KEINE GNADE IN VEGAS

Tausende von Menschen lassen sich jeden Monat in Las Vegas nieder. Sie alle wollen am amerikanischen Traum teilhaben, egal wie. Es gibt glitzernde Kasinos und Hotels, aber auch Prostitution, Drogen, Alkohol – und eine der höchsten Kriminalitätsraten der USA. Hier drehte ARTE die Doku-Reihe "Das Gesetz von Las Vegas", die fünf Mordprozessen folgt. Zwei Jahre begleitete Regisseur Rémy Burkel Pflichtverteidiger und Staatsänwälte, war im Gefängnis dabei, wenn Verteidiger und Angeklagte ihr Vorgehen besprachen und filmte die Verhandlungen. Mit dem ARTE Magazin sprach er über die Todesstrafe und die Menschlichkeit von Mördern.

ARTE: Herr Burkel, warum haben Sie eine Serie über das Gesetz von Las Vegas gedreht? Warum nicht New York, Paris oder Berlin?
Rémy Burkel: Wir haben in den USA gedreht, weil es dort eine Besonderheit gibt: Hier sind im Gerichtssaal Kameras erlaubt, wir durften überall filmen. Das ist weder in Frankreich noch in Deutschland möglich. Die enorme Kriminalitätsrate von Las Vegas findet man auch in New York, das stimmt. Aber Vegas ist spannend, weil die Stadt trotz ihrer zwei Millionen Einwohner für amerikanische Verhältnisse recht klein ist: Gefängnis, Staatsanwaltschaft, die Büros der Pflichtverteidiger, alles befindet sich einen Steinwurf voneinander entfernt. Jeder kennt jeden. Für den Dreh war das ideal.
ARTE: Wie kommt es, dass man in der Serie kein einziges Kasino sieht, es ist schließlich Las Vegas?
Rémy Burkel: Mit Ausnahme der Eintreibung von Spielschulden gibt es in Las Vegas nicht viele Verbrechen, die mit dem Glücksspiel verbunden sind. Das ist ein höchst überwachter Sektor mit enormer Polizeipräsenz.

