DIE PILLE FÜRS VERGESSEN

Diesen Augenblick wird Beatriz Arguedas niemals vergessen. Die U-Bahn-Führerin fuhr gerade in eine der belebtesten Stationen der Bostoner Red Line ein, da sprang ein Mann vor ihrem Zug auf die Gleise. "Wir haben uns kurz in die Augen gesehen, dann spürte ich einen Ruck und hörte ein Knirschen unter dem Zug", erzählte sie später dem Fernsehsender CBS. "Mein Herz klopfte wie verrückt."

Solch ein schreckliches Erlebnis kann sich so tief ins Gedächtnis graben, dass es krank macht. Die Betroffenen müssen immer wieder an den Horror denken, leiden unter Albträumen und Panikattacken und werden häufig depressiv. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennen das die Psychologen. Viele Opfer von Unfällen, Gewaltverbrechen und Naturkatastrophen würden alles dafür geben, die Erinnerung an den Schrecken einfach auszulöschen – so wie Clementine alias Kate Winslet im Film "Vergiss mein nicht" die Erinnerung an ihren Ex-Freund löschen lässt, um ihren Liebenskummer zu überwinden.

Der U-Bahn-Führerin Arguedas könnte dieser Wunsch erfüllt werden. Nach dem Unfall wurde sie ins Massachusetts General Hospital gebracht. Der Psychiater Roger Pitman von der Harvard Medical School fragte sie, ob sie an einer Studie teilnehmen wolle. Dazu müsse sie ein paar blaue Pillen schlucken, die sollten ihr helfen, zu vergessen. Arguedas willigte ein. In den Pillen steckt der Wirkstoff Propranolol, ein Beta-Blocker, bekannt als Mittel gegen Bluthochdruck und Herzkrankheiten. Er senkt die Konzentration von Adrenalin im Blut. Das ist der Effekt, den Pitman nutzen will: Adrenalin lässt nämlich nicht nur den Puls in die Höhe schnellen, es bewirkt auch, dass Erinnerungen sich geradezu ins Gedächtnis einbrennen. Eigentlich will Pitman Patienten wie Beatriz Arguedas also nicht beim Vergessen helfen, sondern dafür sorgen, dass quälende Erinnerungen gar nicht erst entstehen. Er hatte Erfolg: Nach der Behandlung versetzte die Erinnerung keinen Probanden mehr in Panik. In der Kontroll-Gruppe, die nur Zuckerpillen bekommen hatte, reagierten dagegen 43 Prozent weiterhin mit starkem Stress. Sogar wenn das traumatische Erlebnis länger zurückliegt, können die blauen Pillen helfen. So wie bei Louise O’Donnell-Jasmin. Als Teenager war sie von einem Arzt sexuell missbraucht worden, jahrzehntelang litt sie unter Albträumen, Beziehungs- und sexuellen Problemen. Jetzt, in ihren Vierzigern, kam die Erlösung. Der Psychiater Alain Brunet von der McGill University in Montréal, der mit Pitman zusammenarbeitet, schlug ihr eine Propranolol-Therapie vor. Sie schrieb ihr Erlebnis auf, nahm das Mittel und las ihren Bericht noch einmal. Das Ganze wiederholte sie sechs Mal im Abstand von je einer Woche. "Zum Schluss sagte sie, sie fühle sich befreit", erzählt Brunet. "Die Erinnerung regte sie einfach nicht mehr so auf." Somit sind auch alte Erinnerungen mit Medikamenten beeinflussbar. 40 Probanden nahmen an Brunets Studie teil, ihre Symptome hätten um 40 bis 50 Prozent abgenommen, sagt der Psychiater: "Das ist eine enorme Verbesserung." Bevor die blauen Pillen wirklich PTBS-Patienten verschrieben werden können, müssen jedoch noch weitere Versuche gemacht werden. Gleichzeitig experimentieren Forscher mit anderen Substanzen: Ein Stoff namens D-Cycloserin wirkt ähnlich wie Cannabinoide, die ebenfalls Erinnerungen verblassen lassen können. Auch das körpereigene Stresshormon Cortisol kann das Gedächtnis bremsen. Andere Wissenschaftler arbeiten direkt an den Enzymen, die im Gehirn das Abspeichern regeln, zunächst testen sie das an Mäusen.

Der Ausgang dieser Experimente ist noch ungewiss, doch Kritik wurde bereits unter dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush und dessen Bioethik-Rat laut. Dieser geißelte das "therapeutische Vergessen" und äußerte Befürchtungen, die Behandlung könnte die Persönlichkeit verändern und Menschen für das Leid anderer unempfindlich machen. Mitleid entstehe schließlich durch Erinnerungen an eigene schmerzhafte Erfahrungen. Zudem warnen sie vor den Folgen von Missbrauch. Ärzte könnten die Mittel prophylaktisch verteilen, bevor überhaupt etwas passiert sei. Opfer von Unfällen und Gewalttaten könnten nach solch einer Therapie vielleicht nicht mehr als Zeugen vor Gericht aussagen.

In seiner Publikation "Bioethik und das Streben nach Glück" kritisiert das Beratergremium schließlich auch, dass mit der Pille Erinnerungen gelöscht werden könnten, die für die Gesellschaft wichtig seien. "Unser Gedächtnis gehört nicht nur uns, es ist ein Teil des Gewebes der Gesellschaft, in der wir leben." Menschen, die Schreckliches durchgemacht hätten, wie die Überlebenden des Holocaust, seien moralisch verpflichtet, diese traumatischen Erinnerungen zu bewahren. Dem widersprechen andere Wissenschaftler vehement. "Die Auffassung, dass wir leidende Märtyrer unter uns brauchen, ist grausam und ausbeuterisch", sagte der Bioethiker Arthur Caplan dem Wissenschaftsmagazin "Science". Die Psychiaterin Margaret Altemus von der Cornell University vertritt die Meinung, die Überwindung des Traumas könnte im Gegenteil sogar dabei helfen, die Ereignisse angemessen zu verarbeiten. Die Beteiligten könnten besser moralische Urteile fällen, wenn das Trauma gedimmt werde, während die Erinnerung selbst bestehen bleibe.

Die Mittel, die zur Zeit erprobt werden, können Erinnerung nicht selektiv löschen wie im Film "Vergiss mein nicht", sondern sollen den Betroffenen helfen, damit zu leben. Alain Brunet drückt es so aus: "Sie machen aus traumatischen Erinnerungen normale schlechte Erinnerungen."

STEFANIE SCHRAMM

ARTE PLUS

BUCHTIPPS:

"Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes", Eric Kandel, Siedler Verlag 2006
"Memory! Neues über unser Gedächtnis", Sue Halpern, Deutscher Taschenbuch Verlag 2009
"Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen", Antonio R. Damasio, List 2005

Kategorien: November 2009