ICH GEB‘ GAS!

"Formel Eins" war in den 80ern Kult, keine Frage. Die wöchentliche Fernsehsendung der ARD war eine der wenigen, die aktuelle Musikvideos ausstrahlte, noch vor MTV und lange vor Viva. Ab Januar 1986 moderierte Stefanie Tücking 80 Sendungen in der typischen pinkfarbenen "Formel Eins"-Dekoration, mit dem im Studio wie zufällig geparkten Studebaker-Straßenkreuzer und dem animierten Cartoon-Hund und Ko-Moderator Teasie. Was diese Zeit im Rückblick für sie bedeutet, erzählt Stefanie Tücking im Interview mit dem ARTE Magazin.

ARTE: Die 80er Jahre werden häufig als das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks bezeichnet. "Formel Eins" steht heute exemplarisch für die Ästhetik jener Zeit. Ist Ihnen die damalige Stefanie Tücking peinlich?
Stefanie Tücking: Nein. Ich fand mich doch toll mit meiner Yucca-Palmen-Frisur und den bunten Pullis mit den fetten Gürteln drüber. Wenn man damals nicht breitschultrig herumgelaufen ist, war man gleich old-fashioned. Heute sind wir, was Kleidung angeht, viel freier geworden.
ARTE: Gibt es Bands oder Musiker aus den 80ern, die Sie auch heute noch gerne hören?
Stefanie Tücking: Obwohl ich die 80er-Musik gar nicht so mochte, beschäftigte ich mich natürlich mit allem, was es gab – das ist heute anders. Aber ich höre immer noch gerne Talk-Talk, Bon Jovi, Bruce Springsteen. Und David Bowies "Scary Monsters" von 1980, das Album mit dem Song "Ashes to Ashes", übrigens einer der ersten Songs, zu dem es einen Videoclip gab. Ich sah mir oft die Sendung "Musikladen" von Radio Bremen an, immer in der Hoffnung, das Video zu "Ashes to Ashes" zu sehen. Mit diesem Clip begannen für mich die 80er.
ARTE: Frau Tücking, ein Geständnis. Ich beneide Sie maßlos, denn Sie haben einen meiner absoluten Helden interviewt, nämlich Stevie Wonder …
Stefanie Tücking (lacht): Das war 1986, als ich bei "Formel Eins" begann. Ich saß neben ihm auf dem Klavierhocker und war total nervös, denn ich war die Neue. Die ganze "Formel Eins"-Crew stand um uns herum, einschließlich Ingolf Lück, meinem Vorgänger. Alle hatten große Fragezeichen in den Augen: Was macht die da nur? Stevie Wonder muss mir meine Unsicherheit angemerkt haben, denn er nahm mich unterm Klavier an der Hand und sagte: "Komm, Mädchen, wir packen das schon – wir beide haben den gleichen Vornamen, ich heiße Stevie und du heißt Steffi und wir beide, wir kriegen das hin." Das war wirklich großes Kino für mich, denn er hat mich tatsächlich beruhigt mit dem Händchenhalten. Da war ich gleich um vieles cooler.
ARTE: Ein anderer Star, den Sie trafen, war Mick Jagger. Ging der auch so wohlmeinend auf Sie zu?
Stefanie Tücking: Den fragte ich nach einem Tipp für junge Leute, die ins Musik-Business wollen, und er sagte nur, die sollten lieber ins Immobiliengeschäft gehen. Sehr britisch-kühl.
ARTE: Die 80er Jahre waren auch die Ära der Megastars: Michael Jackson, Madonna, U2 und George Michael hatten Millionenverkäufe und füllten Stadien. Gibt es heute noch Stars dieser Liga?
Stefanie Tücking: Es ist heute sehr schwer, einen solchen Status zu erreichen. Viele der ganz Großen kommen witzigerweise aus den 80ern. Wir haben den Stones oder Genesis auch weniger gelungene Alben verziehen. Bringt heute jemand ein schlechtes Album heraus, ist er gleich weg vom Fenster. Andererseits ist ebenso wie die Mode auch die Musik vielfältiger geworden.
ARTE: Wie viele Ihrer jungen Kollegen machten Sie eine wahre Blitzkarriere. Ist das typisch für die 80er Jahre?
Stefanie Tücking: Ich hatte das Glück, dass damals in Deutschland gerade die Kabel-Pilotprojekte des Privatfernsehens starteten, wo ich meine ersten Erfahrungen als Fernsehmoderatorin sammelte. Und meine Tante kannte eine Redakteurin, die in München einen Musikkanal der EMI betreute. Weil ich während meines Studiums jahrelang in der Disco aufgelegt hatte, kannte ich mich mit Musik aus, und da hieß es dann: "Musikwissen hast du, dann brauchst du jetzt nur noch zu lernen, wie man in die Kamera guckt." Zwei Jahre später war ich bei der ARD. So leicht geht das heute nicht mehr.
ARTE: Also boten die 80er mehr Möglichkeiten?
Stefanie Tücking: Absolut. Ich traf vor kurzem die Sängerin Alison Moyet, die damals mit ihrem Album "Alf" einen Riesenhit hatte. Ich fragte sie, was damals im Gegensatz zu heute möglich gewesen sei. Ihre Antwort: "Ich." Dann erklärte sie: "Ich war groß, ich war dick, und ich sah nicht aus wie ein Star. Aber jemandem wie mir hat man in den 80ern eine Chance gegeben. Ich glaube nicht, dass ich, so wie ich aussehe, im neuen Jahrtausend einen Platz gefunden hätte."
ARTE: Die 80er Jahre der Stefanie Tücking waren …
Stefanie Tücking:… rasend schnell! Ich hatte gerade mein Studium beendet, da kam auch schon das Fernsehen. Plötzlich kannte ich Günther Jauch, Fritz Egner, Thomas Gottschalk – es war toll, mit denen auszugehen. Die 80er waren für mich der Sprung ins Leben und ich hatte das Glück, weich zu fallen.

DAS INTERVIEW FÜHRTE MICHAEL HOPP

ARTE PLUS

Stefanie Tücking:
geb. am 1. April 1962 in Kaiserslautern; Studium der Elektrotechnik; von Januar 1986 bis Dezember 1987 Moderation von "Formel Eins", 1987 als beste Nachwuchsmoderatorin mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet; ab 1987 mehrere Jahre Rallye-Kopilotin; seit 1989 moderiert und gestaltet sie Magazine, Musiksendungen und Reportagen für verschiedene Sendehäuser, vor allem den SWR3

Kategorien: Juli 2009