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24H BERLIN

06:00 Uhr, Berliner Charité: Als das Herz von Dieter Eichert, einem älteren Herrn aus Lichterfelde, zum Stillstand kommt, springt die Herz-Lungen-Maschine an. Während im Universitätskrankenhaus der Hauptstadt die Bypass-Operation beginnt, liegt Jérôme Bony, der Berlin-Korrespondent des französischen Fernsehsenders France 2, noch in seinem Bett. Die Männer der Stadtreinigungsbetriebe drehen schon seit Stunden ihre Runden.

Es ist eigentlich ein ganz normaler Tag in der Hauptstadt, doch was diesen 5. September 2008 so außergewöhnlich macht und das Leben der rund 3,4 Millionen Berliner vereint, ist das ambitionierte Projekt des Berliner Dokumentarfilmers Volker Heise: "24h Berlin – Ein Tag im Leben" heißt es und dokumentiert das Leben in der europäischen Metropole in all seinen bunten und widersprüchlichen Facetten.

10:00 Uhr, Hauptquartier "24h Berlin": In einer ehemaligen preußischen Kostümschneiderei befindet sich die Firma von Thomas Kufus, zero one film, die Heises Projekt produziert. 80 Kamerateams schwärmen heute von dort in die Stadt aus, begleiten ausgewählte Berliner 24 Stunden lang, filmen Straßenszenen, blicken in Wohnungen oder fahren mit der U-Bahn.

"Wie leben die Menschen, wie ist ihr Alltag und wie sehen sie die Welt?", ist die Frage, der das Team auf der Spur ist. Im Hof vor dem großen Backsteingebäude, das die Produktionsfirma beherbergt, ist die Atmosphäre heute morgen erstaunlich entspannt. Ab und zu huscht einer der 20 Kurierfahrer vorbei, um eine Lieferung zu übergeben: 750 Stunden Filmmaterial werden sich im Laufe des Tages auf den Rechnern im Hauptquartier ansammeln.

16:00 Uhr, Büro France 2: Jérôme Bony, der Berlin-Korrespondent von France 2, sorgt als eine der Hauptpersonen von "24h Berlin" für viel Videomaterial. Der Fernsehjournalist sitzt in seinem Büro und erzählt dem Kamerateam, wie merkwürdig es sei, gefilmt zu werden, während man selbst filmt: "Völlig authentisch ist man natürlich nie vor der Kamera, man interagiert mit ihr. Aber auch im normalen Leben ohne Kamera verstellt man sich ja immer ein wenig." Seit dem frühen Morgen schon begleitet ihn eine deutsch-französische Regisseurin.

Die Auswahl der Protagonisten und Orte von "24h Berlin" war eine echte Meisterleistung. Monatelang haben sich die mitwirkenden Regisseure, darunter Größen wie Romuald Karmakar, Rosa von Praunheim oder Volker Koepp, gemeinsam mit dem Produktionsteam auf die Suche nach der Seele Berlins gemacht: 20 Hauptpersonen haben sie schließlich ausgesucht, unter ihnen finden sich bekannte Gesichter wie der Dirigent Daniel Barenboim, der BILD-Chefredakteur Kai Diekmann oder Bürgermeister Wowereit, aber auch DJ-Größen, Familien, Arbeitslose, Rentner oder Villenbesitzer.

19:00 Uhr, Berliner Charité: Ein Ort, der in einem umfassenden Stadtporträt keinesfalls fehlen darf, ist das Krankenhaus. "Wenn hier Patienten eingeliefert werden, haben die natürlich andere Probleme, als eine Drehgenehmigung zu unterschreiben", stöhnt Aufnahmeleiter David Swoboda in der Charité. Doch mit ihm als ehemaligem Rettungssanitäter sowie der Regisseurin und ausgebildeten Krankenschwester Sabine Brand hat das Kamerateam genug Fachwissen und Fingerspitzengefühl, um mit heiklen Situationen in der Notaufnahme fertig zu werden. Ein langer Drehtag liegt hinter ihnen, inzwischen ist es 19 Uhr. Nachdem sie am Morgen fünf Stunden lang die Bypass-Operation von Dieter Eichert gefilmt hatten, wollen sie nun wissen, wie es ihm geht. Gemeinsam mit seiner Frau warten der Kameramann, die Tonassistentin und Sabine Brand eine halbe Stunde vor seinem Zimmer, bis sich endlich die Tür öffnet. Als Frau Eichert das Zimmer betritt, heften sich die drei an ihre Fersen. Es geht ihm gut, sie ist erleichtert: "Zuhause wirste dann erst mal in Watte gepackt." Die Antwort kommt spontan: "Kann ich das schriftlich haben?"

21:00, Talkpoint vor dem Brandenburger Tor: Touristenscharen schlendern über den Pariser Platz, nur um den Talkpoint machen viele einen Bogen. Einige Neugierige wagen sich näher und erfahren, dass hier jeder, der möchte, vor der Kamera von seinem Tag erzählen kann, was er von Berlin denkt oder welche Träume er im Leben hat. Eine Frau fordert, dass die Kosten von Musiktherapie erstattet werden sollten. Bei den Kameraleuten kommt das gut an: "Das ist doch mal originell. Weltfrieden wünschen sich ja alle." Bis zum späten Abend trudeln Berliner an den zwölf über die Stadt verteilten Talkpoints ein. Die anderen, so hofft Heise, greifen selbst zur Kamera und laden ihre Filme später auf die Homepage von "24h Berlin" hoch: "In einer Mediendemokratie sollte jeder das Recht haben, seine Meinung kundzutun, wir geben heute die Möglichkeit dazu. Es soll ja ein Projekt über, mit und von Berlinern sein."

23:24 Uhr, im Techno-Club "Tresor": Punktgenau um 23 Uhr 24 öffnen sich die Tore zum "Tresor", dem angesagten Berliner Techno-Club, der seit 2007 sein neues Zuhause in einem ehemaligen Heizkraftwerk gefunden hat. Hier legt heute Nacht Paul van Dyk auf, ein im In- und Ausland gefragter DJ, der selbst in Berlin aufgewachsen ist und seine Karriere 1991 im "Tresor" begann. Das Projekt "24h Berlin" unterstützt er als Pate und Protagonist, der den Zuschauer ins Nachtleben Berlins mitnimmt. Partys, Beats, Exzesse – das Kamerateam wühlt sich die ganze Nacht durch die tanzenden Menschen, die im Rhythmus der Boxen und im grellen Licht der Laserstrahler ihre eigenen Handy-Filmchen drehen.

Es ist sechs Uhr morgens, der 6. September 2008. 24 turbulente Stunden sind vergangen und die ersten Sonnenstrahlen blitzen über den Fernsehturm am Alexanderplatz. Berlin erwacht zu einem neuen Tag, die Kameraleute gehen schlafen.

CHARLOTTE GEIGER

Hier geht es zum Interview mit dem Regisseur von „24h Berlin“

Kategorien: September 2009