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IM TAKT DER LEIDENSCHAFT

Es klingt wie ein modernes Märchen. Es spielt in Venezuela, einem Land, in dem drei Viertel der Bevölkerung an der Armutsgrenze leben und wo vielerorts Drogen und Gewalt das Straßenbild beherrschen. Hier kommt ein Mann auf den Gedanken, die Kinder von der Straße zu holen, um sie gemeinsam musizieren zu lassen. Dieser Mann heißt José Antonio Abreu und er veranstaltet im Jahr 1975 in einer Tiefgarage in Caracas eine erste Orchesterprobe. Es kommen elf Jugendliche. Am nächsten Tag kommen 25, am dritten 46, am vierten 75. Heute sind es über 250.000 Kinder, die in 180 Musikschulen spielen, wo sie von fast 15.000 Musiklehrern betreut werden. Aus einem kleinen Jugendorchester aus den Slums ist eines der größten Bildungsprojekte der Welt hervorgegangen, an dessen Spitze das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar, das staatliche Jugendorchester Venezuelas, steht. Im vergangenen Jahr wurde das Ensemble in die Berliner Philharmonie und zu den Salzburger Festpielen eingeladen, sein junger Chefdirigent Gustavo Dudamel ist zum Liebling des Publikums und der Medien avanciert. Er ist selbst ein Kind des "Sistema", wie das Projekt kurz genannt wird: Mit zehn Jahren kam er als Violinist zu dem Orchester, mit zwölf sprang er bei einer Probe als Dirigent ein, und mit 18 wurde er als einer der jüngsten Orchesterchefs der Welt zu dessen Chefdirigent. Dudamel bezeichnet sein Herkunftsmilieu als "poor in money and rich in spirit" und diesen Geist wird er nun auch nach Los Angeles bringen, wo er am 8. Oktober die Leitung des philharmonischen Orchesters der Stadt übernimmt. Empfangen wird er am 3. Oktober in der Hollywood Bowl, der größten Open-Air-Bühne der USA. Der Abend trägt den Titel "¡Bienvenido Gustavo!" und wird mit einem großen Feuerwerk ausklingen – sehr passend für einen Mann, dessen Hände schon beim Reden wie ein Feuerwerk um ihn wirbeln.

ARTE: Herr Dudamel, Sie werden in Los Angeles der bisher jüngste Chefdirigent sein, so wie Sie überall immer der Jüngste waren. Macht Sie das stolz?
Gustavo Dudamel: Erstens glaube ich nicht, dass das Alter so wichtig ist, und zweitens bin ich im Gegensatz zu vielen meiner Musiker doch schon ein alter Knacker! Haben Sie meine grauen Haare nicht bemerkt? Und nun schauen Sie sich meine 13-jährigen Kollegen vom Simón-Bolívar-Jugendorchester an, die haben solches Talent und sind noch nicht halb so alt wie ich …
ARTE: Was bedeutet Ihnen die Ernennung zum Chefdirigenten in Los Angeles? Und was sind Ihre Ziele für Ihre dortige Arbeit?
Gustavo Dudamel: L.A. und ich haben uns gesucht und gefunden. Ich wünsche mir, dass wir durch unsere Arbeit hier die Herangehensweise der Menschen an klassische Musik verändern können. In dieser Hinsicht sind im Moment starke Veränderungen bemerkbar – das ist geradezu beängstigend aufregend!
ARTE: Das müssen Sie erklären …
Gustavo Dudamel: L.A. ist wirklich etwas Besonderes! Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Konzert an der Hollywood Bowl mit Tausenden und Abertausenden von Zuschauern. Anfangs war das Publikum mucksmäuschenstill und am Ende dann unglaublich ausgelassen, wie auf einer Party! In Caracas haben unsere Konzerte immer etwas von Rockkonzerten und ich habe das Gefühl, dass das in L.A. bald auch so sein wird.
ARTE: Warum haben Sie für Ihr Antrittskonzert Mahlers 1. Sinfonie und eine moderne Auftragskomposition von John Adams ausgewählt?
Gustavo Dudamel: Es ist immer eine delikate Angelegenheit, als neuer Dirigent die richtige Balance zwischen dem was war, und dem was kommen wird, zu finden. Ich möchte gerne manche Fäden von früher aufnehmen, zugleich jedoch neue Wege einschlagen. Das Auftragswerk von John Adams, der in L.A. mein Mentor in Sachen Neue Musik sein wird, soll vor dem Hintergrund einer der großen Mahler-Sinfonien ein klares Zeichen dafür sein, wie die nächsten Jahre hier aussehen werden. Wir wollen etwas wirklich Neues machen und nicht nur den einen oder anderen neuen Komponisten spielen. In meiner ersten Spielzeit werden wir neben dem klassischen Repertoire fünf Uraufführungen bringen und die Konzertreihe "Americas and Americans" mit Film-, Tanz- und Volksmusik aus Süd- und Nordamerika nach Los Angeles bringen.
ARTE: Sie waren letztes Jahr mit dem Orquesta Sinfónica Simón Bolívar zu Gast in Berlin. Wie hat es Ihnen in Deutschland gefallen?
Gustavo Dudamel: Wir waren schon drei Mal in Berlin, wo wir immer sehr großzügig empfangen wurden. Wussten Sie, dass viele Mitglieder der Berliner Philharmoniker jeden Sommer nach Caracas kommen, um mit unseren Streichern und Bläsern zu arbeiten? Sie schicken uns auch Instrumente – wofür wir sehr dankbar sind. Außerdem hat meine internationale Dirigenten-Karriere eigentlich in Bamberg angefangen, als ich dort 2004 den Gustav-Mahler-Dirigenten-Wettbewerb gewonnen habe. Sie sehen, ich habe eine sehr besondere Beziehung zu Deutschland.
ARTE: Eine letzte Frage zu Ihrer Technik: Normalerweise lenken Orchesterleiter ihre Instrumentalisten vor allem mit dem Dirigentenstock. Sie hingegen sind bekannt dafür, mit dem ganzen Körper zu dirigieren …
Gustavo Dudamel: Um von meinen Musikern den Klang zu bekommen, den ich will, würde ich alles tun.
Ich gebe beim Dirigieren meine ganze Seele – bedingungslos!

DAS INTERVIEW FÜHRTE WALDEMAR KAMER

Kategorien: Oktober 2009