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SIE KAM, SAH UND SIEGTE

"Hi". Sie ist plötzlich da. Wie aus dem Erdboden gestampft. Mit dem orangefarbenen Anorak, dem blau gefärbten Pferdeschwanz und dem ungewöhnlichen Geständnis: "Ich trage meine Persönlichkeit mit dem Pinsel auf." Klatscht in die Hände, boxt ihn, singt ihm "Oh my Darling Clementine" vor. Er ist der Unbekannte, den sie zufällig am Strand von Montauk getroffen und dann im Zug zurück nach New York angebaggert hat. Ein peinlicher Auftritt nach dem andern. Aber an Clementine alias Kate Winslet prallen Vokabeln wie Peinlichkeit oder Aufdringlichkeit ab. Alles sprudelt spontan aus ihr heraus, rasend schnell, überwältigend, überzeugend – hundert Prozent authentisch.

Joel und Clementine werden über Nacht ein Paar. Genauso unerwartet lässt sie ihre große Liebe nach ein paar Monaten in einer Spezialklinik wieder aus dem Gedächtnis löschen. Doch das Versprechen der Gehirnoperateure, dass ein makelloses Gehirn nur eitel Sonnenschein verbreite – so auch der Originalitel des Michel-Gondry-Films, "Eternal Sunshine of the Spotless Mind" – erfüllt sich jedoch nicht…

Temperament und Talent

Das Schlagfertige, Schnelle, mit den Fingern Schnippen, "Fuck!" sagen, wenn sie sich in Rage geredet hat – das ist Kate Winslet live. Sie sieht zu, dass sie sich einen kleinen Vorsprung verschafft und redet, als sei die Polizei hinter ihr her. Immer auf der Überholspur. Sie hat schon früh gelernt, wie sie mit Presseleuten umzugehen hat, aber nichts, was sie tut, wirkt einstudiert oder kalkuliert. Dazu ist sie zu impulsiv. Vor ein paar Jahren soll sie noch gesagt haben: "Ich bin unsicher. Wenn Sie mich fragen, ist das jeder." Aber die mittlerweile 34-Jährige hat ihre Blitzkarriere längst auf eine stabile Basis gestellt, ihre Rollen stets mit Bedacht ausgewählt und sich – nach dem Welterfolg von "Titanic" – nicht ins seichte Fahrwasser führen lassen.

Kate Winslet hat eine bemerkenswerte Laufbahn hinter sich. Mit 17 ergatterte sie, als eine von 175 Mitbewerberinnen, ihre erste Hauptrolle in Peter Jacksons Film "Heavenly Creatures". Das war 1994. Da hatte sie ihre Schauspielausbildung noch nicht ganz hinter sich und war noch nicht wirklich gut. Aber die hysterisch aufgeheizte Schulmädchenfigur einer Juliet, die zu sammen mit ihrer Busenfreundin Pauline kaltblütig einen Muttermord plant und durchführt – ein wahrer Fall, der in den 1950er Jahren in Christchurch, Neuseeland, für Schlagzeilen sorgte – war genau das Richtige für das unbezähmbare Temperament einer Kate Winslet, die hier einerseits als Teufelsbraten, andererseits als irregeleitetes verletzliches Wesen auftritt.

Vielleicht verlief alles so reibungslos, weil die am 5. Oktober 1975 in Reading, Berkshire, geborene Kate Elizabeth Winslet in einer Schauspielerfamilie aufgewachsen ist und stets auf den Rückhalt ihrer Eltern zählen konnte. Sie kommt gern darauf zu sprechen, dass diese ihre Unterstützung und Lob auch noch auf ihre beiden Schwestern zu verteilen hätten, die Theater und Fernsehen machten, aber keine Stars seien wie sie. Nur ausgerechnet bei ihrem Oscarfilm "Der Vorleser" seien ihre Eltern zwar sehr stolz, doch auch schockiert gewesen: "Das bist doch nicht du. Du bist das überhaupt nicht", so ihre spontane Reaktion.

