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KÜSS‘ DIE HAND, MADAME

0Ein Gentleman ist er – keine Frage. Immer adrett gekleidet, höflich, bescheiden, sympathisch. Mit seinem Palast Orchester tourt Max Raabe seit mehr als 20 Jahren durch die Welt und obwohl die meisten seiner Lieder ungefähr 80 Jahre alt sind und auf Deutsch vorgetragen werden, singt er sich in die Herzen der Menschen. Das Publikum liebt diesen zeitlosen Klang, versteht die Zwischentöne, den Humor und die Ironie von Liedern wie "Ich steh’ mit Ruth gut" oder "Mein kleiner grüner Kaktus" – egal ob in New York, Tokio oder Moskau. Max Raabe und das Palast Orchester feierten mit ihrer Tournee "Heute Nacht oder nie" Riesenerfolge weltweit. ARTE zeigt einen ihrer Auftritte in Berlin sowie ein Porträt des Künstlers. Das ARTE Magazin traf Max Raabe nach einem Konzert in Augsburg.

ARTE: Von Ihrem Namensvetter Wilhelm Raabe stammt das Wort, das deutsche Genie komme zu Dreivierteln oder mehr aus der Provinz.
Max Raabe: Ha! (lacht). Und das soll ich sein?

ARTE: Ich weiß nur, dass Sie aus der Provinz kommen. Kann es sein, dass das Aufwachsen in der Provinz auch einen Schub hinaus in die weite Welt gibt?
Max Raabe: Ich glaube eher: Wenn irgendetwas in einem steckt, ist es egal, wo man aufwächst oder wo man hineingeboren wurde. Gewiss verlief meine Kindheit zunächst fernab aller künstlerischen Aktivität in Lünen, einer Stadt in Westfalen mit 88.000 Einwohnern. Meine Mutter hatte als junges Mädchen ein bisschen Klavier gespielt, mein Vater war Bauer und hatte als junger Mann zum Zweck der Dokumentation ein paar Schmalfilme über den Hof gedreht. Manchmal wurden Operetten bei uns zu Hause gehört, aber auch sehr viel James Last. Später dann sang ich im Kinderchor der Kantorei meines Internats und hatte immer einen Freundeskreis, in dem sehr viel Musik gemacht wurde. Irgendwie bin ich froh, dass meine Eltern mich nicht so ambitioniert erzogen haben, wie manche Eltern das heute tun.

ARTE: Ein bisschen anders als die anderen waren Sie aber schon, oder?
Max Raabe: Das klingt zu zauselig. Ich hatte immer einen großen Freundeskreis, war immer mittendrin, nein, ein wunderlicher Knabe war ich nicht. Jedes Kind hat eine Parallelwelt. Sobald sich aber irgendwelche Spinnereien bei mir entwickelten, haben meine Eltern dagegen gehalten.

ARTE: In Ihrer Kindheit hatte die katholische Kirche starken Einfluss …
Max Raabe: Die Kirche hat unsere Freizeit gestaltet. Wir hatten drei Geistliche in der Gemeinde. Ich war lange Messdiener, sang in der Kantorei – eine tolle Zeit. Erst sehr viel später fiel mir auf, dass die wohl durchdachten Choreografien unserer Konzerte ihren Ursprung in den Inszenierungen der katholischen Kirche haben.

ARTE: Kirche sei "wie nach Hause fahren", sagen Sie im ARTE-Porträt "Mein Leben – Max Raabe".
Max Raabe: Gut, dass Sie das ansprechen. Wenn ich in einem anderen Land in ein katholisches Gotteshaus komme, dann habe ich immer ähnliche Empfindungen. Egal ob gotische oder romanische Kirchen: Die Gerüche, das Licht, die Atmosphäre sind eigentlich immer gleich. Man kommt herein und scheint alles wiederzuerkennen. Und dann das Gefühl von Stille! Wenn man im Hochsommer ein Kirchenschiff betritt, dann erfasst es einen sofort: Es ist kühl und ruhig. All das kenne ich aus meiner Kindheit. Die Suche nach dieser Stille und Stimmung ist gar nicht so sehr religiös motiviert, sondern eher eine Suche nach dem Bekannten.

ARTE: Mögen Sie denn geistliche Musik?
Max Raabe: Einen Teil meiner Schulzeit verbrachte ich in der Lateinischen Schola; wir haben gregorianische Choräle und Madrigale gesungen, nicht nur für den Kirchendienst, auch für uns selbst. Diese alten Formen zu singen ist ungemein beglückend. Ihre Schlichtheit – im schönsten Sinne des Wortes – und Klarheit fasziniert mich, diese ganz auf das Wesentliche reduzierte Kunst. Ob ich mich langweilen würde, wenn ich sie hören müsste, weiß ich allerdings nicht (lacht)!

