, Denzel Washington. 2010 ist der VIP-Faktor besonders hoch, denn zum 60. Geburtstag der Berlinale sind viele Gäste, Stars und Preisträger vergangener Jahre geladen.

Ein Publikumsmagnet

Doch die Auftritte auf dem roten Teppich sind nur glamouröser Einstieg in das Programm, das an zwölf Tagen in rund 950 Vorführungen knapp 400 Filme aus der ganzen Welt zeigt. Neben dem glanzvollem Abendspektakel setzt die Berlinale auf cineastische Vielfalt und Qualität. Dass das Filmfest in seinen 60 Jahren nicht an Strahlkraft eingebüßt hat, liegt aber vor allem an seinem leidenschaftlichen, neugierigen und treuen Publikum. Die Berlinale ist, wie Festival-Chef Dieter Kosslick stolz erklärt, "das vielleicht größte Publikumsfestival weltweit". Während sich die Festspiele in Cannes und Venedig an ein Fachpublikum richten, standen 2008 in Berlin knapp 16.000 Fachbesuchern und 4.000 internationalen Journalisten 275.000 verkaufte Eintrittskarten gegenüber. Wieland Speck, Chef der Berlinale-Sektion Panorama, die für innovatives Kino steht, weiß: "Die Berlinale ist ein Metropolen-Festival. Die Stadt ist ein Magnet für eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, die politisch und eigenständig sind und ein Klima schaffen, in dem besondere Filme sowohl entstehen als auch ihr Publikum finden."

Eigenständigkeit – diese Idee bewegt bereits 1951 die Gründer der Internationalen Filmfestspiele Berlin, sechs Jahre nach Kriegsende. Der damalige Berliner Bürgermeister Ernst Reuter nennt Berlin in seiner Eröffnungsrede eine "Insel der Freiheit und Unabhängigkeit". Die Filmfestspiele sollen ein "Schaufenster der freien Welt" werden – und das an der noch durchlässigen Schnittstelle von Ost und West. Stars wie Gary Cooper, Errol Flynn, Walt Disney, Maria Schell oder Sophia Loren folgen schon in den ersten Jahren der Einladung an die Spree und werden von den Berlinern enthusiastisch begrüßt.

In den 1960er Jahren mausert sich die Berlinale, nun ein Festival in einer geteilten Stadt, zum Forum für das europäische Kino, das sich für den Rummel-Faktor anfangs noch "Busenstars" wie Jayne Mansfield einlädt. Doch Ostkonflikt, Mauerbau und der Kalte Krieg prägen die Welt, die Stadt und das Festival. Statt Starkult ist bald kritische Auseinandersetzung gefragt, die Studentenrevolten stehen kurz bevor.

Porno, Pop und Politik

Die 70er Jahre werden das turbulenteste Jahrzehnt der Berlinale. Gleich zu Beginn, im Jahr 1970, sorgt der Antiamerikanismus in Michael Verhoevens Vergewaltigungsdrama "o.k." für einen Eklat. Die Jury unter dem amerikanischen Regisseur George Stevens ("Giganten") tritt zurück, das Festival wird abgebrochen. 1972 erregt der muntere Erotikfilm "Pasolinis tolldreiste Geschichten" die Gemüter, eine poppige Adaption der "Canterbury Tales" des englischen Dichters Chaucer. Darf eine Kulturveranstaltung wie die Berlinale derart anrüchige Filme zeigen? Sie tut es und überlebt auch den nächsten Skandal: Die japanisch-französische Produktion "Im Reich der Sinne" über eine Amour fou in den 1930er Jahren wird 1976 beschlagnahmt und die Festspielleitung wegen Verbreitung von Pornografie angezeigt.

