aurore.schaller@arte.tv

ROTE ROSEN FÜR EINE OHRFEIGE

Die Büroadresse steht im Telefonbuch. Am Eingang des stattlichen Hauses in der Rue La Boétie mitten in Paris ist der Name Klarsfeld nicht zu übersehen. Die Klarsfelds sind in Frankreich ein Personenkollektiv des öffentlichen Lebens: Serge und Beate Klarsfeld, die "Nazijäger"; der Sohn Arno, der als Anwalt des von den Eltern gegründeten "Vereins der Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten aus Frankreich" (FFDJF) den Kampf weiterführt; und die acht Jahre jüngere Tochter Lida, "etwas weniger engagiert", wie ihre Mutter sagt.

Schon im Treppenhaus hört man Mona, den kleinen hellbraunen Pudel. Er gehört wie die beiden Katzen zum Klarsfeld-Clan. Im Empfangssalon stapeln sich Kartons voller Magazine und Bücher, die die Klarsfelds herausgeben. Auf den Regalen der 300-m2-Wohnung drängen sich Ordner mit Aufschriften wie "Brunner" – SS-Haupt-sturmführer Alois Brunner, Mitarbeiter Adolf Eichmanns. Aus einem Paket quellen Exemplare der FFDJF-Vereinsnachrichten. Der Verein, dem sich Serge und Beate Klarsfeld seit Jahren widmen, entstand in der Folge des 1978 erschienenen Buches "Mémorial de la déportation des Juifs de France" – eine nicht enden wollende Liste von Opfern der Verfolgung, die hier erstmals erfasst sind. Mit Namen, Geburtsjahr, letzter Anschrift, dem Namen des Durchgangslagers – und der Nummer des Deportationskonvois. "Mein Mann war der Erste, der durch Frankreich reiste und systematisch die Archive der Departements durchsuchte. Anfangs wusste man nicht einmal, wie viele Juden aus Frankreich deportiert worden waren!"

Marlene Dietrich gratulierte

Die Opfer dem Vergessen zu entreißen und die Täter nicht entkommen zu lassen – das gehört für Beate Klars-feld untrennbar zusammen. "Beim Kölner Lischka-Prozess lag das Mémorial-Buch dann vor dem Richter".Im Frühjahr 2010 soll in Köln eine Gedenktafel für diesen bahnbrechenden Prozess enthüllt werden: "Am 11. Februar 1980 wurden in diesem Saal Kurt Lischka, Herbert Hagen und Ernst Heinrichsohn zu langen Gefängnisstrafen verurteilt", wird der Text lauten. "Als SS-Mitglieder im besetzten Frankreich haben sie sich der Deportation von 76.000 Juden in die Vernichtungslager schuldig gemacht."

Für Beate Klarsfeld ist die Kölner Gedenktafel auch eine späte Genugtuung. Ohne ihren Kampf Anfang der 1970er Jahre wäre der einstige SS-Obersturmbannführer und Gestapo-Chef Kurt Lischka nie zur Verantwortung gezogen worden. Sie ging dafür sogar ins Gefängnis. Denn die Methoden der Klarsfelds waren eher Protest-inszenierungen im Stil der 68er als bürgerliches Beschreiten des Rechtswegs: 1971 versuchten sie erfolglos, Lischka nach Frankreich zu entführen, wo er in Abwesenheit bereits verurteilt worden war. Statt Lischka musste sich daher zunächst Beate Klarsfeld vor Gericht verantworten. Auch die Entführung und sogar die Ermordung des einstigen Gestapo-Chefs von Lyon, Klaus Barbie, war geplant. Beate Klarsfeld verfolgte ihn in Chile und Bolivien, kettete sich in La Paz auf offener Straße vor Barbies Büro. Mithilfe des früheren Che Guevara-Gefährten Régis Debray mobilisierten die Klarsfelds den französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, um 1983 schließlich die Auslieferung Barbies nach Frankreich zu erreichen. Vielleicht war das Beate Klarsfelds größter Triumph.

