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MEISTER DER ANGST

Kennen Sie Hitchcock? Was für eine Frage! Kein anderer Regisseur hat Millionen Zuschauer so sehr erschauern lassen. Keiner wie er hat es so sehr genossen, dass die Zuschauer ihm ausgeliefert sind – und keinen hat das Publikum für diese Macht so geliebt wie ihn. "Fenster zum Hof", "Der unsichtbare Dritte", "Die Vögel" und vor allem "Psycho" sind nur einige der Filme zwischen 1953 und 1963, die Hitchcock berühmt gemacht haben. Der an den Rollstuhl gefesselte James Stewart, der von einem Flugzeug gejagte Cary Grant, die von Möwen attackierte Tippi Hedren, der von seiner Mutter besessene Anthony Perkins – allesamt Figuren, die von Hitchcocks Obsessionen getrieben werden und deren Ohnmacht beim Zuschauer höchste Lust provoziert. All diese Filme stammen aus der Dekade, als Hitchcock in Amerika auf dem Höhepunkt seines Erfolgs war und sogar im Fernsehen mit Krimiserien auftrat. Doch wenige kennen die Filme aus der Zeit, als er seine typischen Stilmittel entwickelte, die ihn zu dem machten, der er schließlich wurde.

Selbstbewusstes Naturtalent

Die Filme der 1930er und 1940er Jahre, aus der Zeit seines Wechsels von London nach Hollywood, zeigen: Alfred Hitchcock wurde nicht erst zum großen Regisseur, sondern er war es eigentlich schon immer. Natürlich gab es im Frühwerk auch unfreiwillig gedrehte Fingerübungen, zu denen ihn Verträge mit Produzenten zwangen. Doch was seine berühmtesten Filme auszeichnet, hat Hitchcock fast schon von Anfang an beherrscht. Seinem Interviewer François Truffaut vertraute er 1967 an, die Technik des Filmemachens habe er schon von "Der Mieter" an durchschaut und seine Meinung dazu auch nicht mehr geändert. Das war sein fünfter von 53 Filmen, 1926 noch zu Stummfilmzeiten gedreht, im selben Jahr, als er seine Frau Alma heiratete, der er ebenfalls ein Leben lang treu blieb. Wer nun den Verdacht hat, dass Hitchcock hier womöglich ein wenig mit seinem frühreifen Talent kokettierte, mag sich vor Augen führen, dass der "Master of Suspense" ein Jahr später, 1927, bereits sein aus ein paar Zeichenstrichen bestehendes Selbstporträt als Logo einführte. Und schon Anfang der 1930er Jahre gründete er eine Firma, die ausschließlich für seine Öffentlichkeitsarbeit und Vermarktung zuständig war. Ab diesem Zeitpunkt widmete er sich auch den Filmen, die seinem Selbstbewusstsein entsprachen.

1929 drehte er mit "Erpressung" den ersten britischen Tonfilm, und dieser war so erfolgreich, dass Hitchcock in Kürze der mit Abstand bekannteste Regisseur seines Landes wurde. Als er 1939 nach Amerika übersiedelte, eilte ihm sein Ruf bereits voraus -– er konnte unter den verschiedenen Angeboten das lukrativste auswählen.

Ein Engländer in Hollywood

In New York kannte sich Hitchcock bereits bestens aus – theoretisch: Sein ganzes Wissen darüber stammte aus Stadtplänen, Filmen –und dem leidenschaftlichen Studium von Kursbüchern der amerikanischen Eisenbahnen, die er sich jährlich schicken ließ. Erst 1937 bereiste er das Land selbst. Truffaut vermutete, Hitchcocks Liebe zu Amerika und sein Stolz seien so groß gewesen, dass er nicht als Tourist dorthin gehen, sondern nach Amerika gerufen werden wollte. Hitchcock hatte das Land im Kino lieben gelernt, also wollte er es auch als Regisseur erobern.

