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ZUR SACHE, SCHNECKE

"Ich kann Liebespfeile herstellen", die Frau in dem lächerlichen Kostüm guckt verführerisch, "damit kann ich meinem Partner vor der Paarung Schmerzen zufügen", ein glänzender hautfarbener Ganzkörperanzug schmiegt sich eng an ihren Körper, "das macht mich an", haucht die Frau mit leichtem Stöhnen, "ich steh’ auf Sadomasochismus!" Ihre roten aufgemalten Brustwarzen zittern, der behaarte Venushügel aus Polyester wippt leicht vor und zurück. Dann wird ihre Vagina von einem Penis penetriert, während ihr eigener Penis in eine zweite Vagina eindringt, nebenbei drücken sich die Liebespfeile fest in die Haut.

Die Frau, die da in einem Schneckenkostüm wilden Sex hat und hermaphroditischen Genüssen frönt, heißt Isabella Rossellini. Isabella Rossellini? Die Tochter von Ingrid Bergmann und Roberto Rossellini? Das bestbezahlte Supermodel der 1980er und frühen 90er Jahre, das jahrelang als Gesicht von Lancôme die Welt auf Plakaten überflutete? Genau die. In ihrem charmanten italienischen Akzent, den sie nach all den Jahren in New York nicht abgelegt hat, erzählt die Schauspielerin am Telefon von ihrem Kurzfilmprojekt, das den ominösen Namen "Green Porno" trägt: "Ich wollte einfach einen witzigen und zugleich wissenschaftlichen Film machen." Herausgekommen ist dabei ein höchst informativer Insekten-und-Weichtier-Porno mit gewagten Kostümen aus Pappe und Stoff.

Kurz, grün und schrill

"Wäre ich ein Regenwurm, hätte ich kein Gehirn", sagt Kriechtier Rossellini in einer anderen Szene und guckt dämlich grinsend in die Kamera. Dass die schleimigen Zeitgenossen beim Liebesakt die 69er-Position bevorzugen und zudem hirnlose Zweigeschlechtler sind, hätte vielleicht nicht jeder gewusst. Isabella Rossellinis Aufklärungsausflug in die Zoologie könnte dabei nicht einfacher sein: acht Tiere, acht Kurzfilme à einer Minute, acht Mal Koitus. Das Dekor ist ebenso minimalistisch wie die Besetzung, Rossellini ist Autorin, Regisseurin, Produzentin und spielt fast alle Rollen selbst. Wie aber kommt man auf so eine, mit Verlaub, abgefahrene Idee? Rossellinis Antwort: "Ich war schon immer von der unendlichen, seltsamen und ,skandalösen’ Art fasziniert, wie Insekten kopulieren." Seit sie ein Kind war, wollte sie Filme über Tiere machen, hatte aber nur Ideen für Kurzfilme.

Eines Tages kam dann ein Anruf des amerikanischen Fernsehsenders Sundance Channel. Robert Redford, der Mann hinter dem renommierten Sundance Festival und -Channel, wollte Kurzfilme für Internet, iPhone und Co. produzieren – nach der Kinoleinwand und dem Fernsehbildschirm die neue Spielwiese für kreative Filmemacher. Einzige Bedingung für die "Quickies": Kurz, grün und schrill sollten sie sein. Mit grün war der Umweltaspekt gemeint, da sich Sundance insbesondere ökologischer Themen annimmt. "Schrill war für mich gleichbedeutend mit Sex", sagt Isabella Rossellini mit einer überzeugenden Selbstverständlichkeit. So kommt es, dass man die Ex-Frau von Martin Scorsese und Ex-Lebensgefährtin von David Lynch mit blinkendem Hintern als Leuchtkäfer auf Partnersuche bewundern kann, oder als Libellenmännchen, das die Vagina des Weibchens mit einer Art Zahnbürste säubert, um etwaigen Nebenbuhlern eins auszuwischen und den eigenen Spermien zum Erfolg zu verhelfen. Und während Rossellini als sechsäugige Spinne dennoch schlecht sieht, kann sie als Fliege 200 Mal besser sehen als Menschen oder als zahnloser Regenwurm aus allen Poren atmen und urinieren.

Schillernde Fliegenflügel, pummelige Bienenkleider, hypnotische Libellenaugen – die kunstfertigen Kostüme nennt Rossellini scherzhaft "Küchenlösung". Damit spielt sie nicht nur darauf an, dass das Filmbudget klein war und die gesamten Kostüme tatsächlich in der Küche von Produktionsdesigner Andy Byers gefertigt wurden, sondern auch auf die Nähe zum Zuschauer. Der soll durchaus denken: "Oh, ich könnte diesen Film ja auch selbst machen." Selbst Hand anlegen mussten auch die Besucher der Berlinale 2008: Mit Lupen ausgestattet konnten sie sich die Kurzfilme durch terrarienartige Glasvitrinen auf Minibildschirmen ansehen – in Dschungeldekor versteckt, Mal in einem Baumstumpf, ein anderes Mal im Maul eines Frosches.

Was ist schon normal?

Ob Hermaphroditen, Geschlechtsumwandler oder Sadomasochisten – dass Männer mit Frauen schlafen, erscheint angesichts der tierischen Sexualpraktiken fast schon banal bis langweilig. Und so wirft Isabella Rossellini mit ihrer avantgardistischen Mischung aus Zeichentrick, Porno, Aufklärungsfilmchen und Tierdoku nicht nur einen Blick in den Mikrokosmos der Krabbeltiere, sondern erschüttert ganz nebenbei ein klein wenig die gängige Vorstellung von Normalität. Daher überrascht es wenig, dass Rossellini auf die begeisterte Frage eines Journalisten, ob das alles also ihrer Meinung nach normal sei, unverklemmt antwortete: "Lebe einfach dein Leben!"

Generell ist "Green Porno" für Rossellini "ein großes Gefühl von Abenteuer" und ein Riesenspaß: "Wäre ich eine Biene, hätte ich viele Brüder und wir würden den ganzen Tag nichts tun. Nur darauf warten, Sex zu haben … Dort, ein paarungsbereites Weibchen: Sex!", schreit sie in­brünstig als wild gewordene Biene und drischt vorsorglich auf einige umstehende Drohnen ein, die von Isabella Rossellinis Sohn Roberto und seinen Kumpels gespielt werden. Wie war es für die zweifache Mutter, ihren eigenen Sohn k.o. zu schlagen? "Oh, das hat besonders Spaß gemacht", erwidert sie lachend.

DIANA AUST

ARTE PLUS

ISABELLA ROSSELLINI:
Geb. am 18. Juni 1952 in Rom; Ehe mit Regisseur Martin Scorsese (1979-1982), später mit Model Jonathan Wiedemann (1983-1986), gemeinsame Tochter Elettra (*1983); Beziehung mit David Lynch (1986-1991), Durchbruch in seinen Filmen "BLUE VELVET" (1986) und "WILD AT HEART" (1990); Model von Lancôme (1982-1996) mit damals höchstdotiertem Vertrag der Welt; Adoptiv-sohn Roberto (*1992)

Kategorien: November 2009