Doch vor allem bleibt das Festival in Berlin Ort der kulturpolitischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Seit 1974 gibt es sowjetische Filme in West-Berlin zu sehen und 1975 mit Frank Beyers Ghetto-Drama "Jakob, der Lügner" den ersten Film aus der DDR. 1979 jedoch reisen die Vertreter mehrerer sozialistischer Länder ab, aus Protest gegen Michael Ciminos Darstellung der nordvietnamesischen Streitkräfte in seinem Kriegsfilm "Die durch die Hölle gehen". Die Turbulenzen der 70er Jahre geben dem damaligen Festivalchef Moritz de Hadeln überraschenderweise Rückenwind. "Mein Auftrag lautete ausdrücklich, den kulturellen Dialog zwischen den politischen Systemen zu fördern", charakterisiert er seine Arbeit. In der Praxis ist dieser Dialog damals keinem Event so geglückt wie der Berlinale, wo Ost und West jährlich ein Kinofest feiern, in dem die Mauer nur in den Köpfen der Machthaber zu bestehen scheint.

Die Politik bleibt in den 80er Jahren ständige Begleiterin des Festivals: 1986 überwirft sich Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida mit ihren Co-Juroren über Reinhard Hauffs Terroristendrama "Stammheim", das dennoch mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wird. 1987 etabliert die Berlinale selbstbewusst den schwul-lesbischen Filmpreis "Teddy", dessen erster Preisträger Pedro Almodóvar mit seinem Film "Das Gesetz der Begierde" wird. 1988 gewinnt mit Zhang Yimous "Das rote Kornfeld" zum ersten Mal ein chinesischer Film – noch dazu einer, der in seiner Heimat heftig kritisiert wird. Das Festival bleibt damit seiner Tradition treu, unterdrückte Filmemacher zu unterstützen. Während des Kalten Kriegs dürfen auch sowjetische Regisseure ihre "verbotenen Filme" in Berlin zeigen, die beim Berlinale-Publikum interessierte Aufnahme finden.

Typisch Berlinale

Ende der 1980er Jahre erreicht Glasnost die Berlinale. Schon lange träumt Moritz de Hadeln davon, Filme auch im Ostteil Berlins zu zeigen und endlich sagt das DDR-Kultusministerium einem Treffen mit dem Festivaldirektor jenseits des Grenzübergangs Checkpoint Charlie zu – am 10. November 1989. "Natürlich wartete am Tag nach dem Mauerfall niemand auf mich. Ich war wohl der Einzige, der in die andere Richtung über die Grenze ging", erzählt de Hadeln heute. 1990 ermöglicht die bevorstehende Wiedervereinigung schließlich ein Festival in beiden Teilen der Stadt – und Julia Roberts und Sally Fields, die Stars aus dem Südstaaten-Drama "Magnolien aus Stahl", besteigen publicitywirksam die Überreste der Berliner Mauer.

Für Dieter Kosslick, seit 2002 Leiter des Festivals, hat die Berlinale heute ungebrochen politische Relevanz: "Die politischen Bezüge sind heute natürlich anders. Aber Kunst und Film bleiben weiterhin Seismografen globaler Entwicklungen." Gleichzeitig gesteht er augenzwinkernd seine Angst, die Außentemperatur könnte im Februar unter Null fallen: "Wir möchten doch auch schöne Frauen in Abendkleidern auf dem roten Teppich sehen." Typisch Berlinale. Hier stehen die Fans trotz Schneeregen vor den Kinos, hier diskutiert das Publikum bis in die Morgenstunden selbst über spröde Dokumentationen mit den Filmemachern, hier wird jede Nacht zur Party. Es ist die besondere Mischung aus Glamour, Anspruch und Berliner Bodenständigkeit, in der sich jeder zu Hause fühlt. Vom Hollywoodstar bis zum Filmfan. Dass hier eigenwillige Regisseure wie Gus van Sant oder Catherine Breillat Erfolge feiern, liegt laut Panorama-Chef Speck auf der Hand: "In Berlin geht es ums Sein, nicht um den Schein. Und das liegt an unserem Publikum. Diesem verrückten, schwierigen, anspruchsvollen Publikum."

