UNDERCOVER

Für die einen sind Andy Bichlbaum und Mike Bonanno Querulanten, für die anderen sind sie Helden. Die beiden US-Amerikaner kämpfen unter dem Namen The Yes Men für eine bessere Welt. Um die Skrupellosigkeit des Kapitalismus aufzudecken, halten sie den Verantwortlichen den Spiegel vor. Sie schleusen sich auf Wirtschaftskongressen ein oder geben sich als Konzernsprecher aus, um so Entschädigungszahlungen bekannt zu geben, die dieser Konzern nie geplant hatte. Nicht zuletzt sind Wirtschaftsbosse daher ihre schärfsten Kritiker. Günter Wallraff, der mit seinen verdeckten Recherchen den investigativen Journalismus prägte, ist für ebenso umstrittene Aktionen bekannt. Für das ARTE Magazin sah er sich den preisgekrönten Dokumentarfilm "Die Yes Men reparieren die Welt" an. Ein Interview über die Yes Men, über Lüge, Moral und Menschlichkeit.

ARTE: Bringen die Yes Men Sie zum Lachen oder zum Weinen?
Günter Wallraff: Die Yes Men sprechen mir aus der Seele. In einer Gesellschaft, die so sehr auf äußeren Erfolg, auf Karriere, auf Großmachtallüren und auf Einschüchterung aufgebaut ist, hat die Arbeitsweise der Yes Men etwas Anarchistisches. Die beiden haben das meisterhaft entwickelt und es ist die richtige Antwort, denn sie halten einem System den Spiegel vor.
ARTE: Wie funktioniert dieser Spiegel?
Günter Wallraff: Beispielsweise, indem die Yes Men auf Kongressen unter falscher Identität haarsträubende Reden halten, um skrupellose Wirtschaftsbosse dazu zu bringen, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Was dabei wirklich schockiert, ist, dass ihre grenzenlos überspitzten Äußerungen von den anwesenden Firmenchefs ernst genommen und teilweise bejubelt werden. Das ist die reinste Realsatire! Jeder müsste aufspringen und schreien: Wer verarscht uns denn da mit unseren eigenen Waffen?

ARTE: Machen die Yes Men also alles richtig?
Günter Wallraff: Eine ihrer Aktionen ist grenzwertig. Die Yes Men führen auf einer Konferenz Öl-Bossen ihre Gewissenlosigkeit vor Augen, indem sie vorschlagen, zur Energiegewinnung aus menschlichen Leichen Kerzen herzustellen. Als sie die im Publikum verteilten Kerzen anzünden, in denen
sie Menschenhaar verarbeitet haben, wabert ein höllischer Gestank durch den Raum. Diese Sinnbildlichkeit, diese Symbolik! Allein die ganze Bude zum Stinken gebracht zu haben, war die Aktion wert. Nur war sie dermaßen übertrieben, dass es natürlich allen auffiel. Ich kenne das von mir selbst, man neigt manchmal dazu, die Schraube immer noch ein wenig mehr anzuziehen.

