ZEITREISE IN 3-D

Die Archäologie hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert: Von der Erforschung der Römer und Griechen im Mittelmeerraum bricht man nun in benachbarte Regionen auf und entdeckt Geheimnisse, die noch weiter – bis ins zweite Jahrtausend vor Christus – zurückliegen. Durch den Einsatz moderner Technologien scheinen der Altertumsforschung nun keine Grenzen mehr gesetzt. Das ARTE Magazin sprach mit dem Althistoriker Martin Zimmermann über die Zukunft der Vergangenheit.

ARTE: Herr Zimmermann, ist Archäologie nicht staubtrocken?
Martin Zimmermann: Man darf sich nicht vorstellen, dass da nur Männer oder Frauen mit kleinen Pinselchen in Gruben sitzen, um die Vergangenheit wieder aus der Erde herauszuputzen. Wir versuchen, die Kulturgeschichte der Menschheit zu verstehen! Für mich ist es spannend, in der Südtürkei auf einem Berg zu stehen und mich zu fragen, wie eine antike Stadt in dieser Region funktioniert hat und mit welchen Wissenschaftlern und Methoden ich das herausfinden kann. Das ist eine unheimlich kreative Arbeit!
ARTE: Sie legen also nicht mehr alte Tempel frei oder kleben Scherben eines Tonkrugs zusammen?
Martin Zimmermann: Es stimmt, dass es Generationen von Archäologen darum ging, möglichst wertvolle Kunst wie Statuen oder beeindruckenden Schmuck für die großen Museen auszugraben. Heute fragt man stärker nach dem Alltagsleben der antiken Menschen. Welche Dinge waren von großem Wert? Oder wie entwickelte sich eine Mode? In der römischen Welt beispielsweise herrschte zeitweise eine regelrechte Ägyptomanie! Alles, was aus Ägypten kam oder danach aussah, war in. Man importierte kleine Sphinxen und richtete sich in den Villen Miniatur-Nilanlagen ein, um den Garten zu bewässern.
ARTE: Wie kommt man denn zu solchen Schlüssen?
Martin Zimmermann: Dadurch, dass wir immer mehr mit den Naturwissenschaften zusammenarbeiten, bekommt man Einblicke und erkennt Zusammenhänge, die vorher verschlossen waren. So hat man zum Beispiel mithilfe von Biologen festgestellt, dass die in Sagalassos, nördlich von Antalya, gefundenen Fischgräten von Nil-Barschen stammen. Das bedeutet, dass man bereits in der Antike Fischkonserven aus Ägypten in die Berge der heutigen Türkei importierte! Das ist kulturhistorisch, aber auch wirtschaftswissenschaftlich unglaublich interessant …
ARTE: Sie klingen begeistert, ist es das breite Publikum auch?
Martin Zimmermann: Natürlich lässt sich unsere Alltagsarbeit nicht so gut verkaufen. Das große Publikum interessiert sich für besonders beeindruckende Funde, es will Goldschätze sehen. Man kann jedoch einem breiten Publikum auch komplizierte Zusammenhänge eindrücklich vermitteln. Die Archäologie ist eine Wissenschaft, die in Deutschland großen Zuspruch findet. Schauen Sie sich die Troja-Ausstellung an, die 2001/2002 in Stuttgart, Braunschweig und Bonn über 800.000 Besucher anzog. Ähnlich großen Erfolg hatte das Panoramabild "Rom 312", das der Künstler Yadegar Asisi im Leipziger Gasometer bis Anfang des Jahres ausstellte. Wissenschaftlich ist diese Darstellung zwar größtenteils nicht haltbar. Ich finde es dennoch toll, dem Publikum einen Eindruck zu verschaffen, wie großartig Rom um 300 nach Christus aussah – selbst wenn nicht alle Details stimmen. Wenn ein Experte in Rom vor den Ruinen des Forum Romanum steht, sieht er vor seinem inneren Auge die Monumente bis zum Dach. Der Laie kann sich das ohne Abbildungen schwer vorstellen.