ARTE: Statt Kantor zu werden, begeisterten Sie sich für die Schlager der 1920er und frühen 30er Jahre.
Max Raabe: Mein Repertoire ist doch die lustigste Popmusik der letzten 80 Jahre! Ich war zwölf, als ich im Radio zum ersten Mal die Comedian Harmonists hörte und dann fand ich eine Schellack-Platte im Schrank meiner Eltern: "Ich bin verrückt nach Hilde", ein Foxtrott, ein bisschen heiter, ein bisschen traurig.

ARTE: Viele schieben Sie mit Ihrem Repertoire in die Nostalgie-Ecke, aber das ist es nicht …
Max Raabe: Nein, das wäre mir viel zu wenig! An sich ist das Wort Nostalgie ein sehr schönes Wort wie auch Sehnsucht. Es fragt sich nur wonach? In Deutschland versteht man darunter gleich: Früher war alles besser. Dann bekommt das alles so eine muffige Note. Unsere Stücke haben etwas Zeitloses, sind scharf in ihrer Beobachtung und von präziser Wortspielerei. Ihr Humor muss nicht übersetzt werden. Wichtig ist, dass man sie in ihrer ursprünglichen Form mit entsprechendem orchestralen Arrangement darbietet.

ARTE: Man nennt Sie den Buster Keaton der Sänger: kein anbiederndes Lächeln, keine sentimentalen oder politisch korrekten Botschaften, keine raumgreifenden Bewegungen; stattdessen: cooles Pokerface, ironische Kommentare und dann dieser Augenaufschlag …
Max Raabe: Das hat sich alles durch Zufall so ergeben. Gerade die albernen Geschichten wirken umso komischer, je reduzierter man sie vorträgt. Die Stücke wie "Heute Nacht oder nie" oder "Die Liebe kommt, die Liebe geht" tragen sehr große Gefühle in sich. Mit diesen sollte man nicht mit der Tür ins Haus fallen. Früher dachte ich mir, wenn die Musiker sitzen, könnte ich dies auch tun. Aber irgendwie sah das nicht gut aus. Jetzt stehe ich am Flügel und schlage manchmal das rechte vor das linke Bein, viel mehr muss man gar nicht machen, wenn man diese wunderbaren Texte hat.

ARTE: 2005 engagierte Sie Schockrocker Marilyn Manson für seine Hochzeit. Waren Sie überrascht?
Max Raabe: Ja, ziemlich! Er hatte uns in Russland gehört, da waren wir mit einer Platte sehr lange in den Charts. Er hat sich von uns alle Scheiben besorgt und
zu Hause in Los Angeles angehört. Zu seiner Hochzeit bat er mich dann um die musikalische Gestaltung.

ARTE: Für einen Jungen aus Lünen schon ein interessanter Ausflug …
Max Raabe: Wir haben ein etwa 45-minütiges Konzert auf einem Schloss in Irland gegeben, die Stimmung wurde so gut, dass wir später unsere Instrumente noch einmal ausgepackt und gespielt haben. Dann wurde getanzt, wir durften mitfeiern, es war eine tolle Atmosphäre. Natürlich waren die Leute exaltiert. Dennoch: Herr Manson selbst ist ein sehr zurückhaltender, höflicher und scheuer Mensch. Er saß da und beobachtete die Menschen, das fand ich ganz sympathisch.

ARTE: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Max Raabe: Wir werden noch viele Jahre spielen, ich habe noch immer das Gefühl: Jetzt geht es wirklich los.

DAS INTERVIEW FÜHRTE TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL

ARTE PLUS

DIE TOURNEE "HEUTE NACHT ODER NIE“

Vom 1. bis 20. Dezember, Admiralspalast, Berlin. Wegen des Erfolgs weitere Termine in zahlreichen Städten in Deutschland im Januar und Februar 2010
DOPPEL-DVD: "Heute Nacht oder nie", Sony 2009 DISKOGRAFIE (AUSWAHL): "Heute Nacht oder nie" (2008); "Komm, lass uns einen kleinen Rumba tanzen" (2006); "Palast Revue" (2003); "Krokodile und andere Hausfreunde" (2000); "Bel Ami!" (1995); "Die Männer sind schon die Liebe wert" (1988)

Kategorien: Dezember 2009