LIEBESDUETT IM 10. STOCK

Einen besseren Schauplatz könnte es nicht geben. Bern, im äußersten Westen der Stadt, Endstation der Buslinie 14. Hier liegt das Gäbelbachquartier, eine typische Hochhaussiedlung. Menschen aus 20 Nationen leben anonym hinter strengen Beton-Fassaden mit Mini-Balkons in alphabetisch geordneten Blöcken. Hier wird "La Bohème" neu inszeniert. Nicht weit davon entfernt, das Einkaufszentrum Westside, ein Konsumtempel. Mit seinen asymmetrisch geneigten Kristallwänden wirkt der Entwurf des Stararchitekten Daniel Libeskind wie ein extravaganter Solitär inmitten der Betonlandschaft.

Nur 800 Meter Luftlinie liegen zwischen Hochhaus Block B und dem Westside, doch die Unterschiede könnten kaum größer sein. Beste Voraussetzungen für Giacomo Puccinis Oper "La Bohème", in der es um den Alltag von vier mittellosen Bohemiens und einer todkranken Stickerin geht: um ihre Liebeleien, ihre Träume von Reichtum, aber auch ihren Kampf gegen Hunger, Kälte und Tod im mondänen Paris des 19. Jahrhunderts. "Hier die Welt der Enge, des Wohnens, des kleinen Alltags, dort die Welt des Traumes, des Glanzes, des Konsums", bringt es Thomas Beck auf den Punkt. Er ist Redaktionsleiter beim Schweizer Fernsehen, das im letzten Jahr gemeinsam mit ARTE Verdis "La Traviata" live im Züricher Hauptbahnhof zeigte. Ein großer Erfolg, der nun zu einem neuen gemeinsamen Kulturprojekt anspornte: "La Bohème" wird in einer Hochhaussiedlung aufgeführt und Puccinis Oper von 1896 soll so in die heutige Realität übertragen werden.

Arien für alle.

Ziel des Projekts ist es, Oper ganz nah zu den Menschen zu bringen, in ihre Wohnungen mit realistischen Requisiten. "Eine Mischung zwischen Oper, Sozialreportage und Live-Event", nennt Beck das. "Es ist Oper zur Prime Time", sagt Regisseurin Anja Horst, "für jedermann zugänglich". Sie wird die Produktion des Stadttheaters Bern in der Hochhaussiedlung inszenieren. Moderatoren werden durch die vier Bilder von Puccinis Oper führen, sich immer wieder einschalten und Interviews mit Solisten, Statisten und Bewohnern des Hauses führen.

Er habe die Oper des Alltags geschaffen, schrieb bereits 1925 der Musikkritiker Adolf Weissmann über das Werk von Giacomo Puccini. Alltag soll auch in die neue Inszenierung der tragischen Geschichte einziehen. "Nun werden sich Bohemien Rodolfo und Stickerin Mimi in einer echten Arbeiterwohnung lieben", schwärmt Produzent Christian Eggenberger. Eine solche zu finden war nicht schwer. "Offen und neugierig" seien die Bewohner des Gäbelbachquartiers gewesen, als man sie bei einer Veranstaltung über das Projekt informierte. Viele boten sich als Statisten an.

Vier Parterre-Wohnungen des Blocks B wurden ausgewählt, denn die Schauplätze dürfen wegen des "Kabelsalats" nicht zu weit auseinander liegen. Puccinis Poet Rodolfo wird für die Inszenierung in die Wohnung des realen Hausmeisters ziehen. Hausherr Benoît, der Vermieter der vier Bohemiens, wird in die Wohnung nebenan einquartiert und vor einer Monitorwand sitzen, um alle Bewohner des Hauses zu beobachten. Mimi, die Geliebte von Rodolfo, wohnt auch im Erdgeschoss. In einer vierten Wohnung werden ebenfalls Kameras aufgestellt, hier werden wirkliche Hausbewohner gefilmt, während diese im Fernsehen wiederum die Liebeszene zwischen Mimi und Rodolfo verfolgen.

Eine Herkulesarbeit.