Als ihre Jagd auf Barbie durch die Presse ging, fand sie eines Tages auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht vor: "Frau Klarsfeld, ich hätte Sie gern gesprochen … wunderbar, was Sie tun!" "Ich rief zurück", erzählt Beate Klarsfeld, "und da war es Marlene!" Die Bewunderung von Marlene Dietrich beruhte auf Gegenseitigkeit und die beiden Frauen blieben – wenn auch nur telefonisch oder auf dem blauen Briefpapier der Dietrich – bis zum Tod des Stars in freundschaftlicher Verbindung.

Zum 70. keine Glückwünsche

Wer aus der Wohnung der Klarsfelds in Richtung des nahegelegenen Elyséepalasts schaut, kann die gerahmten Urkunden neben dem Fenster nicht übersehen: Staatspräsident Mitterrand machte "Beate Künzel verheiratete Klarsfeld, geboren am 13. Februar 1929 in Berlin" zum Ritter der Ehrenlegion. Sein Amtsnachfolger Jacques Chirac erhöhte sie zum Offizier. Aus Deutschland ist dagegen nie eine offizielle Anerkennung gekommen – "Kiesinger-Ohrfeige!", sagt Beate Klarsfeld zur Erklärung. Die berühmte Ohrfeige, die sie dem damaligen Bundeskanzler 1968 wegen dessen NS-Vergangenheit gab, haftet im politischen Gedächtnis der Bundesrepublik. Jetzt wollten "Die Linke" und die "Grünen" sie für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen, sagt Beate Klarsfeld. Joschka Fischer hatte ihr zweimal zum Geburtstag geschrieben. Aber zum 70. in diesem Jahr kam nichts. "Am 8. November bekomme ich den Georg-Elser-Preis für Zivilcourage", tröstet sie sich. "Günter Wallraff wird die Laudatio halten, Rolf Hochhuth wird sprechen." Die Rebellen bleiben unter sich.

Angefangen hat die Klarsfeld-Story 1960 in der Metrostation Porte de Saint Cloud am Westrand von Paris. Mit einer Freundin war sie kurz zuvor als Au Pair-Mädchen von Berlin nach Paris gekommen. Ein junger Mann sprach sie an: "Sind Sie Engländerin?" Beate Klarsfeld dürfte mit dem deutlichen deutschen Akzent geantwortet haben, den sie noch heute hat. Umgehend verabredeten sich die beiden zu dem Film "Sonntags … nie!" Drei Jahre später heirateten sie. Dass Beate Klarsfeld zu der Kämpferin von heute wurde, hängt vor allem mit der Geschichte von Serge zusammen. Von der Schwiegermutter erfuhr sie, wie Serge Klarsfelds Vater 1943 von Alois Brunners Schergen in Nizza festgenommen worden war: Als es an der Tür klopfte, versteckte Vater Klarsfeld seine Frau und seine beiden Kinder hinter einem Schrank. Sie sahen ihn nie wieder. Als Serge Klarsfeld Jahre später seine zukünftigen Schwiegereltern in Berlin besuchte, setzte er die Reise fort – nach Auschwitz, "wo er die letzten Minuten seines Vaters nachverfolgte". Arno hieß er, wie nun auch sein Enkel.

