ZWISCHEN MAINSTREAM UND UNDERGROUND: DER SOUND DER 80ER

An Michael Jackson kam in den 80er Jahren niemand vorbei, doch wer kannte schon die Butthole Surfers? U2 war allen ein Begriff, doch es war leicht, das Jahr-zehnt zu durchleben, ohne etwas von Big Black, Mission of Burma oder Squirrel Bait gehört zu haben. Die 80er sind das Jahrzehnt, in dem Künstler wie Michael Jackson zu gottgleich verehrten Megastars aufsteigen, doch die 80er sind auch das Jahrzehnt, in dem sich ein tiefer Graben zwischen kommerziellem Pop und musikalischem Underground auftut. Je mehr Prince und Co. auf den Fernsehbildschirmen präsent sind, desto energischer lotet man abseits des Kommerzes musikalische Grenzen aus, verweigert sich den Konventionen des Popbetriebs und verachtet den Mainstream. Nur eine bleibt von diesem Kulturkampf unberührt: Madonna. Wie niemand sonst schwebt sie über der Kluft.

POP OHNE GRENZEN. Mit ihrem zweiten Album "Like a Virgin" erobert Madonna 1984 auf der ganzen Welt die Spitzen der Charts – und wird dennoch auch im New Yorker Underground verehrt. Die Band Sonic Youth, die dort mit Schraubenschlüsseln und Hämmern ihre Gitarren malträtiert, veröffentlicht 1985 unter dem Projektnamen "Ciccone Youth" eine Platte, auf der sie den Disco-Hit "Get Into The Groove" von Madonnas Erfolgsalbum covert. Ciccone Youth, benannt nach Madonnas bürgerlichem Namen Louise Veronica Ciccone, ist zwar ein typisch-dissonantes Sonic-Youth-Album, zugleich jedoch eine Verbeugung vor der Pop-Ikone: für die Avantgarde geradezu ein Affront.

Dabei hatte das musikalische Jahrzehnt unbeschwert und undogmatisch begonnen und die Musikwelt war alles andere als in Lager gespalten: Die Post-Punk-Generation tauschte vielerorts die Gitarre gegen das Keyboard ein und nutzte das neu aufgekommene Videoclip-Format zum kreativen Spiel mit Geschlechterrollen. Mit Bands wie Culture Club, Frankie Goes to Hollywood oder den Pet Shop Boys präsentierte sich die Popmusik einem breiten Publikum so androgyn oder auch offen schwul wie nie zuvor. Kurz vor der großen AIDS-Ernüchterung erlebte Pop die größte nur denkbare Gender-Liberalisierung. Jungs konnten sich schminken und gegenseitig an den Hintern fassen, aber auch an selbstbewusst auftretenden Frauen wie Annie Lennox von Eurythmics mangelte es nicht. Auch stellten Bands wie Heaven 17 oder Dexy’s Midnight Runners zu Beginn des Jahrzehnts mit intelligentem Elektro-Pop unter Beweis, dass Massentauglichkeit und künstlerischer Anspruch einander keinesfalls ausschließen müssen.

APOCALYPSE VS. GUTE LAUNE. Doch auf die Offenheit der frühen 80er Jahre folgt bald eine zunehmende Kommerzialisierung auf der einen und eine immer radikalere Abgrenzung auf der anderen Seite. Macho-Rocker wie Guns N’ Roses erobern die Stadien zurück, MTV wird zunehmend zur Werbeplattform für die großen Stars, während alles, was vom inzwischen ebenso bunten wie optimistischen Mainstream abweicht, aus den Fernsehkanälen, Radiostationen und Zeitungen verbannt wird.

In Deutschland entwickelt sich vor diesem Hintergrund das intellektuelle Musikmagazin Spex zur Oase in der medialen Wüste. Nirgendwo sonst – von vereinzelten, von Fans selbst herausgebrachten Magazinen abgesehen – kann das deutschsprachige Publikum etwas über die Existenz von Gruppen wie The Go-Betweens oder The Violent Femmes erfahren. Die Charts der 80er-Jahre und die Spex-Jahrgänge aus diesem Jahrzehnt dürften so gut wie keine Gemeinsamkeiten aufweisen. Von wenigen Ausnahmen wie der allseits beliebten Madonna, die sowohl als Plastikpop wie auch als postfeministisches Gesamtkunstwerk rezipiert werden konnte, abgesehen.

