aurore.schaller@arte.tv

ICH WILL SPASS!

Wild und widersprüchlich waren die 1980er Jahre. Man lachte über Eddie Murphy, schüttelte den Kopf über Ronald Reagan, hörte die elektronischen Klänge der Pet Shop Boys, sah Arnold Schwarzenegger die Welt retten, trug Armani-Sakkos mit Schulterpolstern, kaufte Kitschwerke von Jeff Koons und schlürfte mit Perrier aufgespritzten Champagner.

Nena allerdings, damals gerade dem Teenager-Alter entschlüpft, trank statt Champagner lieber Rotwein. Statt Musik von den Pet Shop Boys hörte sie die Ramones. Statt Schulterpolster trug sie Minirock, Stirnband und Pulswärmer, dazu eine ausgefranste Wuschelfrisur. So stürmte sie im August 1982 als Fräuleinwunder der Neuen Deutschen Welle die Hitparaden, vor allem mit ihren "99 Luftballons", einer beschwingten Melodie, die Millionen Menschen weltweit mitträllerten. Nena in ihrem launigen Outfit wurde in Deutschland zur Stil-Ikone, Bravo druckte 56 Mal ihr Bild auf dem Cover. Sie kaufte sich einen Porsche und spielte 1986 in dem Film "Gib Gas – Ich will Spaß!". Doch nach wenigen Jahren war das Leben auf der Überholspur schon wieder vorbei. Erst blieben die Konzerthallen leer, dann zerstritt sich die Band. Nena machte solo weiter, trat fortan in Discos und auf Stadtfesten auf, machte Yoga, aß Rohkost, wurde Mutter, bastelte Adventskalender. Sie kam an, wo wir alle einmal ankommen: in der Normalität.

Natürlich würde Nena, die Popdiva, das niemals zugeben. Noch immer trägt sie am liebsten Nietenjacke, schwarze Röhrenjeans und Turnschuhe. Noch immer gibt sie sich lässig und unromantisch, betont ihre Spaßigkeit und Bodenhaftung. Und noch immer betrachtet sie sich, je nach Stimmungslage, als Pirat, Prinzessin oder Punk.
Fragt man Nena also, wie viel Normalität es in ihrem heutigen Leben gibt, das sie mit vier Kindern an der Seite des zwölf Jahre jüngeren Schlagzeugers Philipp Palm in einem Hamburger Vorort führt, antwortet sie in ihrem unverwechselbaren Nuschelsound: "Normal ist immer das, was man sich selbst kreiert. Ich finde mich und mein Leben genauso normal wie verrückt. Nichts läuft gradlinig. Ich würde sagen: Nena ist total normal."

Und so findet es Nena, die mit bürgerlichem Namen Gabriele Susanne Kerner heißt und nächstes Jahr ihren 50. Geburtstag feiert, auch völlig normal, dass sie mit so gegensätzlichen Musik-Größen wie Udo Lindenberg, Kim Wilde oder TokTok zusammenarbeitet und die Lust am Covern entdeckt hat: Nach dem Best-Of-Album "Nena feat. Nena", das neue Versionen ihrer alten Hits versammelt, lässt sie für ARTE nun auch ihre "99 Luftballons" wieder steigen.

Für die Neuaufnahme holte Nena, der Familienmensch, ihren Ex-Bandkollegen Uwe Fahrenkrog-Petersen ins Studio. Vor 20 Jahren war der Keyboarder ihr Lebensgefährte und komponierte die Musik zu allen Hits, auch die zu "99 Luftballons". Das Lied, durch das moderne Arrangement von einer Friedens- zur Sommerhymne mutiert, gehört zu Nena wie der Gong zur Tagesschau. Noch immer verbinden viele Franzosen das Deutschland der 80er Jahre damit. Es war einer der wenigen deutschen Songs, die in Frankreich auf Partys gespielt wurden und zur Aufbesserung der Fremdsprachenkenntnisse dienten. In Ländern wie Amerika, England oder Japan ist es ähnlich.

In dem ebenfalls neu produzierten Video hüpft sie nun sehr dynamisch durch eine neonbunte Popkulisse und sieht unglaublich jung dabei aus. Das tut sie auch im wirklichen Leben und lässt dabei keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, wie wichtig es für sie sei, sich ihr Kindsein zu bewahren. So veröffentlicht sie seit den 1990er Jahren regelmäßig Lieder für Kinder und ist 2007 sogar Mitbegründerin einer, nicht unumstrittenen, Schule in Hamburg-Rahlstedt. Eine Schule ohne Zwänge, Autorität und Leistungsdruck – davon habe sie immer geträumt, und ihre Erwartungen seien noch übertroffen worden: "Es ist einfach herrlich zu sehen, wie die Kinder ihre Kreativität und ihre Neugier jeden Tag bei uns leben können."

Da ist sie wieder, die Lust auf Spaß, die Nena trotz aller Rückschläge nie verloren hat und die sie gerade wieder in eine kreative Phase versetzt. "Ich arbeite zurzeit intensiv an meinem neuen Album", verrät sie zum Schluss des Interviews. Es sei eine wunderschöne Phase, wenn die Songs entstehen und sich alles entwickelt: "Ich liebe das. Die Sterne stehen gut und das Ganze fühlt sich richtig und kraftvoll an."

SVEN SIEDENBERG

ARTE PLUS

Nena Diskografie (Auswahl):

"Schön, schön, schön" (erscheint Sept. 2009), "Cover me" (2007), "Willst du mit mir gehn" (2005), "20 Jahre – Nena feat. Nena" (2002), "Wunder gescheh’n" (1998). Noch mit der Band Nena: "Feuer & Flamme" (1985), "Nena" (1983).

Kinderalben:
"Himmel, Sonne, Wind und Regen" (2008), "Nenas Tausend Sterne" (2002)

Link:
www.arte.tv/summer

Kategorien: Juli 2009