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DIE IDEE KAM BEIM KAFFEE

ARTE: Herr Heise, stimmt es, dass Ihnen die Idee zu "24h Berlin" beim Kaffeetrinken kam?
Volker Heise: Die bittere Wahrheit ist, dass ich im Berliner Hauptbahnhof bei McDonald’s saß und frühstückte. Das ist ein toller Platz, man sitzt auf einem Hocker und sieht auf die gläsernen Rolltreppen. Ich las gerade in der Zeitung von einem englischen Projekt, bei dem E-Mails eines einzigen Tages gesammelt wurden. Und als ich wieder auf die Rolltreppe schaute, wusste ich, dass darin etwas steckt, womit ich etwas anfangen musste.
ARTE: Und dann fiel der Groschen?
Volker Heise: Auf dem Weg zu unserer Produktionsfirma fiel dann ein Groschen nach dem anderen. Zuerst hatte ich etwas ganz Klassisches im Kopf. Aber da ich mir gerne neue Strukturen ausdenke, kam die Idee zu einem ganz neuen Fernsehformat: einen Tag drehen, einen Tag senden und ein Jahr dazwischen.
ARTE: Das klingt nach einem Format absoluter Freiheit, von dem viele Regisseure träumen.
Volker Heise: Schon, aber wir hatten vier Grundregeln, auf die sich alle einlassen mussten: Gedreht wurde in Berlin am 5. September 2008, von sechs Uhr früh bis sechs Uhr am nächsten Tag, und zwar nur mit Handkamera und ohne gestellte Interviews. Alles andere lag bei den Teams, wobei wir natürlich vorab recherchiert haben.
ARTE: Worauf kam es Ihnen bei der Vorbereitung an?
Volker Heise: Unser wichtigstes Hilfsmittel war das statistische Jahrbuch der Landes Berlin, um Besonderheiten der Berliner Gesellschaft auszumachen und um Milieus und Menschen zu finden, die repräsentativ für die Stadt sind. Einen thematischen Schwerpunkt legten wir auf die demografischen Entwicklungen der Stadt: Ein Drittel aller Berliner hat Migrationshintergrund, bei unter 14-Jährigen ist es fast die Hälfte. Außerdem gibt es eine große Anzahl alter Menschen in dieser Stadt, die wiederum Deutsche sind. So kommt es, dass man im Kindergarten kaum Deutsche, im Altersheim dagegen fast nur Deutsche findet.
ARTE: War es schwierig, Geldgeber zu überzeugen?
Volker Heise: Erstaunlich schnell bekamen wir sowohl vom rbb als auch von ARTE eine Zusage und konnten viele namhafte Regisseure begeistern.
ARTE: Walter Ruttmanns Film "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" von 1927 ist der erste, der einen Tag in der Metropole dokumentiert – war er für Sie ein Vorbild?
Volker Heise: "24h Berlin" ist als 24-stündige Erzählung, die der Zuschauer ein- und wieder ausschalten kann, nur im Fernsehen möglich und nicht als Film konzipiert. Zudem versuchte Walter Ru/ttmann, die Stadt in ein einheitliches Konzept zu bringen. Das war wahrscheinlich schon in den 1920er Jahren falsch und ist es heute erst recht: Eine Stadt bedeutet immer Widerspruch, Unterschiedlichkeit. Aber literarische Vorbilder wie "Manhattan Transfer" von John Dos Passos und natürlich Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" saßen immer links und rechts auf meiner Schulter und redeten mit.
ARTE: Was geschieht mit dem unveröffentlichten Filmmaterial, das es nicht auf den Bildschirm geschafft hat?
Volker Heise: Wir wollen das komplette Filmmaterial in einem "Archiv der Zukunft" aufbewahren und es somit künftigen Generationen zugänglich machen. Der Gedanke dazu kam uns bei den Recherchen für die Filmprojekte "Abenteuer 1900" und "Schwarzwaldhaus 1902", bei denen wir immer nur bis zu einem gewissen Punkt an den Alltag der Menschen herankamen. Wie Könige gelebt haben, ist gut dokumentiert, nicht aber das Leben der einfachen Leute, der Alltag einer Epoche. Mit "24h Berlin" dokumentieren wir explizit den heutigen Alltag in einer Großstadt. Denn es könnte ja in 25 Jahren jemand auf die Idee kommen, einen rückblickenden Film über Berlin Anfang des 21. Jahrhunderts zu machen.

DAS INTERVIEW FÜHRTE CHARLOTTE GEIGER

ARTE INTERVIEW

Volker Heise ist Regisseur, Autor und Dramaturg. Für die Doku-Serie "Schwarzwaldhaus 1902" gewann er 2003 den Grimme-Preis. Mit Thomas Kufus entwickelt er neue TV-Formate, neben den ersten Doku-Soaps im deutschen Fernsehen u. a. die Serie "Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener".

Kategorien: September 2009