IN GUTEN WIE IN SCHLECHTEN ZEITEN

Den Fall der Berliner Mauer verfolgte Frankreich mit ambivalenten Gefühlen. Musste man sich fürchten vor dem Koloss, der nun mitten in Europa entstand? Der Politologe Stéphane Rozès arbeitete damals für das französische Meinungsforschungsinstitut SOFRES. Im Auftrag der französischen Regierung untersuchte er die öffentliche Meinung in Frankreich angesichts der Wiedervereinigung. Im Gespräch mit dem ARTE Magazin erinnert er sich an die Freude der Franzosen – aber auch an deren Befürchtung, für das Nachbarland politisch bald keine Rolle mehr zu spielen.

ARTE: Ende November 1989 legte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl seinen Zehnpunkteplan zur Wiedervereinigung vor. Der französische Staatspräsident François Mitterrand erklärte das Projekt kurz darauf für juristisch und politisch unmöglich. Verschloss sich die französische Elite der deutschen Realität

Stéphane Rozès: In Frankreich herrschte damals völlige Verblüffung. Der Mauerfall im Fernsehen, das waren Bilder von ungeheurer Kraft! Die Leute zogen zwar nicht in Freudenchören durch Paris, aber sie freuten sich für die Deutschen und für die Osteuropäer. Deutschland war das europäische Land, dem sich die Franzosen am engsten verbunden fühlten. Aber natürlich machte man sich Gedanken um die Zukunft, wie unsere Studien von damals klar zeigen. Man fragte sich, wie Deutschland, Frankreich und Europa künftig zueinander stehen würden. In der Bevölkerung waren diese Bedenken latent vorhanden, bei den politischen und wirtschaftlichen Eliten hingegen sehr konkret. Mitterrand wurde von der Dynamik der Wiedervereinigung völlig überrollt.

ARTE: Er stand mit seinen Zweifeln nicht alleine da: Am 8. November 1989 brachte die Tageszeitung "Le Figaro" die Titelzeile "Hin zum 5. Reich" …

Stéphane Rozès: Ich hatte die "Figaro"-Schlagzeile ganz vergessen! Sie klingt zwar beunruhigend, entsprach aber nicht der öffentlichen Meinung. Für die Franzosen waren das Ende der totalitären Regime und die deutsche Wiedervereinigung völlig legitim: Die Ostdeutschen hatten jahrelang unter dem sowjetischen Joch gelebt und nun konnten Ost und West wieder zusammenfinden. Das weckte bei niemandem die Befürchtung, die Geschichte von vor 1945 würde sich wiederholen.

ARTE: Die Zeitschrift "Le Nouvel Observateur" fragte: "Sind sie zu stark für uns?” Haben die Medien also nur Befürchtungen geschürt?

Stéphane Rozès: Als Deutschland 1990 seinen vollen politischen Spielraum zurückgewann, fragte man sich in Frankreich, welche Rolle der deutsch-französische Motor in Europa künftig spielen werde. Was Mitterrand beschäftigte war, ob nach wie vor das deutsch-französische Paar im Zentrum Europas stehen, oder ob sich Deutschland Richtung Osten wenden würde. Das gibt die Schlagzeile des "Nouvel Observateur" ganz treffend wieder. Befürchtet wurde nicht, dass sich Deutschland gegen Frankreich wenden könnte, sondern dass Frank-reich für die deutsche Politik in Zukunft keine Rolle mehr spielen würde. Das ist ein Unterschied.

ARTE: Damals führte Frankreich den Ratsvorsitz der Europäischen Union. Ließ sich Mitterrand von der Sorge leiten, Frankreich werde seine führende Stellung in Europa verlieren?

Stéphane Rozès: Nach meinem Dafürhalten sah Mitterrand in der französischen Ratspräsidentschaft einen Heimvorteil. Er hatte eine gewisse Geringschätzung für de Gaulle mit seinen etwas überheblichen Ansichten der "Grande Nation". Für Mitterrand war Frankreich nur eine mittlere Macht, die in Europa eingebundenwerden musste, dafür war es wichtig zu wissen, dass das deutsch-französische Tandem noch an einem Strang zog. Er wollte Deutschland um jeden Preis an Europa binden und setzte stark auf die einheitliche Währung, was ein Gerangel zwischen Deutschen und Franzosen nicht ausschloss. Zugleich gibt es diese kulturelle Besonderheit der Franzosen, die Europa als Verlängerung der französischen Nation sehen. Mitterrand konnte im Namen Europas sprechen und dabei ehrlichen Herzens die französischen Interessen meinen.

ARTE: Hätte eine stärkere Skepsis der französischen Öffentlichkeit dazu geführt, dass die französische Regierungsspitze den Prozess bremst?

Stéphane Rozès: Nein. Ich glaube im Gegenteil, dass die französischen Eliten den Reflex gehabt hätten, die deutsch-französischen Beziehungen zu stärken – trotz möglicher Schwierigkeiten und vor allem, um diesen entgegenzuwirken. Im Übrigen hat das deutsch-französische Paar die ungeheuren Veränderungen eher gut überstanden. Damals gab es glücklicherweise in beiden Ländern visionäre Politiker, die sich nicht von Gefühlen überrollen ließen. Sie mögen manches falsch eingeschätzt haben, aber sie haben Weitsicht bewiesen.

ARTE: Sehen die Franzosen heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, Deutschland anders?

Stéphane Rozès: Gefühlsmäßig nicht. Sie empfinden die Deutschen weiterhin als das Volk, das ihnen am nächsten steht. Aber sie sehen ungern, dass die Politiker beider Seiten die deutsch-französische Freundschaft heute nicht mehr als Rückgrat Europas ansehen. In den führenden Kreisen ist die Sorge noch stärker: Politik und Wirtschaft fragen sich, ob Europa für Berlin noch eine zentrale Bedeutung hat. Sie finden, dass Deutschland heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, eher in Richtung Osten und in die Welt als nach Frankreich blickt.

PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS

ARTE PLUS

DIE STIMMUNG IN ZAHLEN:
Nach einer SOFRES-Studie vom November 1989 schätzten 66 Prozent der Franzosen eine Wiedervereinigung "in den nächsten Jahren" als "sicher" oder "wahrscheinlich" ein, während das nur 43 Prozent der Deutschen taten. 57 Prozent der Franzosen, die die Wiederver¬einigung guthießen, erwarteten, dass ein wiedervereintes Deutschland das Europa der Zwölf dominieren würde.

Kategorien: November 2009