Arbeit am Image

Aber sie ist es eben doch. Gebremster Freiheitsdrang und Überschwang kennzeichneten schon ihre ersten Rollen, die Marianne Dashwood in Ang Lees Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit" (1995), Winslets erste Oscar-Nominierung als jüngste Schauspielerin, ihre Ophelia in Kenneth Branaghs "Hamlet" (1996) oder die zuletzt gebrochene Heldin in Michael Winterbottoms "Jude" (1996). Mit der Rolle der Aristokratin Rose DeWitt Bucater in "Titanic" (1997) war der Sprung aus der Arthouse-Nische zum Hollywoodstar geschafft – für die größte Kino-Liebesgeschichte aller Zeiten. Winslet überzeugte mit der Figur der Rose, die sich um die Wende zum 20. Jahrhundert so sympathisch wenig um die Contenance einer höheren Tochter schert: Ganz unstandesgemäß bandelt sie mit einem Künstler an, gespielt von Leonardo DiCaprio. Der romantische Look, die weichgezeichneten Fotos, die damals in Umlauf waren, hatten allerdings mit der echten Kate Winslet nur wenig zu tun, die sich dann auch schnell vom Image der melodramatischen Leinwandkönigin verabschiedete. Verlockende Angebote für Mainstream-Filme wie den schließlich von Gwyneth Paltrow gespielten Part in "Shakespeare in Love" (1998) oder die Hauptrolle in "Anna und der König" (1999), die dann an Jodie Foster ging, schlug sie aus.

Lieber streunte sie als Hippiemutter mit zwei Kindern in "Marrakesch" (1998) durch Marokko – eine Vorreiterrolle zu ihrem persönlichen Wendefilm "Holy Smoke" (1999). Kate Winslet war endlich wieder in der Gegenwart gelandet und hatte in der australischen Regisseurin Jane Campion ("Das Piano") eine gute Ratgeberin gefunden: "Willst du unbedingt geliebt werden? Dann vergiss es! Diese Ruth ist keine nette Person. Du musst darüber hinwegkommen, nur liebenswerte Rollen spielen zu wollen." Das hat Kate Winslet bis heute nicht vergessen. "Holy Smoke" und der ideologisch unterfütterte Kampf der aus einem indischen Ashram geretteten Ruth Barron mit dem amerikanischen Teufelsaustreiber P. J. Waters (Harvey Keitel) wurde kein Welterfolg, dafür ein bemerkenswerter, zeitgemäßer Beitrag zur Diskussion über die Widersprüche einer im Westen falsch verstandenen fernöstlichen Spiritualität.

Unbeirrbar bis zum Oscar

Winslets jüngste Filme "Zeiten des Aufruhrs" unter der Regie ihres Ehemanns Sam Mendes und "Der Vorleser" kamen sich ursprünglich zeitlich in die Quere und Winslet musste zunächst für "Der Vorleser" absagen. Als die schwanger gewordene Nicole Kidman dann überraschend ausfiel und der Zeitplan sich verschob, kam Winslet doch noch an ihre bisher größte Rolle, die ihr schließlich den Oscar einbrachte: die ehemalige KZ-Aufseherin Hanna Schmitz nach Bernhard Schlinks Bestseller. Beide Rollen sind nicht gerade sympathisch, aber der beste Beweis für die Reife einer großartigen Schauspielerin, die unbeirrt den richtigen, ihren eigenen Weg gegangen ist.

Alles wieder ausradieren und von vorn beginnen, so hatte es die lebhafte Clementine in "Vergiss mein nicht" beschlossen und ließ ihren Joel sitzen, als die große Liebe vom Alltag überrannt wurde. Eine Kurzschlusshandlung, aber grundehrlich. Und wenn man Kate Winslets Kommentar dazu hört, passt das: "Einen Fuß in der Vergangenheit haben, dem Wenn-es-so-und-so-gewesen-wäre nachtrauern, all das macht wenig Sinn. Veränderungen machen uns größer. Woran ich glaube, ist voranschreiten, leben und leben-lassen, vergeben und vergessen." Diese beiden Frauen, Kate und Clementine, haben tatsächlich allerhand gemeinsam. Man sieht es eigentlich sofort: an ihrem offenen Blick. MARLI FELDVOSS

ARTE PLUS

KURZBIOGRAFIE KATE WINSLET:

Geb. am 5. Oktober 1975 in Reading, Berkshire, Großbritannien, als Kind einer Schauspielerfamilie; mit elf Besuch einer Theater-schule, mit 15 erste Rolle im Fernsehen; Kinodebüt 1994 mit "Heavenly Creatures" von Peter Jackson; 1998 Heirat mit Jim Threapleton, Regie-Assistent beim Film "Marrakesch"; 2000 Geburt der gemeinsamen Tochter, Scheidung 2002; 2003 Heirat mit Regisseur Sam Mendes, Geburt ihres Sohnes im selben Jahr; mit 32 wurde sie bereits fünf Mal für den Oscar nominiert und bricht damit den Rekord in ihrem Metier; 2009 Oscar für "Der Vorleser"

Kategorien: November 2009