aurore.schaller@arte.tv

BOLLYWOOD TANZT WEITER

"Lauf doch!", ruft eine Stimme von hinten aus dem Kinosaal während der letzten Minuten von "Lagaan". Der im viktorianischen Indien spielende Film von Ashutosh Gowariker ist einer der größten indischen Kinohits. "Hast du gesehen, was er gemacht hat? Das ist nicht fair!", empört sich ein junger Mann in der ersten Reihe. Die Zuschauer sind außer sich, obwohl sie die Handlung genau kennen und wissen, dass die indischen Bauern die Cricket-Mannschaft der britischen Kolonialarmee am Ende haushoch schlagen werden. "Lauf schneller!", erklingt die Stimme wieder, leicht hysterisch.

FREUDENTÄNZE IM KINOSAAL. In Mumbais größtem Slum Dharavi drängen sich rund 100 Menschen in dem stickigen kleinen Raum und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Man geht hier mit der ganzen Familie ins Kino, kommentiert die Dialoge und steht während der Vorführung auf, um scharf gewürztes Popcorn zu holen. Das Cricket-Match der Schlussszene des Films endet unter Applaus: Nach drei Stunden und 40 Minuten gehen die Engländer mit hängendem Kopf vom Platz, die Helden heiraten und auf der Leinwand wie im Kinosaal finden Freudentänze statt.

"Das ist kein Kitsch, sondern eine märchenhafte Art des Geschichtenerzählens", erklärt eine begeisterte Anhängerin des Bollywood-Films am Ausgang des Kinos. "Die Filme folgen bestimmten Regeln: Sie müssen beispielsweise sechs oder sieben Songs enthalten, einen guten und einen bösen Helden haben und natürlich eine Liebesgeschichte erzählen." Diese verläuft immer nach demselben Muster: Eine reiche Protagonistin aus einer traditionsverhafteten Familie will gerade in eine arrangierte Ehe einwilligen, als die große, die wahre Liebe auftaucht, die Liebe auf den ersten Blick …

AN DER ZENSUR VORBEIGETANZT. Von diesen typischen Bollywood-Themen versucht sich seit einigen Jahren eine neue Generation von Regisseuren zu befreien. "Viele Filme zeigen nur Jachten, schöne Häuser und angesagte Cafés in Mumbai", bemängelt Sudhir Mishra, der Regisseur von "Dharavi", einem Film über die Lebensbedingungen in den Slums. "Filme sollen aber nicht das leichte und gekünstelte Leben zeigen, sondern Fragen aufwerfen und unerwartete Gefühle provozieren."

Doch Bollywood setzt (noch) nicht auf Realismus, sondern auf Märchen von der Stange: Im vergangenen Jahr produzierte die indische Filmfabrik 1.091 Spielfilme – doppelt so viele wie die USA. Indien ist eines der wenigen Länder der Welt, in denen amerikanische Filme auf dem Markt kaum Fuß fassen: Nur fünf Prozent aller Filme kommen aus Hollywood. "Titanic war überall auf der Welt ein Erfolg, außer in Indien", bringt Meenakshi Shedde, die Organisatorin des Internationalen Filmfestivals von Mumbai, das Phänomen auf den Punkt. Ein ausländisches Drehbuch kann in Bollywood nur dann erfolgreich sein, wenn man ihm einen indischen Touch gibt. Wie das geht, verrät Sahid Jamal, Filmdozent in New Delhi: "Es ist nicht schwer, den Indern zu gefallen: Man muss heimische Stars casten, die Geschichte in ihr Land verlegen und Tanz- und Gesangsszenen einbauen." Nach diesem Muster kommen jedes Jahr farbenfrohe Remakes von "Harry Potter", "Matrix" oder Verfilmungen von Klassikern europäischer Literatur heraus. Shakespeares "Macbeth" heißt in Bollywood beispielsweise "Maqbool": Hier wird Macbeth zu einem Gangster, gespielt von Irrfan Khan, einem der populärsten Schauspieler des Landes.

