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MONDSÜCHTIG

Stimmungsvoll leuchtet der Mond über der Bucht, sein Licht wird von den Wolken und der ruhigen See reflektiert, Fischer bringen ihren Fang ein – die Idylle ist perfekt. War die Nacht nicht einst eine Zeit der Gefahr? Bei dem klassizistischen Landschaftsmaler Jakob Philipp Hackert jedenfalls hat sie ihren Schrecken verloren.

Der Mond faszinierte die Künstler seit jeher, die Sicht auf ihn veränderte sich jedoch im Laufe der (Kunst-) Geschichte. Dabei haben in den letzten 400 Jahren vor allem drei technische Entwicklungen den Blick auf den Erdtrabanten geprägt, die erst das Sehen, dann das Dokumentieren und schließlich das "Anfassen" des Nachtgestirns ermöglichten. Eine der bahnbrechendsten Erfindungen war das Teleskop, das Galileo Galilei 1610 zu seinen Aufzeichnungen "Sternenbote" veranlasste. Sein kleines Büchlein löste über die wissenschaftliche Welt hinaus Schockwellen aus. Galilei berichtete, dass der Mond ein kugelförmiger Körper mit Kratern, Bergen und Tälern war. Nie zuvor war das jemals von einem Erdenbewohner gesehen worden. Der Klerus hatte einige Mühe, diese Erkenntnis zu akzeptieren. Die pockennarbigen Landschaften vertrugen sich nicht mit der theologischen Lehre, nach der Maria das Licht Gottes reflektierte wie der Mond das Licht der Sonne. Die Künstler hingegen reagierten ambivalent: Wie jede neue Erfindung löste das Teleskop zunächst Faszination, bald danach jedoch Verdrängung aus. So blieb auch nach Galilei die Mondsichel als Attribut der Muttergottes bestehen.

Die Wege von Kunst und Wissenschaft nahmen im weiteren Verlauf verschiedene Richtungen. Während sich die Astronomen in immer detailgetreuere Abbildungen verstiegen, wandten sich die Künstler, insbesondere Maler, vom Mond dem Mondlicht zu. Dabei erreichte die Malerei zwischen 1750 und 1850 eine wahre "Mondschwemme". Die Aufklärer und später auch die Romantiker flüchteten in eine in den engen Städten kaum erfahrbare Natur und richteten ihren Blick auf den Nachthimmel. Der Mond entfaltete erneut seine alte Kraft als Projektionsfläche für alle denkbaren Träumereien. Von Jakob Philipp Hackert bis Caspar David Friedrich malten Klassizisten und Romantiker immer wieder mondbeschienene Landschaften. Friedrich ragte unter den Malern sicher heraus. Er entwickelte eine neue Symbolsprache, die den aufgehenden Mond als Zeichen des auferstehenden Christus sah. Aber nicht alle Romantiker folgten dieser Symbolik, viele verloren sich in Naturschwärmereien, die den Mond als unerreichbares Sehnsuchtsobjekt stilisierten.

Inzwischen setzte die zweite technische Revolution ein – die Fotografie. Als 1839 das Patent der Fotografie öffentlich gemacht wurde, war die Technik allerdings noch nicht weit genug fortgeschritten, um den Mond scharf zu fotografieren. Erst 1865 war es soweit: Astronomen beeindruckten die Zeitgenossen mit Aufnahmen von ungekannter Klarheit. Auf die Fotos der Sternengucker reagierten viele Künstler erneut mit einer Flucht ins Imaginäre. Edouard Manet antwortete mit seiner bewusst unscharfen Ansicht des Hafens von Boulogne-sur-Mer aus dem Jahr 1869. Die Symbolisten und Expressionisten am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlaubten sich bei ihren Darstellungen des Mondes enorme Freiheiten, die jede Wissenschaft ins Gegenteil kehrten. Sie erfanden Lebewesen, ließen Menschen von einer Kanone gen Himmel schießen oder malten blaue und rote Monde. Einer der ersten erzählerischen Filme überhaupt, Georges Méliès’ "Reise zum Mond" von 1902, lässt die Kapsel der Raumfahrer in einem teigigen Mondgesicht aufschlagen.

Selbst mit der jüngsten technischen Revolution, der bemannten Raumfahrt, die Fernsehbilder vom Mond in die Wohnzimmer brachte, endete die künstlerische Flucht in Traumwelten nicht. Die verwackelten und körnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen vom 20. Juli 1969 hatten eine ungeheure Wirkung, die die Künstler zunächst in Schockstarre verharren ließ. Doch die Rückeroberung des Mondes ließ auch diesmal nicht lange auf sich warten. So nutzte etwa die Amerikanerin Sharon Harper die Fotografie, um mit ihr Unmögliches sichtbar zu machen: Ein vielfach belichteter Nachthimmel zeigt zahlreiche Monde gleichzeitig. Der Wettbewerb zwischen Astronomie und Kunst um die schönsten Bilder vom Mond hält also an.

GASTAUTOR ANDREAS BLÜHM LEITET DAS KÖLNER WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM UND IST HERAUSGEBER DES KATALOGS "DER MOND"

ARTE PLUS

Wettlauf zum Mond:
USA: zwischen 1969 und 1972 sechs Mondlandungen mit 18 Astronauten, von denen 12 den Mond betraten; Sowjetunion: scheiterte an dem Projekt. Seit 2004 neuer Wettlauf zum Mond zwischen USA, Russland, China, Europa, Japan und Indien. Ziel: eine ständig bemannte Mondstation.

Ausstellung:

Die Kunstausstellung "Der Mond" ist bis zum 16. August im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen; www.wallraf.museum

Kategorien: Juli 2009