MANN VON FORMAT

Da saß er hinter seinem Louis XV-Schreibtisch: beigefarbener Kaschmir-Blazer, blaues Hemd, dunkle Krawatte, sehr freundlich – und misstrauisch. Cineasten und Filmkritiker waren ihm suspekt. Lino Ventura war 55 Jahre alt und hatte in 20 Jahren schon in über 50 Filmen gespielt, als ich ihn in seiner Villa in Saint-Cloud bei Paris zu einem Interview traf. "Ich halte mich nicht für einen Schauspieler", informierte er ohne falsche Bescheidenheit. "Ein Schauspieler, das ist für mich jemand, der heute einen Liebhaber spielt und morgen einen heldenhaften Ritter. Das kann ich nicht. Dafür muss man eine Ausbildung haben."

Eine Ausbildung zum Schauspieler hat Lino Ventura nie gebraucht. "Sei du selbst und sonst nichts" – das erwartet 20 Jahre zuvor Regisseur Jacques Becker vom jungen Ventura. Es ist das Jahr 1953 und er soll in "Wenn es Nacht wird in Paris" an der Seite von Jean Gabin und Jeanne Moreau einen Ganoven spielen. Dieser Film verändert das Leben Lino Venturas, der als kleiner Junge mit seiner Mutter von Parma nach Paris kommt, früh die Gesetze der Straße kennenlernt, vom Laufburschen über Hilfsbuchhalter eine Karriere als Ringkämpfer macht, einer der besten Catcher Frankreichs und 1950 schließlich Europameister im Mittelgewicht wird. Nur zehn Jahre nach seinem Debütfilm zählt Ventura zu den bekanntesten, populärsten und bestbezahlten Schauspielern Frankreichs.

Es geht diesem Naturtalent nicht um Filmkunst, und es ist kein Zufall, dass sich in den 1950ern kein Regisseur der Nouvelle Vague für ihn interessiert. Dafür aber die Meister des traditionellen Kinos wie Claude Lelouch oder der große Stilist Jean-Pierre Melville. Sie lassen ihn sein wie er ist, nutzen seine Präsenz vor der Kamera und seine Aura. Eine besondere Rolle spielt der Autor José Giovanni, der für Ventura die Rollen in Filmen wie "Die Abenteurer" oder "Der Kommissar und sein Lockvogel" schreibt, die sein Image prägen werden: Ob als Polizeikommissar oder Gangster – Lino Ventura vermittelt immer den Eindruck, dass dahinter ein Mann mit Prinzipien und ausgeprägtem Moralbegriff steht, solide und wortkarg, autoritär und treu, hart und sentimental.

Es ist seine minimale Mimik, die zum Markenzeichen von Lino Ventura wird: das Hochziehen einer Augenbraue, das Zucken eines Gesichtsmuskels, das Zusammenpressen der Lippen, die Haltung seines massiven Kopfes, leicht zur Seite geneigt, angespannt, konzentriert, überall Gefahr witternd. Und dieser skeptische Blick des sozialen Außenseiters, den er gern verkörperte, der im Kampf gegen die Autoritäten meist den Kürzeren zieht, ohne dabei seine Würde zu verlieren: "Das sind für mich richtige Männer. Ich meine damit, dass es nicht lohnt, viel zu reden. Ich rede übrigens nie viel im Film."

Dabei gibt es diese seltsame Diskrepanz zwischen dem bürgerlichen Leben, das Lino Ventura kultiviert, und den Rollen der Außenseiter und Loser, die er im Kino mit Vorliebe spielt. Da ist seine Villa über Paris, der Mercedes vor der Tür, die dezente Eleganz seiner Kleidung – Insignien eines Mannes, der es zu etwas gebracht hat. Und da ist Gu, der skrupellose Killer aus "Der zweite Atem", der unabsichtlich einen Komplizen verrät und dafür mit dem Leben bezahlt. Oder der Polizeikommissar Leonetti, der nach langem Suchen einen Kronzeugen aufspürt und zusehen muss, wie der von einem Mafiakiller umgebracht wird ("Der Kommissar und sein Lockvogel"). Da ist Roland, der Automechaniker, der einen großen Coup landet, doch dabei die Freundin und seinen besten Freund verliert ("Die Abenteurer"). Alles Verlierer, ja, aber wie sie verlieren, das hat Größe.

Die Freundschaft ist eine Sache, die Lino Ventura sehr am Herzen liegt. Darüber redet er gerne. In einem Team von Freunden zu arbeiten, darin liegt für ihn das Geheimnis eines guten Films. Viele seiner Regisseure werden seine Freunde – der Regisseur seiner vielleicht besten Filme allerdings nicht. Jean-Pierre Melville, mit dem er 1966 "Der zweite Atem" und 1969 "Armee im Schatten" dreht, passt nicht so recht in seine bürgerliche Welt. "Er konnte die Manien des Regisseurs nicht mehr ertragen, dessen schwarze Brille, den Stetson-Filzhut, der die Glatze verbergen sollte, die Angewohnheit, im Dunkeln zu leben, am helllichten Tag die Vorhänge zuzuziehen", schreibt Linos Frau Odette, mit der er 45 Jahre verheiratet war, in ihrer Lino-Biografie. Kompromisslos zeigt sich Ventura auch, als er 1971 mit dem damaligen Sexsymbol Brigitte Bardot "Rum-Boulevard" dreht und eine Pressekonferenz verlässt, weil sich die Journalisten mehr für Bardots Privatleben als für den Film interessieren. Ohne ihn danach gefragt zu haben, überrascht mich Lino Ventura bei unserer Begegnung mit einem Statement: "Ich bin absolut gegen Filme, die unter dem Deckmantel der Kunst entstehen und nichts anderes als Pornografie sind. Mich interessiert diese Art von Filmen nicht. Ich habe nie darin gespielt und werde es auch nie tun."

Der 22. Oktober 1987 begann wie viele andere Tage im Leben des Lino Ventura. Er war gegen acht Uhr aufgewacht, ließ den Blick über das im Morgendunst liegende Stadtpanorama von Paris schweifen, frühstückte mit seiner Frau, verabredete sich mit dem befreundeten Künstler César zum Mittagessen, traf am Nachmittag einen Produzenten und saß am Abend mit ein paar Freunden zu Tisch. Ein plötzliches Unwohlsein ließ ihn die Tafel verlassen. Ein Rettungswagen brachte ihn in die Klinik. Dort starb er an den Folgen eines Herzinfarkts im Alter von 68 Jahren.

GASTAUTOR WILFRIED REICHART WAR LEITER DER WDR-FILM-REDAKTION UND IST JOURNALIST, AUTOR UND KOPRODUZENT

ARTE PLUS

Filmografie Lino Ventura (Auswahl):
"Die hundert Tage von Palermo" (1984), "Die Legion der Verdammten" (1982), "Der Maulwurf" (1982), "Das Verhör" (1981), "Ein Mann in Wut" (1979), "Die Ohrfeige" (1974), "Ein glückliches Jahr" (1973), "Rum-Boulevard" (1971), "Der Clan der Sizilianer" (1969), "Der Kommissar und sein Lockvogel" (1970), "Armee im Schatten" (1969), "Die Abenteurer" (1967), "Der zweite Atem" (1966), "Fahrstuhl zum Schafott" (1958), "Wenn es Nacht wird in Paris" (1954)

Kategorien: Juli 2009