THE TUDORS

Henry VIII. schäumt vor Wut. Gerade hat er erfahren, dass sein Onkel von den Franzosen ermordet wurde. Nur mit Mühe kann der königliche Lordkanzler, Kardinal Wolsey, den jungen Monarchen von seinen Kriegsplänen abbringen und ihn von einer friedlicheren Lösung überzeugen, einer frühen Version des geeinten Europas. Eine aufreibende Situation für den ungeübten Regenten. Entspannung findet der König Augenblicke später im Bett einer seiner Mätressen.

Ein Serieneinstieg nach Maß. Die im 16. Jahrhundert am Hofe Henrys VIII. spielende Geschichte "Die Tudors" zieht bereits in den ersten Minuten alle Register: Im Mittelpunkt steht der junge vergnügungssüchtige Herrscher, den ein Mieder oft mehr interessiert als die Lage der Nation. Schwer von sich eingenommen, geht er außerdem gerne mit Freunden zur Jagd oder stellt seine Männlichkeit bei Ritterspielen zur Schau. Das macht Henry VIII. zunächst zu einem willigen Spielball seiner Berater, die ihre eigenen Interessen nie aus den Augen verlieren. Da ist beispielsweise Kardinal Thomas Wolsey, der auf den Papststuhl spekuliert und großen Einfluss auf den Monarchen hat – aber auch viele Feinde. Oder der Diplomat Thomas Boleyn, der seine hübschen Töchter Mary und Anne im Umfeld Henrys VIII. platziert, um durch sie seinen eigenen Aufstieg zu forcieren. Wohin man schaut: gierige Hofschranzen. Doch die ständig wechselnden Allianzen führen nicht immer zum Ziel – manch einer bezahlt seine Ambitionen mit einem Verweis vom Hof oder gar mit dem Leben.

Dichtung und Wahrheit
Die Dynastie der Tudors ist ein Stoff, der sich bei Drehbuchautoren sowie TV- und Kinoproduzenten seit mehr als zehn Jahren großer Beliebtheit erfreut. Der Brite Michael Hirst, Autor und Koproduzent von "Die Tudors", machte 1998 mit seinem Skript für den oscargekrönten Kinofilm "Elizabeth" den Anfang. In der gleichnamigen TV-Miniserie verlieh Helen Mirren Elizabeth I. Gestalt und vergangenes Jahr spielten Natalie Portman und Scarlett Johansson die Boleyn-Schwestern Anne und Mary in "Die Schwester der Königin". Der amerikanische Bezahlsender Showtime konnte also auf ein bereits wohlbestelltes Publikumsinteresse setzen, als er eine weitere, rasant erzählte Version der Familiensaga produzierte und dafür als Autoren den Spezialisten für historische Stoffe, Michael Hirst, beauftragte. Hirsts Ehrgeiz zielte darauf ab, eine spektakuläre Geschichte zu bieten, wie sie im Fernsehen nicht alltäglich ist. Ihm ging es dabei nicht um historische Authentizität, sondern um Unterhaltung vor historischer Kulisse, in einer großen kinogerechten Optik: Rauschende Feste am Hof, spektakuläre Ritterturniere, brutale Hinrichtungen und ausschweifende Erotik. Man könnte der Serie vorwerfen, fiktionale Elemente sehr großzügig eingebaut zu haben, aber Hirst verteidigt sein Konzept: "Kunst ist etwas anderes als das Leben oder die Geschichte. Ich betone immer wieder, dass ich eine Seifenoper, basierend auf historischem Material, geschrieben habe." Eine ideale dramaturgische Voraussetzung, die Hirst für die historische Seifenoper zu nutzen verstand, ist die auch unter Historikern unbestrittene absolute Macht Henrys VIII. Sein Wille war am Hof Gesetz.

Frauen und Macht
In der Serie bekommen vor allem Frauen die königliche Macht und den damit einhergehenden Wankelmut zu spüren. Zunächst seine fromme erste Gattin, Katharina von Aragon, die ihrem Mann mehrere Kinder gebiert, von denen aber nur eine Tochter, Mary, überlebt. Henry VIII., der sehnlichst auf einen männlichen Nachkommen hofft, lässt Katharina schon bald ein einsames Leben am Hof fristen – verschmäht von seiner Lust, die er mit anderen Frauen auslebt. Als Kardinal Wolsey in Rom nicht schnell genug die Scheidung von Katharina durchsetzen kann, setzt ihn Henry VIII. als Lordkanzler ab. Seine Tochter Mary verspricht Henry VIII. noch im Kindesalter dem Thronfolger von Frankreich, um sie später, die Franzosen sind vertragsbrüchig geworden, dem zukünftigen spanischen König anzubieten.

