DIE RIESEN KOMMEN

Ist es eine Bombe? Ist es eine Werbeaktion? Ist es vom Himmel gefallen? Fantasievoll waren die Spekulationen über den Inhalt der raketenförmigen Holzkapsel, die im Mai 2006 plötzlich auf dem Waterloo Square in London im Asphalt steckte. Bis einige Stunden später ein über sieben Meter großes Mädchen in grünem Leibchen, roten Sandalen und altmodischer Fliegerbrille der Tonne entstieg. Die Kleine Riesin ließ den Blick unter langen Wimpern schweifen und begab sich dann, geführt und an Seilzügen bewegt von einem Schwarm rot livrierter Drahtzieher, auf ihre Reise durch die britische Metropole. Tagelang wurde sie nicht aus den Augen gelassen von lachenden Kindern, ungläubigen Großeltern, staunenden Bankern, von internationalen Touristen, stolzen Busfahrern, von der ganzen Stadt. "She is real!", hieß es. Nicht ganz: Sie atmet aus künstlichen Lungen, läuft auf hölzernen Beinen und lebt von der Fantasie ihrer Puppenspieler. Aber sie kann ihre sanften Augen bewegen – und damit die Herzen der Menschen.

Mit Siebenmeilenstiefeln um die Welt

Spätestens seit sie 1990 das Festival d’Avignon eröffnete und damit zu einer der bedeutendsten Theatergruppen Frankreichs wurde, ist Royal de Luxe immer unterwegs. Bäume voller lachender Kinder in einem Wüstendorf in Kamerun, zwei Millionen verwunderte Großstädter in Santiago de Chile und in London: "Wenn ich mich an die Theaterereignisse von Royal de Luxe erinnere, die ich seit über 15 Jahren begleiten durfte, dann gab es nichts, was nicht möglich war, und nichts, was vorher schon erfunden war." Als ein "théâtre de création" beschreibt Brigitte Fürle die Arbeit der Künstlerfamilie. Sie hat Royal de Luxe und ihre Riesen im Rahmen der Theater- und Tanzsaison spielzeit’europa nach Berlin eingeladen. Von allen Kreationen und Theaterformen, die die Kompanie seit ihren Anfängen in Südfrankreich in den späten 1970er Jahren erfunden hat, hält sie die Riesen für die bemerkenswertesten. "Sie sind einerseits große Theatermaschinen, die auf die Erfindung des Maschinentheaters an sich verweisen. Andererseits haben die Giganten nichts Bedrohliches an sich, sondern etwas unglaublich Zärtliches und Menschliches, das alle in den Bann zu schlagen weiß." Vielleicht liegt das nicht nur an ihren Augen, sondern auch daran, dass sie von Menschen bewegt werden. Um die 30 Puppenspieler braucht es, um eine Marionette laufen, lachen, leben zu lassen.

Werkstatt-Wunderkammer am Flussufer

Pünktlich zum 20-jährigen Mauerfall-Jubiläum kommt die Kleine Riesin mit einem neuen Abenteuer nun nach Berlin. Die Generalprobe für das Märchen um sie und ihren 15 Meter hohen Onkel, den Großen Riesen, fand wie bei jedem neuen Spektakel der Gruppe im Juni auf den Straßen der westfranzösischen Stadt Nantes statt. Hier sind die Riesenmarionetten inzwischen fester Bestandteil der Lebenswelt eines jeden Kindes. Jean Luc Courcoult, Erfinder der Puppen und künstlerischer Leiter von Royal de Luxe, wird dort verehrt wie ein Zauberer. Seit bereits 20 Jahren ist das Ensemble in Nantes zu Hause und erfindet in einer stillgelegten Fabrikhalle am Loire-Ufer immer neue Formen experimentellen Theaters im öffentlichen Raum. In dieser Werkstatt-Wunderkammer entstehen auch die Großstadtmärchen mit ihren übergroßen mechanisch-pneumatischen Protagonisten aus Pappel, Linde und Stahl. "Das Faszinierende an den Künstlern von Royal de Luxe ist, dass sie nicht nur Schauspieler sind, sondern auch große und experimentierfreudige Physiker und Techniker, die bohren und hämmern, schweißen und basteln können", erklärt Brigitte Fürle.

Ein Oktobermärchen für Berlin

Am liebsten hätte die Dramaturgin und ehemalige Kuratorin der Wiener Festwochen die zwischen sieben und 15 Meter großen Riesen schon vor Jahren in ihre Heimatstadt Wien geholt. Da aber gab es zu viele Straßenbahnoberleitungen und zu enge Gassen. Auch wenn Berlins Straßen breiter sind, stellen die radikalen Ideen der Künstler die neue Gastgeberstadt vor große organisatorische und logistische Herausforderungen: Alle, von den Berliner Festspielen als Veranstalter über den Bürgermeister, den Denkmalschutz, die Verkehrsbetriebe bis hin zur Stadtreinigung arbeiten Hand in Hand, um zum Mauerfall-Jubiläum das Riesen-Märchen vom Wiedersehen nach langer Trennung zu erzählen. "Einem explizit politischen Thema haben wir das der gewaltsamen Trennung vorgezogen", erklärt Jean Luc Courcoult. In seiner Geschichte wird die Stadt von Meeresungeheuern auseinandergerissen und so die Kleine Riesin vom Großen Riesen, ihrem Onkel, getrennt. Zornig durchwandert dieser die Ozeane, bis er schließlich im Taucheranzug aus der Spree gezogen wird. Die Kleine Riesin erwacht derweil vor dem Roten Rathaus mit einem Postsack verloren gegangener Briefe aus der Zeit der Teilung der Stadt. Nach einer viertägigen Odyssee auf verrosteten Schiffen, nach Zeitlupenspaziergängen durch die Feierlichkeiten zum 3. Oktober und Händeschütteln mit dem Regierenden Bürgermeister, werden sich die beiden Riesen am Brandenburger Tor endlich wiederfinden.

Experimentierfreudige Kulturanarchos

"Zu den Prinzipien der Kompanie gehört neben der Philosophie, dass die Poesie, die Träume und Fantasien für alle bei freiem Eintritt erlebbar sein müssen, auch die jeweils ortsspezifische Erzählung." Für Brigitte Fürle hat es seit der Reichstagsverhüllung von Christo 1995 und der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 kein so einschneidendes Ereignis in Berlin gegeben. Und schon gar keins, dass sich an die großen Emotionen von 1989 wagt: "Die Riesen werden die Stadt mobilisieren, bewegen, verzaubern und sie werden sie nachhaltig in ihrem Umgang mit Geschichte prägen." Vom 1. bis zum 4. Oktober werden die Schauspieler und ihre Puppen, die in den Hallen des ehemaligen Flughafens Tempelhof logieren, die Hauptstadt täglich von 10 bis 18 Uhr in ihren Bann ziehen. In der Heimat an der Loire wartet man derweil schon sehnsüchtig auf die nächste Begegnung mit den großen Freunden.

SABINE KÖHNCKE

ARTE PLUS

Die Riesen in Berlin:

Donnerstag, 1. Oktober: Ankunft der Riesen am Schlossplatz und auf dem Pariser Platz

Freitag, 2. Oktober: Die Kleine Riesin wird vor dem Roten Rathaus begrüßt

Samstag, 3. Oktober: Am Humboldthafen taucht der Große Riese auf

Sonntag, 4. Oktober: Die Glücksparade der Riesen führt vom Brandenburger Tor über die Straße des 17. Juni zur Spree

Kategorien: Oktober 2009