Sie wolle, sagt Regisseurin Anja Horst, die Kunstwelt der Oper und die reale Welt nebeneinanderstellen, "ohne dass sie Kontakt miteinander aufnehmen". Allerdings räumt sie ein: "Für uns alle ist dies ein Experiment." Schon Puccini stöhnte über die qualvolle Entstehung von "La Bohème", die "consegna erculea", die Herkulesarbeit, die ihn viele Jahre in Anspruch nahm. So lange wird es diesmal nicht dauern, doch gilt es einige technische Hürden zu überwinden. "Wir haben hier einen extrem verwinkelten Ort, ein Hochhaus mit vielen Zimmern, sehr engen Gängen und enormen Höhenunterschieden", erklärt Redaktionsleiter Beck. Das Team ist mit 21 Kameras jedenfalls bestens ausgerüstet. Für die Regisseurin sind die kleinen Räume eher inspirierend. Hier könne man mit der Kamera ganz nahe kommen. "Keine Sorge, wir werden den Menschen nicht bis auf die Toilette folgen, also kein Big Brother!", beruhigt Beck. Damit es realistisch bleibt, werden die Wohnungen in ihrer Einrichtung belassen und keine Perücken zum Einsatz kommen, auch wenn die Interpreten historische Kostüme tragen werden.

Gesang vor Waschmaschinen.

In Puccinis Werk gibt es keine Ouvertüre, Regisseurin Horst aber plant einen spektakulären Anfang. Vieles ist noch offen. "Schräg und reizvoll" findet die Regisseurin die Idee, die Mansardenszene im ersten Akt der Oper in die Waschküche im Untergeschoss von Block B zu verlagern. Bei Puccini kauerten die vier Bohemiens noch starr vor Kälte hoch oben über den verschneiten Dächern von Paris. Nun sitzen sie in der warmen Waschküche, die Waschmaschinen laufen und die Hausbewohner hängen ihre Wäsche auf. Hier wird Poet Rodolfo auch sein Manuskript vernichten. Er wird es aber nicht ins Feuer werfen, um sich daran zu wärmen, sondern in die Wäscheschleuder. Die Winter-Atmosphäre fällt weg. "Man könnte Kunstschnee auffahren, dann aber würde man in der Realität eine Kunstwelt aufbauen", erklärt Anja Horst.

Der zweite Akt spielt im Einkaufszentrum Westside. Ursprünglich sollten die Sänger durch ein Modehaus gehen, aber Glaswände störten den Empfang ihrer drahtlosen Sender im Ohr, über die sie das Orchester hören. Vorerst letzter Stand der Dinge ist, dass am Haupteingang begonnen wird und die Sänger bis zu einem Selbstbedienungslokal ziehen, das Puccinis Café Momus ersetzt. Vis-à-vis werden die Musiker des Berner Sinfonieorchesters positioniert, unter der Leitung des Chefdirigenten Srboljub Dinic´. "Meine Aufgabe ist es, mir zu überlegen: Was bewegt die Figuren und wie bewege ich sie durch den Raum?", sagt die Regisseurin. Ständig müsse sie das Libretto szenisch umdenken. Dabei steht sie in enger Zusammenarbeit mit Felix Breisach, der die Fernsehregie übernehmen wird. In jeder Szene wird er entscheiden, welches Bild, welche Kameraeinstellung ausgestrahlt wird.

Für die letzten beiden Akte geht es wieder zurück in Block B. Und wo wird die schwindsüchtige Mimi
sterben? In der Oper verhängt Rodolfo das Zimmerfenster der Kranken und schafft höchste Intimität. In Horsts Inszenierung aber stirbt Mimi auf dem großen Platz vor einer Pizzeria, ganz öffentlich, "damit alle Zugang haben". Sollte es regnen, wird die Szene in einen Bus der Linie 14 verlagert. So gesehen auch eine Endstation.

TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL

ARTE PLUS

"La Bohème" in vier Bildern:

1. Akt: Heiligabend in Paris: Rodolfo (Dichter), Marcello (Maler), und Colline (Philosoph) hungern und frieren in ihrer Mansarde. Erst Schaunard (Musiker) bringt Geld. Nachbarin Mimi bittet um Feuer und erleidet einen Schwächeanfall. Rodolfo und sie verlieben sich.
2. Akt: Quartier Latin, vor dem Café Momus: Die vier Freunde verschleudern das Geld. Musetta, die ehemalige Geliebte Marcellos, kehrt wieder zu ihm zurück.
3. Akt: Im Februar, am Stadtrand: Rodolfo eröffnet Marcello, dass er nicht für die an Tuberkulose erkrankte Mimi sorgen kann. Doch diese überzeugt ihn, bis zum Frühling mit ihr zusammen zu bleiben.

4. Akt: Sechs Monate später, in der Mansarde: Musetta stürzt zu den vier Bohemiens herein, sie hat Mimi todkrank auf der Straße gefunden. Doch nichts hilft mehr, Mimi stirbt.

Kategorien: September 2009