ARTE: War es eine bewusste Entscheidung, fünf Mordfälle zu zeigen?
Rémy Burkel: Nein. Uns war wichtig, dass die Fälle eine Verbindung zu Las Vegas haben, die über den bloßen Besuch eines Kasinos oder einer Prostituierten hinaus gehen. Jene Geschichten, die sich im Schatten der Neonlichter der Touristenattraktionen abspielen.
ARTE: Zum Beispiel?
Rémy Burkel: Gladys Perez will sich hier mit ihrem Freund ein neues Leben aufbauen, aber er verspielt ihr gesamtes Geld. Das ist der Auslöser für die schrecklichen Ereignisse, die folgen, der Tod ihrer dreijährigen Tochter. De Rac Hanley hingegen kam nach Vegas wie so viele ältere Menschen: weil es warm ist und sie keine Steuern zahlen müssen. Damit ist ihr Rentenscheck viel höher. Der Nachteil ist, dass es Alkohol und Glücksspiel gibt – und Las Vegas eine unglaublich langweilige Stadt ist. Auch der Fall von Jesus Vega ist typisch für Las Vegas. Hier geht man in Stripteaselokale wie man in Frankreich ins Café geht. Vor allem hat jeder das Recht, eine Waffe zu tragen, und Jesus hat seine benutzt.
ARTE: Las Vegas ist die US-amerikanische Stadt mit den meisten Todesurteilen. Wie kommt es dazu?
Rémy Burkel: Nevada ist ein konservativer Staat, der Las Vegas mit harten Strafen schützen will, nach dem Motto "Wir in Las Vegas kennen keine Gnade". Die Todesstrafe ist dabei eine fürchterliche Waffe der Staatsanwälte, die sie auch nutzen. Die Pflichtverteidiger versuchen, genau das zu verhindern und das Schlimmste von ihren Mandanten abzuwenden. Retten können sie sie in den seltensten Fällen.
ARTE: Die Serie zeigt eine erstaunlich enge Beziehung zwischen den Angeklagten und ihren Pflichtverteidigern. In einer Szene verabschiedet sich Moniques Verteidigerin Alzora Jackson von ihrer Mandantin mit den Worten "I love you". Das ist schwer zu begreifen, schließlich hat Monique grausam gemordet …
Rémy Burkel: Moniques Fall war der Schlimmste. Wie sie und ihr Bruder Beau zwei kleine Mädchen massakriert haben, übersteigt jegliche Vorstellung von Gewalt. Aber als ich mit Alzora Jackson zu Monique ins Gefängnis ging, sah ich ein 16-jähriges Mädchen, das mich fragte: "Von allen Angeklagten, die Sie gefilmt haben, wer ist die Schönste?" Ich war überrascht und sagte: "Du, Monique." Das ist alles, was sie hören wollte. Plötzlich habe ich in ihr dieses Kind gesehen, das ein fürchterliches Leben gehabt hat. Von mehreren Stiefvätern vergewaltigt, von der Mutter mit Drogen vollgepumpt, der Vater selbst wegen Mordes im Gefängnis … Eines Nachts ist alles herausgebrochen. Und nun gibt es Menschen wie Alzora, die diese Person verteidigen, weil sie das als richtig empfinden. Und weil sie wissen, dass ihre Mandanten sonst in der Justizmaschinerie hilflos untergehen würden.
ARTE: Wie schaffen es die Pflichtverteidiger, an solchen Geschichten nicht zu zerbrechen?
Rémy Burkel: Ich weiß es nicht. Alzora geht in die Kirche. Sie spielt, und nicht wenig. Viele der Verteidiger spielen, viele sind Alkoholiker, aber ihr Job ist ihre Mission! Es ist hart, doch diese Menschen sind einfach toll.
ARTE: Ist es Ihnen schwer gefallen, die Distanz zu wahren?
Rémy Burkel: Nach Moniques Verhandlung bin ich nach Hause gerannt, um meine Kinder zu sehen, die damals mit mir in Las Vegas waren. Die Fotos der Autopsie, die Stichwunden in diesen Kinderkörpern, waren schrecklich. Wir zeigen die Bilder in der Serie bewusst nicht. Es reicht, wenn man sieht, wie der Polizist, der die Kinder entdeckt hatte, bei der Vernehmung weint. Und ich wollte unbedingt vermeiden, dass irgendjemand diese Bilder später ins Internet stellt. Distanz war für mich auch immer eine Frage des Respekts. Mir wurden aber durchaus Vorwürfe gemacht, beispielsweise dass ich für die Mörderin Gladys Empathie zeige. Ich habe fast zwei Jahre mit ihr und ihrer Familie verbracht und empfände es als abstoßend, würde ich keinerlei Sympathie für sie empfinden.
ARTE: An einer Stelle des Films liest der Zuschauer: "Der Staatsanwalt kann in den USA ein sofortiges Schuldeingeständnis erwirken, indem er im Gegenzug mit den Anwälten das Strafmaß verhandelt.” Ist das noch Justiz oder bloßer Kuhhandel?
Rémy Burkel: Die Staatsanwaltschaft ist verpflichtet, dem Angeklagten dieses Schuldeingeständnis vorzuschlagen, um einen Prozess zu vermeiden. Dieses System gibt es in den USA schon immer, um teure und zeitaufwändige Prozesse zu vermeiden. Und seien wir mal ehrlich: Die meisten Verbrechen wurden von den Angeklagten auch begangen, teilweise haben sie sie sogar schon zugegeben. Diese Verhandlungen verhindern oft ein noch schwereres Strafmaß.
ARTE: Die Frage bleibt: Wird in Las Vegas wirklich Recht gesprochen?
Rémy Burkel: Las Vegas ist ein Ort des Spieles und auch die Justiz ist ein Spiel: Staatsanwaltschaft und Verteidigung versuchen alles, die zwölf Geschworenen von ihrer Position zu überzeugen. Das, was zählt, ist der Sieg.

DAS INTERVIEW FÜHRTE CORINNA DAUS

ARTE INTERVIEW

Rémy Burkel wurde 1961 in San Francisco geboren. Mit 22 Jahren kam er nach Europa, lebte in Italien und England, bevor er in Frankreich seine Karriere als Regisseur begann. Er arbeitete für verschiedene französische TV-Sender, u. a. für die Satire-Sendung "Les Guignols de l’info". Derzeit realisiert er eine Doku-Reihe über die Opfer des Hurrikans "Katrina" in New Orleans. Rémy Burkel lebt mit seiner Familie bei Paris.

ARTE PLUS

Las Vegas in Zahlen:
• 2 Millionen Einwohner
• 500 Zuzüge/Woche
• 40 Millionen Touristen
• Die 20 größten Hotels der Welt sind in Las Vegas
• Jährlicher Umsatz der Kasinos: 40 Mrd. Dollar
• 70.000 Verbrechen/Jahr
• Die höchste Kriminalitätsrate in den USA, die meisten Todesurteile, die höchste Selbstmordrate, die meisten Überfälle und Diebstähle, der höchste Alkoholkonsum, die höchste Heirats- und Scheidungsrate

Kategorien: September 2009