Selbst Margaret, die Schwester Henrys VIII., muss gegen ihren Willen den greisen Regenten von Portugal heiraten – eine Erfindung für die Serie, die die machtpolitischen Bestrebungen des Königs unterstreichen soll. Als die Scheidung von Katharina in Rom endlich erwirkt wird, darf Henry VIII. Anne Boleyn ehelichen, um den Makel des fehlenden Thronfolgers zu beseitigen. Die Frau als eine der Politik untergeordnete Verschiebeware erfährt in der Serie jedoch eine gewisse emanzipatorische Aufwertung. Anne Boleyn beispielsweise verweigert auf Drängen ihres Vaters dem verliebten König den Liebesdienst und treibt geschickt ihre eigenen Spielchen, um Katharina von Aragon als Ehefrau zu beerben. Margaret, die Schwester Henrys VIII., wartet nicht erst den Tod ihres tatterigen Gatten ab, sondern greift selbst zum Kissen, um ihn zu ersticken. Ihr Ungehorsam geht sogar so weit, dass sie daraufhin heimlich den besten Freund ihres Bruders, Charles Brandon, heiratet – ohne das Einverständnis seiner Majestät.

Der Mick Jagger des 16. Jahrhunderts
Nicht alles im Leben Henrys VIII. eignete sich für eine moderne Adaption fürs Fernsehen. Im realen Leben des Königs lagen fast 20 Jahre zwischen seiner Thronbesteigung und dem offiziellen Ende seiner Ehe mit Katharina von Aragon. Lange Jahre, die an dem historischen Regenten nicht spurlos vorübergegangen sein können. Anders verhält es sich im Film bei Hauptdarsteller Jonathan Rhys Meyers, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 2006 in Irland 30 Jahre alt ist und auch im Verlauf der Serie keinerlei Alterserscheinungen zeigt. Bekannt aus "Kick it Like Beckham" (2002) und Woody Allens "Matchpoint" (2005) entspricht sein Äußeres keineswegs dem Original: Zeitgenössische Porträts zeigen Henry VIII. als wohlbeleibten Machthaber. In der Renaissance mag dies als Zeichen für Stellung und Einfluss attraktiv gewesen sein. Dem derzeitigen Schönheitsideal entspricht jedoch eher ein muskulöser Beau wie Jonathan Rhys Meyers, dessen Erschienung es den Fernsehzuschauern plausibel macht, warum die Damen reihenweise vor dem König in die Laken sanken.

Die "Tudors"-Kostümbildnerin Joan Bergin wurde für ihren Aufwand, den jungen König und sein Gefolge von ihrer besten Seite zu zeigen, zweimal mit dem Emmy-Award ausgezeichnet. "Henry VIII. war der Rockstar seiner Zeit… mit eng anliegenden Kleidern, die seinen Körperbau zur Geltung brachten. Er war der Mick Jagger von damals", unterstreicht Joan Bergin. Der Vergleich hinkt wohl ein wenig, denn anders als der Frontman der "Rolling Stones", traf Henry VIII. selten auf ein großes Publikum. Seine Welt war die hermetische Abgeschlossenheit des Palastes, seine Zuschauer waren die Berater und Bediensteten bei Hofe. Ein Zustand, dem die Serie "Die Tudors" Rechnung trägt, wobei die Details der Feder des Drehbuchautors zu verdanken sind. Michael Hirst antwortet auf die Frage nach dem Unterschied zwischen dem Schreiben für Film oder Fernsehen: "Der Hauptunterschied ist der, dass beim Film der Regisseur Gott ist. Beim Serienfernsehen ist der Drehbuchautor Gott."

KIRSTEN LAMMICH

DIE HISTORISCHEN FAKTEN ZU "DIE TUDORS"

Der Dramaturgie zuliebe veränderten die Macher folgende historische Fakten für die opulente Serie:

Prinzessin Mary, Schwester Henrys VIII., heiratet den König von Frankreich, Ludwig XII. In der Serie: Um Verwirrungen zu vermeiden (die erste Tochter Henrys VIII. heißt ebenfalls Mary), heiratet eine andere Schwester, Margaret, den König von Portugal. Da Frankreich bereits in einem anderen politischen Kontext genannt wurde, hätte der Zuschauer irritiert werden können, weswegen Portugal ins Spiel gebracht wird.

Kardinal Thomas Wolsey stirbt an einer Krankheit, bevor ihm in London der Prozess gemacht werden kann. In der Serie: Er begeht Selbstmord. Obwohl die katholische Kirche Selbstmord verurteilt, gab es laut Drehbuchautor Michael Hirst durchaus Fälle von Selbstmord. Außerdem sollte ein renommierter Schauspieler wie Sam Neill die Möglichkeit für einen überzeugenden Abgang erhalten.

Thomas Tallis, Komponist und Organist, der während der englischen Reformation am Hofe Henrys VIII. wirkte. In der Serie: Er erscheint in sehr jungen Jahren und zu einem viel früheren Zeitpunkt am Hof. Eine homosexuelle Liebschaft mit einem der Freunde Henrys VIII. wird ihm zusätzlich angedichtet.

Der illegitime Sohn von Henry VIII. mit seiner Mätresse Lady Blunt stirbt im Alter von 17 Jahren. In der Serie: Das Kind stirbt mit fünf Jahren an Schweißfieber. Ein dramaturgischer Kniff, um die fortwährende Besessenheit Henrys, endlich einen Thronfolger zu zeugen, glaubhafter zu machen.

KIRSTEN LAMMICH

Kategorien: September 2009