Die popmusikalische Ausdifferenzierung in lebensbejahenden Mainstream und wütenden Underground spiegelt auch die politische Stimmung der 80er wider. Mit Helmut Kohl, Margaret Thatcher und Ronald Reagan kommen konservative Politiker an die Macht und das Klima des kalten Krieges verschärft sich. Der musikalische Underground reagiert darauf mit apokalyptischer Untergangsstimmung. Während Modern Talking mit Ohrwürmern wie "You’re my Heart, You’re my Soul" die Tanzflächen befeuern, singt Blixa Bargeld von der Berliner Gruppe Einstürzende Neubauten: "Ich steh auf Viren … ich steh auf Zerfall", begleitet von Presslufthämmern und Industrielärm. Auch die Entstehung der Hardcore-Bewegung in den USA wäre ohne deren Hauptfeind Ronald Reagan kaum denkbar. Hardcore, ist die Radikalisierung von Punk – noch schneller, noch lauter, noch härter – und jede Hardcore-Band, die etwas auf sich hält, hat mindestens einen Anti-Reagan-Song im Repertoire. Musik soll keinen Spaß mehr machen, sondern ungefilterter Ausdruck von Wut sein. Mit den Dead Kennedys oder Black Flag entstehen Bands, deren Attacken auf die Konsum-Gesellschaft gar keine Chance mehr haben, von einer Plattenfirma einen Vertrag zu bekommen. Also gründen sie kurzerhand eigene "Independent"-Labels, organisieren ihre Touren selbst, tingeln von einem autonomen Jugendzentrum zum nächsten und geben sich nicht als Rockstars, sondern suchen den direkten Kontakt zum Publikum.

DIE VERLOCKUNG DES ERFOLGES. Die Kluft zwischen Mainstream und Underground ist immer dann besonders spürbar, wenn eine Independent-Band zu einem der marktdominierenden "Major"-Label wechselt. Dann hagelt es Ausverkauf-Vorwürfe seitens alter Fans, die Integrität der Band ist beschädigt. Dabei lebt der Hip-Hop schon in den 80er Jahren ein wesentlich entspannteres Verhältnis zum Erfolg vor. Obwohl es auch in dieser Musikrichtung häufig um gesellschaftskritische Themen geht, sind Independent-Major-Debatten selbst politischen Musikern wie Public Enemy und Ice-T gleichgültig. Ihnen ist es wichtig, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Während sich viele Musiker der weißen Mittelschicht ein Jahrzehnt der Selbstausbeutung erlauben, wollen die Rapper möglichst schnell raus aus dem Ghetto und ran an das große Geld – was den Kult um Goldketten und große Autos begründet, aber auch einige wegweisende Platten wie "The Message" von Grandmaster Flash & The Furious Five und "Power" von Ice-T hervorbringt.

2009 IST ALLES POP. Inzwischen ist der Underground längst rehabilitiert und in den Pop-Kanon eingemeindet worden. Im Musik-Business bestreitet heute niemand die Pionierleistung von Musikgruppen wie Sonic Youth und den Dead Kennedys, deren Namen bereits diejenigen vieler Chart-Stürmer der 80er aus den Geschichtsbüchern verdrängt haben. So sehr die großen Stars auch das Musikgeschäft dominierten und so vehement der Underground sich dem Markt auch widersetzte: Der genreübergreifende Musikkonsum hat die Kluft der 80er schließlich unkenntlich gemacht. Vom Jahrzehnt des Bruches ist eine Dekade der Vielfalt geblieben.

MARTIN BÜSSER

ARTE PLUS

Jeder erinnert sich an Michael Jacksons "Beat It" oder Tina Turners "Private Dancer". Doch die Hitliste der Alben, die sich in der Bundesrepublik zwischen 1980 und 1989 am besten verkauften, hält auch manche Überraschung bereit: HIER GEHT ES ZU DEN ALBUMCHARTS DER 80ER

Kategorien: August 2009