ARTE: Und Sie als Wissenschaftler brauchen solche Grafiken nicht?
Martin Zimmermann: Es wäre unaufrichtig, zu sagen, ein Archäologe könne mit solchen Rekonstruktionen nichts anfangen. Unser wissenschaftliches Interesse trifft sich da mit dem des Publikums, denn 3-D-Rekonstruktionen helfen auch uns, Gebäude besser zu verstehen. Lange Zeit war diese Arbeitsweise als unwissenschaftlich verpönt. Aber die Vorbehalte haben sich mit dem Fortschritt der Computertechnologie in den letzten zehn Jahren gelegt.
ARTE: Sie sind seit den 1980er Jahren an archäologischen Projekten beteiligt. Was ist 2009 anders?
Martin Zimmermann: Eine Sache, die wirklich einen ganz neuen Charakter in die Archäologie gebracht hat, vor allem hinsichtlich der Dokumentation der Funde, ist natürlich die Computertechnologie. Als ich anfing, füllte man noch dutzende Aktenordner mit handgeschriebenen und gezeichneten Zetteln, die dann in den Instituten archiviert wurden. Heute ermöglicht die Digitalisierung der Daten einen internationalen Austausch und man beginnt, die Ergebnisse zu unterschiedlichen Regionen mithilfe von Datenbanken zusammenzutragen und zu vernetzen. Damit entsteht gewissermaßen ein ganzheitliches Bild der Menschheitsgeschichte.
ARTE: Erleichtern die neuen Technologien nicht auch die Grabungen?
Martin Zimmermann: Sicher, wir haben auch Geologen, die mit geomagnetischen Messungen untersuchen, was unter der Erde ist. Mitunter stellen sich durch moderne Technik auch ganz neue Fragen. Man muss sich nur gleichzeitig vor Augen führen, dass die vorhandenen Budgets oft nicht ausreichen, um die Technik in befriedigendem Maß nutzen zu können. Das kann man nur bei Projekten mit großen Sponsoren. Trotz all den neuen Möglichkeiten steht man als Archäologe dennoch oft irgendwo im Feld, auf einem Berg, an einer Mauer und zeichnet mit der Hand und schreibt auf, was man da sieht. Einen Tag vor einer Mauer im südtürkischen Pergamon zu sitzen und jeden Stein einzeln zu zeichnen, das ist ein kontemplativer Akt. Da fällt einem viel mehr auf, als beim Betrachten eines Fotos. Man muss wirklich Zeit mit dem Monument verbringen. Und das wird sich meines Erachtens nicht ersetzen lassen – auch nicht durch die modernste Technik.
ARTE: Gibt es eigentlich noch eine Goldgräberstimmung in der Archäologie?
Martin Zimmermann: Die große Schatzgräberei ist vorbei. Aber sicherlich träumt jeder Archäologe davon, einmal den großen Coup zu landen.
ARTE: Von welchem Schatz träumen Sie?
Martin Zimmermann: Es ist natürlich völlig irreal, aber mein lebhaftester Wunsch bei meinen Arbeiten nördlich von Izmir ist es, Texte zu finden – wie Indiana Jones in ein unterirdisches Verlies einzubrechen und auf eine alte Bibliothek zu stoßen.

DAS INTERVIEW FÜHRTE ANNE GUDURAT

ARTE INTERVIEW

Martin Zimmermann

ist Professor für Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seit 1989 betreibt er archäologische Feldforschung zu antiken Siedlungsformen – insbesondere in der heutigen Türkei. Er ist Herausgeber von "Der Traum von Troja", 2006, C.H.Beck; "Weltgeschichte in Geschichten", 2004, Arena.

ARTE PLUS

Aktuelle Ausstellungen:

Schaufenster Archäologie – Kelten und Germanen an der Elbe, Staatliche Kunstsammlung Dresden (bis 22.12.2009);
Wie funktioniert Archäologie?, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (bis 25.4.2010)

Kategorien: August 2009