Verantwortlich, aber nicht schuldig

1963 fand Beate Klarsfeld beim damals eben gegründeten Deutsch-Französischen Jugendwerk eine Stelle. Die junge Deutsche fühlte sich "verantwortlich, aber nicht schuldig". Aus diesem Verantwortungsgefühl heraus begann sie Anfang 1967 ihren Feldzug gegen das ehemalige NSDAP-Mitglied Kiesinger, der soeben Kanzler geworden war und bald zur Bundestagswahl antrat: Sie publizierte "Die beiden Gesichter Deutschlands" und zwei weitere Artikel in der Zeitung "Combat". Die Bundesregierung reagierte postwendend: Ende August wurde die junge Mutter entlassen. "Ich hatte die Wahl: Entweder ich entschuldige mich und bleibe. Oder nicht." Statt sich zu entschuldigen, verfasste Beate Klarsfeld "Die Wahrheit über Kurt Georg Kiesinger", ein Heft über seine umstrittene Rolle als Nazi-Propagandist. Schließlich kandidierte sie für die linksradikale Partei "Aktion Demokratischer Fortschritt" in Kiesingers Wahlkreis Waldshut. Klarsfelds einziges Ziel: bei jeder Wahlveranstaltung gegen ihn aufzutreten. Hat sie das Gefühl, Kiesinger zu hart angefasst zu haben? "Nein. Er hat niemals Bedauern über seine Nazi-Vergangenheit geäußert." Von der Zuschauertribüne des Bundestags aus unterbrach Beate Klarsfeld den Bundeskanzler dann mit dem Zwischenruf "Kiesinger! Nazi! Abtreten!" Am 7. November 1968 schließlich schmuggelte sie sich in den Berliner CDU-Bundesparteitag. Unter einem Vorwand trat sie hinter die Tribüne und ohrfeigte kurz vor elf den verblüfften Kiesinger. Heinrich Böll gratulierte mit roten Rosen. Beate Klarsfeld wurde im Schnellverfahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, im Berufungsverfahren kam sie mit einer Bewährungsstrafe davon.

Im Regal in ihrer Wohnung stehen mehrere Kampfschriften von Beate Klarsfeld. "Das ist das Buch mit dem Vorwort von Böll", sagt sie, und nimmt einen schmalen weißen Band mit dem Titel "Die Geschichte des PG 2633930 Kiesinger" vom Bord. Er war kurz vor der Berufungsverhandlung erschienen. "Dieses Buch ist eine nachträgliche, ausführliche und peinlich sachliche Begründung für Ohrfeigen", schreibt Böll, "die die deutsche Presse in jenen Tagen versäumt hat (…). Frau Klarsfeld hat nur nach- und schließlich zu einer Ohrfeige ausgeholt."

Der Kampf geht weiter

Beate Klarsfeld setzte ihren Kampf noch lange fort. Sie suchte den KZ-Arzt Mengele in Paraguay, demonstrierte in Polen und der Tschechoslowakei gegen Antisemitismus, engagierte sich mit der FFDJF in den Kollaborationsprozessen gegen Maurice Papon, hoher Beamter des Vichy-Regimes, und Paul Touvier, ehemaliger Miliz-Chef von Lyon unter Klaus Barbie. "Die Hetzjagd" erzählt nun Beate Klarsfelds Kampf für die Auslieferung Klaus Barbies, dargestellt wird sie von Franka Potente. Was geht in ihr vor, wenn sie sich, nach "Nazi Hunter: The Beate Klarsfeld Story" (1986), nun schon zum zweiten Mal als Protagonistin eines Films sieht? "So ein Film ist immer befriedigend. Unsere ganze Arbeit wird damit aufgewertet. Da bleibt etwas für die spätere Generation!"

JOHANNES WETZEL

ARTE PLUS

Beate Klarsfeld:
Geb. am 13. Februar 1939 in Berlin als Beate Auguste Künzel; 1963 Heirat mit Serge Klarsfeld; Kinder Arno (*1965) und Lida (*1973).

1968, Kiesinger: ohrfeigt den Bundeskanzler wegen seiner Nazi-Vergangenheit am 7. November 1968 auf Berliner CDU-Parteitag.

1970, Achenbach: weist dem FDP-Politiker Nazi-Vergangenheit nach, verhindert seine Entsendung als Kommissar der EG in Brüssel.

1971, Lischka: versucht, Kurt Lischka zu entführen, der als Pariser Gestapo-Chef für die Deportation von 76.000 Juden aus Frankreich verantwortlich ist, um ihn an Paris auszuliefern.

1984: sucht in Chile und Paraguay nach den NS-Kriegsverbrechern Walter Rauff und Josef Mengele.

1987, Klaus Barbie: macht jahrelang Jagd auf den Gestapo-Chef von Lyon, der 1987 dort verurteilt wird.

2001, Alois Brunner: jagt den Eichmann-Stellvertreter, der über 130.000 Juden ermorden ließ; in Abwesenheit zu lebenslänglich verurteilt.

Kategorien: Oktober 2009