Genau diese Periode des Übergangs in Hitchcocks Karriere beleuchtet die ARTE-Reihe mit sechs Filmen. Aus der englischen Zeit sind das "Die 39 Stufen" (1935) und "Sabotage" (1936), aus der amerikanischen Zeit "Mord" (1940), "Mr. und Mrs. Smith" (1941) und "Verdacht" (1941), dazu als englischer Nachzügler "Sklavin des Herzens" (1949). "Meine Arbeit in England", sagte Hitchcock, "hat meinen Instinkt entwickelt. Man könnte die erste Periode mit ,Gefühl fürs Kino‘ überschreiben. Die zweite war die Entwicklung der Ideen."
Tatsächlich ist in den beiden englischen Filmen schon alles ausformuliert, was Hitchcocks Stil später ausmachen würde: "Die 39 Stufen" handelt von einem Unschuldigen und den Schwierigkeiten, seine Unschuld zu beweisen – ein Motiv, das bei Hitchcock immer wiederkehrt. Auch in "Sabotage" ist seine Fähigkeit, den Zuschauer in seinen Bann zu schlagen, bereits angelegt: Wenn Sylvia Sidneys Blick beim Abendessen mit dem Mörder ihres kleinen Bruders auf das Messer fällt, schneidet Hitchcock so lange zwischen Messer, Hand und ihren verstohlenen Blicken hin und her, bis auch der Wunsch des Zuschauers, sie möge zustechen, schier übermächtig wird.

Nach den Erfolgen dieser beiden Filme war es 1937 dann endlich so weit: Hitchcock bestieg mit seiner Frau die Queen Mary, um in New York mit einigen Hollywood-Studios zu verhandeln. Das beste Angebot kam von David O. Selznick, der ihm 50.000 Dollar für den ersten Film bot. 1939 verkauften die Hitchcocks ihre Londoner Wohnung und zogen nach Los Angeles, zuerst an den Wilshire Boulevard, später dann in das Haus der Schauspielerin Carole Lombard. Durch den Erfolg von "Vom Winde- verweht" war Produzent Selznick jedoch so beschäftigt, dass er mit Hitchcock zwar den Oscar-gekrönten Film "Rebecca" (1940) produzierte, seinen Star-Regisseur in der Folge aber lieber mit Gewinn an andere Produzenten verlieh.

Flexibel, aber stark

So drehte Hitchcock 1940 für Walter Wanger "Der Auslandskorrespondent", einen Propagandafilm gegen den Nationalsozialismus. Darauf folgten seine einzige Screwball-Comedy "Mr. und Mrs. Smith" und der Psychothriller "Verdacht", der zum größten Erfolg des Jahres 1941 wurde. Im Gedächtnis bleibt vor allem die Szene, in der Cary Grant mit einem Glas Milch die Treppe zu seiner Frau hinaufsteigt, die den Verdacht hat, er wolle sie umbringen. Um die Zweifel der Zuschauer an den Absichten des Ehemannes zu nähren, ließ Hitchcock mit Hilfe einer Lampe im Glas die Milch geradezu giftig leuchten – einer von seinen unvergleichlichen Tricks, den Blick auf scheinbar nebensächliche Gegenstände zu lenken.

Hitchcock wahrte seinen Ruf auch in Hollywood, und nicht einmal Flops wie der in Australien spielende Kostümfilm "Sklavin des Herzens" konnten diesem etwas anhaben. Der Regisseur nahm den Misserfolg mit Humor: "Wenn ich heute einen Film drehen würde, der in Australien spielt, würde ich einen Polizisten zeigen, der in den Beutel eines Kängurus springt und ihm zuruft: ,Folgen Sie dem Wagen dort!‘"

GASTAUTOR MICHAEL ALTHEN IST FILMKRITIKER, BUCHAUTOR UND SEIT 2001 FEUILLETON-REDAKTEUR BEI DER FAZ

ARTE PLUS

Buchtipps:

"Die Hitchcock-Biographie", John Russel Taylor, Fischer Cinema 1982; "Alfred Hitchcock – Die dunkle Seite des Genies", Donald Spoto, Heyne 1984; "Truffaut, Hitchcock", François Truffaut, Diana Verlag 1999; "Alfred Hitchcock und seine Filme", Donald Spoto, Heyne 1999; "Spannung bei Hitchcock. Zur Funktionsweise des auktorialen Suspense", Adrian Weibel, Königshausen & Neumann 2008; "Alfred Hitchcock. Leben –Werk – Wirkung", Thilo Wydra, Suhrkamp 2009.

Kategorien: Oktober 2009