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KANN ICH DIE WELT RETTEN?

JA

Wenn unsere Kinder uns in zehn Jahren fragen, was wir gegen den Klimawandel getan haben, können wir eines sicher nicht sagen: Wir hätten davon nichts gewusst.Die Entscheidung zum "strategischen Konsum" war zunächst ein elitäres Phänomen, eine Gegenreaktion auf Kampagnen wie "Geiz ist geil". Viele waren sich nicht sicher, ob Geiz wirklich so geil ist. Kann ein Toaster "Made in China" nur 9,90 Euro kosten, obwohl er um die halbe Welt geschippert wurde? Tief im kollektiven Unterbewusstsein war klar, dass diese billigen Geräte auf Kosten anderer produziert wurden – und auf Kosten der Umwelt. Bestätigung brachten Berichte über die Regenwaldrodung in Brasilien, Kinderarbeit in Indien, Hungerlöhne in China.

Die Gruppe, die anfing, bewusster zu konsumieren und auf Nachhaltigkeit zu achten, war zunächst klein. Denn ob Toaster "Made in Germany" oder Bio-Karotte – die Produkte waren stets ein bisschen teurer. Doch sobald aus einem Käufer viele werden, entsteht Nachfrage, die letztlich das Angebot steuert. Darum gibt es inzwischen Karotten aus ökologischem Anbau und Sojaprodukte sogar beim Discounter. Darum gibt es zertifizierten Fisch nicht nur im Spezialladen, sondern ebenso im Supermarkt. Darum gibt es zu fast jedem konventionellen Produkt mittlerweile eine bessere Alternative. Und wer von uns hätte je gedacht, dass der CO2-Wert eines Neuwagens ein genauso wichtiger Grund für die Kaufentscheidung werden könnte, wie die PS-Zahl oder der Hubraum? Strategische Konsumenten haben in den vergangenen 24 Monaten so zahlreich nach Kleinwagen verlangt, dass sie die Autoindustrie regelrecht in die Knie gezwungen haben. Schneller und effizienter, als die Politik es vermocht hätte. Strategische Konsumenten bewirkten eine Neusortierung der Regale in unseren Supermärkten hin zu mehr Bioprodukten. Strategische Anleger fordern Banken, Versicherungen und Geldberater so erfolgreich, dass mittlerweile enorme Geldmengen in ethische, soziale und ökologische Geldanlagen investiert werden. Denn: Geld ist nicht neutral.

Das sind gute Nachrichten. Strategischer Konsum ist Konsum, der etwas bewirken will und das auch tut. Der Konsument wird sich seiner Wirkungsmacht immer bewusster. Er will mitreden und gestalten und das ist für Unternehmen eine Chance für Innovationen und neue Geschäftsfelder. Wir bekommen die Welt,
die wir uns kaufen oder nicht kaufen. Reicht strategischer Konsum, um die Probleme der Welt zu lösen und eine Klimakatastrophe zu verhindern? Sicher nicht, aber er ist ein wichtiger Beitrag. CLAUDIA LANGER

NEIN

Je deutlicher sich abzeichnet, wie schwierig eine Einigung der Politiker auf der Kopenhagener Klimakonferenz diesen Monat sein wird, desto naheliegender die Idee, dass das entscheidende Veränderungspotenzial beim Individuum liegt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die prominente Rolle, die dem "kritischen Verbraucher" in der Klimadebatte zugeschrieben wird, ist völlig unangemessen. Den ernsthaften Versuch eines nachhaltigen Lebensstils unternimmt bisher lediglich eine kleine Minderheit, die über eine Kombination aus höheren Bildungsabschlüssen und überdurchschnittlichen Einkommen verfügt. Der finanzielle wie zeitliche Zusatzaufwand dieser Öko-Avantgarde zahlt sich durch eine emotionale Rendite aus: Sie entsteht schon durch das Gefühl, einen positiven Beitrag für die Zukunft der eigenen Kinder geleistet zu haben. Gewinnbringend ist aber auch der beständige Vergleich mit anderen, scheinbar weniger umweltbewussten Menschen – sei es in der eigenen Nachbarschaft oder in Nordamerika. Ein sichtbares Zeichen zu geben, gelingt mit dem Kauf eines Hybrid-Autos einfach besser als mit der Einschränkung des Fleischkonsums.

Doch die Bilanz der letzten 30 Jahre fällt relativ bescheiden aus. Versuche einer ökologischen Lebensführung haben zwar mit dazu beigetragen, das Konzept der Nachhaltigkeit populär zu machen. Davon aber, dass kritische Konsumenten die Unternehmen zu einer signifikant ökologischeren Produktpolitik gezwungen hätten, kann nicht die Rede sein. Der Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen hat sich kaum verändert. Eine Individualisierung umweltpolitischer Verantwortung weist dementsprechend in die falsche Richtung. Weitaus zielführender ist es, durch politische Rahmensetzungen Anreize für Forscher und Unternehmen zu schaffen, eine Vielzahl von energieeffizienten und klimafreundlichen Lösungen zu entwickeln – und diesen im großen Maßstab zum Durchbruch zu verhelfen. Ein Beispiel: Seit die EU beschlossen hat, den Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern, investieren auch die großen Energieversorger massiv in diesen Sektor. Nicht weil sie plötzlich "grün" geworden wären, sondern weil dieses Geschäftsfeld aufgrund politischer Grundsatzentscheidungen ökonomisch lukrativ zu werden verspricht.

Dem Weltklima ist unser Bewusstsein egal, entscheidend sind nur unsere Emissionsbilanzen. Klimafreundlicher Konsum schadet sicher nicht, aber er raubt Zeit und Aufmerksamkeit für die wirklich wichtigen Arenen. Die Zukunft des Weltklimas entscheidet sich nicht an der Supermarktkasse, sondern in den Parlamenten und an den Verhandlungstischen der internationalen Klimadiplomatie. Wenn der Einzelne auf Belange des Gemeinwesens Einfluss nehmen will, sollte er sich nicht in erster Linie als Verbraucher verstehen, sondern sich vor allem als Bürger engagieren. OLIVER GEDEN

ARTE PLUS

ARTE-GASTAUTORIN CLAUDIA LANGER ist Gründerin der Internet-Plattform utopia.de, die sich für einen öko-korrekten Konsum Einsetzt. Vorher war sie erfolgreiche Werberin u.a. für Levi’s, MTV und die Deutsche Bank.

ARTE-GASTAUTOR OLIVER GEDEN ist Kulturanthropologe und Politikwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zuletzt erschien von ihm "Die Energie- und Klimapolitik der Europäischen Union“ (2008)

UN-KLIMAGIPFEL KOPENHAGEN (7.-18.12.2009)

Teilnehmer: Vertreter aller 192 Länder, die die UN-Klimarahmenkonvention unterschrieben haben. Die EU spricht mit einer Stimme. Worum es geht: Abschluss eines neuen globalen Klimaabkommens für ein gemeinsames Handeln gegen den Klimawandel. Es soll 2013 in Kraft treten und das Kyoto-Protokoll mit seinen vergleichsweise geringen Verpflichtungen ersetzen. Das Kyoto-Protokoll ist bisher das einzige völkerrechtlich verbindliche Instrument der Klimaschutzpolitik. Ziel des Abkommens: Weltweite Verminderung der Treibhausgase, um eine Erderwärmung von mehr als 2°C zu verhindern.

Kategorien: Dezember 2009