ARTE: Sowohl Ihnen als auch den Yes Men macht man nicht die Ziele, sondern die Methode zum Vorwurf. Ist es das wert, die Menschen "anzulügen" …
Günter Wallraff: … zu täuschen, es ist ja nicht Betrug! Man muss sich maskieren und tarnen, sich als ein anderer ausgeben, um die Gesellschaft zu demaskieren, zu überführen und die Selbstherrlichen zu entblöden.
ARTE: Ist es nicht kritikwürdig, wenn die Yes Men den Opfern eines Chemie-Unfalls Hoffnung auf Entschädigung seitens eines großen Unternehmens machen, um dieses in der Medienöffentlichkeit bloß zu stellen?
Günter Wallraff: Über Jahre, Jahrzehnte hinweg stand auch ich mit dem Rücken zur Wand und musste mich der Methode wegen rechtfertigen. Das Verrückte dabei ist, dass ich diese Kritik noch von niemandem gehört habe, der selber Malocher war, der selber im Dreck gesteckt hat. Von dieser Seite gab es immer Jubel, "endlich macht das mal jemand". Und auch bei den Yes Men ist das zu sehen. Die Yes Men fahren zu eben jenen Opfern, stellen sich ihnen und erhalten nur positive Reaktionen: "Die zwei Stunden, in denen wir falsche Hoffnungen hatten, sind doch nichts gegen die falschen Hoffnungen, die wir 20 Jahre lang hatten! Jetzt spricht man endlich darüber. Gut gemacht!" Diese Bestätigung erlebe auch ich immer wieder.
ARTE: Kann Lügen also moralisch sein?
Günter Wallraff: Es gibt Wahrheitsfundamentalisten und Prinzipienreiter, die nicht danach fragen, wem die Täuschung dient. Diejenigen, die mich kritisieren, sind aber meistens auch die, die sich anderen gegenüber mit sehr verwerflichen Methoden Vorteile verschaffen. Für mich ist es letztlich die Frage, ob die Lüge der eigenen Vorteilnahme oder der Wahrheitsfindung dient. Wenn man aus menschlicher Rücksichtnahme heraus lügt, finde ich das akzeptabel.
ARTE: Sieht die Justiz das auch so?
Günter Wallraff: Im Zusammenhang mit meiner Einschleusung 1977 bei der BILD-Zeitung und der anschließenden Prozess-Serie gegen mich hat das Bundesverfassungsgericht ein Grundsatzurteil erlassen: Demnach ist meine Methode der verdeckten Ermittlung legitim, weil das Recht der Öffentlichkeit, über gravierende Missstände informiert zu werden, gegenüber wirtschaftlichen Interessen das höhere Rechtsgut ist. Ich fordere übrigens immer wieder dazu auf, mich zu verklagen! Leider haben meine Gegner aber gelernt, dass jeder Prozess nur noch eine größere Öffentlichkeit herstellt. Und ich habe meine Prozesse bisher alle gewonnen.
ARTE: Würden Sie Ihre Gegner gerne einmal gemeinsam mit den Yes Men herausfordern?
Günter Wallraff: Ja! Man müsste sich hier bei uns die selbstherrlichen Banker vorknöpfen, die immer noch an den Schalthebeln sitzen. Sie vergeben kaum mehr Kredite an mittlere Unternehmen, sondern bunkern das Geld, das der Staat ihnen in den Rachen geworfen hat und zocken und spekulieren wieder wild drauf los. Ich würde diesen Bankern gerne mit den Yes Men eine Falle stellen und mich z.B. als Vertreter der Regierung ausgeben, um sie zum unverstellten Reagieren zu bringen.
ARTE: Aktuell rufen Sie ein "Wallraff-Stipendium" ins Leben, das Menschen, die Missstände aufdecken, finanziell unterstützt. Warum?
Günter Wallraff: Ich merke, wie meine Zeit begrenzt ist. Vielleicht stehe ich im Moment in so etwas wie der Angstblüte, einem Begriff aus der Botanik: Da treibt ein Baum, kurz bevor er abstirbt, noch einmal mit allen Blüten aus. So fühle ich mich manchmal. Und ich muss daran denken, dass ich das alles einmal nicht mehr werde machen können – die Jahre sehe ich kommen. Ich wünsche mir, dass andere das fortführen.

DAS INTERVIEW FÜHRTEN DIANA AUST UND JOHANNES SCHWERDTFEGER

ARTE INTERVIEW

Günter Wallraff wurde 1942 in Burscheid geboren. In den frühen 60er Jahren begann er, Reportagen über seine Erfahrungen als Fabrikarbeiter zu veröffentlichen. Zahlreiche investigative Arbeiten haben ihn seitdem bis weit über die Grenzen Deutschlands hinaus als konsequenten Enthüllungsjournalisten bekannt gemacht.

ARTE PLUS

Weitere Aktionen der Yes Men:

2000, Salzburg: Im Namen der Welthandelsorganisation (WTO) proklamieren sie den Handel mit Wählerstimmen
2001, Tampere: Sie sprechen sich als WTO-Mitarbeiter für die totale Überwachung von Arbeitskräften durch Manager aus
2004, USA: Während des Wahlkampfes nehmen sie Bush-Unterstützern das Gelöbnis ab, in ihren Gärten nukleare Abfälle zu lagern

Kategorien: September 2009