SILKE SCHÜTZE

BEI ARTE: DIE GOLDENEN FILME

Während vom 11. bis 21. Februar die Gewinner der diesjährigen Berlinale auserkoren werden, holt ARTE sieben Goldene Bären der Festivalgeschichte zurück auf den Bildschirm.

Wilde Erdbeeren, 1958, Ingmar Bergman: Ein Tag im Leben des Wissenschaftlers Isak Borg, der auf dem Weg zu einer feierlichen Ehrung in (Alp-)Träumen mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Nach eigenen Angaben verarbeitete Bergman in dem Meisterwerk die Beziehung zu seinem Vater. MO • 15.2. • 20.15

Alphaville, 1965, Jean-Luc Godard: 1965 war ein Jahr der kritischen Filme für die Berlinale. Auch Godards gefühlskalte Vision einer computergesteuerten Welt sorgte für Kontroversen. Seine Mischung aus Sciencefiction und "Film noir" zeigt Angst und Ungewissheit vor der Kulisse des Paris dieser Zeit.

MO • 8.2. • 20.15

Pasolinis tolldreiste Geschichten, 1972, Pier Paolo Pasolini: Die Teilung der Berlinale in die Sektionen "Wettbewerb" und "Forum" führte zu Unsicherheiten bei der Auswahl der Festivalfilme. Der Goldene Bär für Pasolini galt als Verlegenheitslösung – sein Genie hat er an anderer Stelle bewiesen. MI • 10.2. • 23.10

Die Sehnsucht der Veronika Voss, 1982, Rainer Werner Fassbinder: Im letzten Film seiner BRD-Trilogie ließ sich Fassbinder vom tragischen Niedergang des UFA-Stars Sybille Schmitz inspirieren und setzt sich kritisch mit dem politischen und kulturellen Klima in den 1950er Jahren auseinander. DO • 18.2. • 20.15

Sinn und Sinnlichkeit, 1996, Ang Lee: Für die Literaturverfilmung von Jane Austens Gesellschaftsroman "Sense and Sensibility" lieferte die Hauptdarstellerin Emma Thompson das Drehbuch. Der Eröffnungsfilm einer Berlinale voller Glamour und Stars wie Jodie Foster, Julia Roberts oder Bruce Willis.

MO • 22.2. • 20.15

Magnolia, 2000, Paul Thomas Anderson: Durch das herausragende Ensemble und seine starke humanistische Note ragte das dreistündige Epos im Wettbewerb der 50. Berlinale klar heraus. Rasantes Drama in mehreren Erzählsträngen mit dem erfolgreichen Soundtrack von Aimee Mann. DO • 11.2. • 20.15

Tuyas Hochzeit, 2007, Wang Quan’an: In einem von starken Schauspielerinnen bestimmten Wettbewerb setzte sich das ruhig erzählte Drama durch Ausdruckskraft und Ästhetik durch. Die mehrfach ausgezeichnete Hauptdarstellerin Yu Nan ist international bekannter als in ihrer Heimat China. MI • 17.2. • 22.00

ARTE PLUS

DIE FESTIVALSEKTIONEN:

Wettbewerb: Rund 20 Spielfilme ringen jährlich um den Goldenen Bären. Panorama: Neue Filme renommierter Regisseure und spannende Debütfilme. Forum: Das
"Internationale Forum des Jungen Films" zeigt Unkonventionelles von Avantgarde bis Essay und unbekannte Formen der Kinematografie. Generation: Kinder- und
Jugendfilme bewertet von einer Kinderjury. Perspektive Deutsches Kino: Trends im deutschen Film. Berlinale Special: Neuproduktionen und Wiederaufführungen von Klassikern. Berlinale Shorts: Kurzfilme. Retrospektive: 40 ausgewählte Filme aus der Geschichte der Berlinale. Hommage: an herausragende Einzelpersönlichkeiten des Films. Kulinarisches Kino: Filme zu kulinarischen und ökologischen Themen, dazu ein Menü und Gespräche.

Kategorien: Februar 2010