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ALLAHS BRÄUTE

Israel nennt sie Terroristinnen, Palästina Märtyrerinnen: Frauen, die terroristische Akte gegen Israel geplant oder ausgeübt haben. Doch was sind die Beweggründe dieser Frauen, ihr Leben, ihre Freiheit, ihre Familie für Palästina zu opfern? Die Regisseurin Natalie Assouline hat Insassinnen eines israelischen Hochsicherheitstraktes zwei Jahre lang begleitet. Ihre Botschaft an den Zuschauer: Entscheide selbst!

ARTE Magazin: Frau Assouline, Sie sind Israelin, warum haben Sie einen Film über palästinensische Selbstmordattentäterinnen gemacht?
Natalie Assouline: Seit 2003 gibt es immer mehr Frauen, die Selbstmordattentate verüben. Vorher waren es nur Männer, die fünf Frauen der ersten Intifada 1987 ausgenommen. Ich konnte nicht verstehen, warum eine Frau, eine Mutter sich selbst in die Luft sprengen will. Nach all den Zeitungsartikeln, die ich über sie gelesen hatte, wollte ich diese Frauen kennen lernen und selbst entscheiden, was richtig und was falsch ist.

ARTE Magazin: Warum gibt es mehr weibliche Attentäter als zuvor?
Natalie Assouline: Ein Attentat, das von einer Frau verübt wird, bekommt einfach mehr Aufmerksamkeit in den Medien.

ARTE Magazin: Haben Sie verstanden, was diese Frauen motiviert?
Natalie Assouline: Es gibt viele Antworten. Eine ist, dass die Frauen etwas für Palästina, für die Zukunft ihrer Kinder tun wollen, anstatt zu Hause herumzusitzen. Das ist aber nur die Oberfläche. Bohrt man tiefer, wird klar, dass die meisten gezwungen wurden.

ARTE Magazin: Gezwungen von wem?
Natalie Assouline: Von Menschen, die für die Hamas arbeiten oder den Islamischen Dschihad. Sie suchen gezielt Frauen, die nicht so leben, wie es von ihnen erwartet wird. Die Ehre der Frau, die Ehre der Familie ist in den Dörfern von enormer Bedeutung. Die Frauen müssen Regeln befolgen: das Haar bedecken, sich nicht schminken, nicht mit Fremden sprechen – verstoßen sie dagegen, sind sie leichte Beute für die Extremistengruppen. Sie werden erpresst: "Entweder du arbeitest für uns oder wir werden dich und deine Familie im Dorf bloßstellen." Ich glaube, den Frauen bleibt einfach keine Wahl. Dennoch, egal wie sehr diese Frauen Opfer sind: Wenn du tötest, bist du nicht mehr Opfer, sondern Täter.

ARTE Magazin: Obwohl viele dieser Frauen ihre Kinder im Stich lassen mussten, zeigt Ihr Film wie sie stolz, sogar lächelnd von ihren Taten erzählen. Kann man da noch von Zwang sprechen?
Natalie Assouline: Manche dieser Frauen werden ihr Leben lang im Gefängnis bleiben, sie müssen an den Sinn ihrer Tat glauben, um zu überleben. Die Frauen rechtfertigen das, was sie getan haben, indem sie sich in die Religion flüchten und ihre Tat glorifizieren: Sie taten es für Palästina, für Gott. Viele dieser Frauen werden im Gefängnis extremistischer. Beim betrachten der stolzen Gesichter darf man aber nicht vergessen, dass die Frauen vor der Kamera nicht das erzählen durften, was sie mir ohne Kamera sagten.

ARTE Magazin: Was war das?
Natalie Assouline: Dass sie keine Wahl hatten, dass es um Ehre ging. Bei fast jeder dieser Frauen findet sich hinter dem Attentat ein persönlicher Grund. Im Film versuche ich, das an Rania zu zeigen, der einzigen, die offen zugibt, dass sie den terroristischen Akt nicht ausübte, um Palästina zu retten, sondern um vor ihrer Familie zu flüchten. Sie wurde misshandelt, im Gefängnis ist sie sicher. Die Frauen hatten Angst, mir diese Dinge zu erzählen, doch als sie es taten, wusste ich: Erst jetzt ist der Film fertig.

ARTE Magazin: Sehen die Frauen die Haft also als etwas Gutes?
Natalie Assouline: Als ich das Gefängnis das erste Mal betrat, war ich sehr beeindruckt von der Welt, die sich diese Frauen geschaffen hatten. Sie fühlen sich dort frei, es gibt keine Männer, sie werden stark.

ARTE Magazin: Stark genug, den Dschihad zu beenden?
Natalie Assouline: Im Gespräch mit der Insassin Manal fragte ich "Wann hört der Krieg auf?" Sie sagte, er gehe weiter, solange es die israelische Besetzung gäbe. Ich fragte, was wäre, wenn sich Israel aus Palästina zurückzöge? Die Antwort: "Solange auf der Welt ein Muslim lebt, der leidet, wird es nicht vorbei sein." Der Dschihad wird also niemals enden!

ARTE Magazin: Hat der Film Ihre Sicht auf den israelisch-palästinensischen Friedensprozess geändert?
Natalie Assouline: Ja, natürlich. Zu Beginn des Drehs war ich überzeugt davon, dass es Frieden geben wird. Nichts sprach dagegen: Wir sind Menschen, sie sind Menschen. Nach dem Film wurde mir klar, dass die Sichtweise der beiden Völker so grundverschieden ist, dass es keine gemeinsame Sprache geben wird.

ARTE Magazin: Gibt es keine Resozialisierungsprogramme, die vor der ideologischen Verblendung schützen? Wäre das nicht im Interesse Israels?
Natalie Assouline: Ich stellte dem Direktor des Gefängnisses dieselbe Frage und er sagte mir, sein Job sei es, diesen Frauen einen Ort zu geben, an dem sie ihre Haft absitzen können und nicht, sie zu erziehen. Ich persönlich denke, dass solche Projekte großartig wären, selbst wenn die Frauen nur Blumen züchteten …

ARTE Magazin: Haben Sie mit den Frauen Freundschaft geschlossen?
Natalie Assouline: Es entstand eine besondere Beziehung, zwei Jahre sind eine lange Zeit. Für einige dieser Frauen war ich die erste Person aus Israel, die sie kennenlernten, die kein Soldat war. Manche würde ich gerne wiedersehen, aber ich darf sie seit Beendigung des Drehs nicht mehr besuchen. Einige von ihnen sind nun frei, aber ich kann nicht über die Grenze. Klar gibt es immer ein Loch im Zaun, aber ich ziehe vor, es nicht zu benutzen … Ich wünsche ihnen allen einfach ein glückliches Leben.

DAS INTERVIEW FÜHRTE CORINNA DAUS

ARTE PLUS

BÜCHER ZUM THEMA:

"Männerwaffe Frauenkörper?", Claudia Brunner (2005);

"Selbstmordattentäter – Warum Menschen zu lebenden Bomben werden", Christoph Reuter, (2003);

"Heute sprenge ich mich in die Luft – Suizidanschläge im israelisch-palästinensischen Konflikt: Ein wissenschaftlicher Beitrag zur Frage des Warum", Thorsten Gerald Schneiders (1996)

FILM-TIPP:

"Paradise now" von Hany Abu-Assad (2006)

Kategorien: Januar 2010