Populär wird ein Bollywood-Film vor allem durch den Tanz, weil durch ihn angedeutet werden kann, was nicht offen gezeigt werden darf. Bevor ein Film in die Kinos kommt, muss er einen Zensurausschuss passieren. Küsse und zu tiefe Dekolletés sind verpönt. Jede zweideutige Szene wird sofort entfernt. Die
Zensoren greifen sogar in Dreharbeiten ein. Um den international erfolgreichen Film "Kama Sutra" in Indien drehen zu können, musste die Regisseurin Mira Nair die Zensur überlisten: Sie gab ihrem Film den harmlosen Titel "Maya und Tara", und das Team spielte den Zensoren beim Besuch am Set falsche Szenen vor. "Kama Sutra", das die sexuellen Abenteuer eines indischen Prinzen illustriert, wurde 1996 in Indien erwartungsgemäß verboten. Auf dem Schwarzmarkt sind aber Tausende Kopien in Umlauf.

LETZTER TANZ IN MUMBAI? Gegen dieses Bollywood der Zensur und der Märchenwelten wendet sich auch Anurag Kashyap, einer der Hauptvertreter der neuen Generation. Sein Dokudrama "Black Friday", das die 1993 erfolgten Attentate in Mumbai thematisiert, ist ein umstrittener Film ohne Tanz und Musik, der mutig auf Realismus setzt. "Die ständige Übertreibung in den Bollywood-Filmen – im Ausdruck, in den Situationen und in der Mimik – ertrage ich nicht mehr. Ich versuche dagegen, die indische Gesellschaft zu zeigen, in ihrer Vielfalt und ihrem Wandel." In diesem Jahr hat sich der Regisseur noch stärker der Wirklichkeit angenähert. In "Dev D" verfilmt er eine berühmte literarische Vorlage aus dem Jahr 1917, eine Liebesgeschichte à la Romeo und Julia. Es ist bereits die zehnte Verfilmung des Stoffes in Indien. In der zuvor gedrehten Fassung "Devdas" von 2002 spielten zwei der bekanntesten Vertreter des traditionellen Bollywoodstils die Hauptrollen, Aishwarya Rai und Shahrukh Khan. Nun wird die Geschichte ganz anders interpretiert: In Kashyaps Fassung führt Dev alias Romeo ein hedonistisches Leben zwischen Drogen und Prostitution. Die Zensur passierte der Film jedoch nur, weil Sexszenen lediglich angedeutet werden.

Ob Indien nun auf eine cineastische Revolution zusteuert, ist fraglich. Von den durchschnittlich 14 Millionen Zuschauern, die täglich in den indischen Kinos sitzen, interessiert sich vor allem eine junge Elite für den neuen Realismus. Das Wichtigste für die meisten Inder ist und bleibt der Unterhaltungswert eines Films – das Erfolgsrezept von Bollywood scheint für die Ewigkeit gemacht.

MIYUKI DROZ ARAMAKI, SYLVAIN LEPETIT

ARTE PLUS

Wissenswertes über Bollywood:

Der Begriff "Bollywood" entstand in den 1970er Jahren und setzt sich aus "Bombay" und "Hollywood" zusammen. Das Wort wurde von indischen Filmkritikern anfangs als Schimpfwort benutzt, da sie das realistischere Kino bevorzugten und Hollywood-Produktionen kritisierten. Heute ist es Synonym für die indische Filmindustrie, die korrekte Bezeichnung ist allerdings Hindi-Film. Während seit Mitte der 90er vor allem Liebesfilme gedreht werden, gab es in den 70ern noch vielfältigere Genres, z.B. den sogenannten Curry-Western. In Deutschland sind Bollywood-Filme äußerst populär, seit 2004 widmet sich das Stuttgarter Festival "Bollywood and beyond" ausschließlich indischen Filmen.

Buch-Tipp:
"Traumfabrik Bollywood: Indisches Mainstream-Kino", Myriam Alexowitz, ARTE Edition/Horlemann 2003

Link: www.arte.tv/bollywood

Kategorien: August 2009