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ISABELLE HUPPERT – DIE NEUE PRÄSIDENTIN

Als für Isabelle Huppert der Ruf aus Hollywood kam, war er von der größten Anerkennung begleitet, die eine Schauspielerin von einem Regisseur bekommen kann: Michael Cimino, nach dem Erfolg von "Deer Hunter" einer der gefragtesten amerikanischen Filmemacher, wollte sie unbedingt für seinen nächsten Film, den teuren Western "Heaven’s Gate", engagieren. Ciminos Produzenten hatten erhebliche Bedenken – sollte eine in den USA unbekannte Schauspielerin mit französischem Akzent eine Bordellbesitzerin im Wyoming des 19. Jahrhunderts spielen? "Klar", antwortete Cimino und engagierte sie über den Kopf der Produzenten hinweg. Isabelle Hupperts Beteiligung an diesem Film ist in jeder Hinsicht bezeichnend für sie und ihre Karriere. Sie war damals, mit 25 Jahren, in Europa schon ein Star; für ihre Rolle als gestörte Vatermörderin in Claude Chabrols "Violette Nozière" hatte sie gerade den Preis für die beste Darstellerin der Filmfestspiele in Cannes bekommen. Bis heute war sie dort mit insgesamt 25 Filmen vertreten und saß einmal selbst in der Jury – 1984, als Wim Wenders’ "Paris, Texas" ausgezeichnet wurde. Dieses Jahr nun ist sie die Präsidentin der Jury.

Von innerer Glut getrieben. Sie habe "ihre Popularität in den Dienst des künstlerischen Kinos gestellt, mit jungen Regisseuren gearbeitet", begründet der Direktor der französischen Filmfestspiele, Thierry Frémeaux seine Wahl. "Ich bin glücklich und stolz", sagt Huppert selbst, als sie seine Einladung, dieses Jahr den Jury-Vorsitz zu übernehmen, annimmt. "Ich habe zu Cannes eine lange Beziehung. Cannes ist die offene Tür für alle neuen Ideen der Welt. Ich bin begeistert von der Vorstellung, dort eine privilegierte Zuschauerin sein zu können."

Isabelle Huppert wirkt zu Beginn ihrer Karriere noch sehr fragil, reichert diese Facette jedoch in den kommenden Jahren mit immer mehr Energie an. Sie lässt mit ihrem zurückgenommenen Spiel eine ganz eigene Art von Figuren entstehen. So in "Die Klavierspielerin" (2001), aber auch in Patrice Chéreaus "Gabrielle" (2005) oder in Chabrols "Geheime Staatsaffären" (2006). Die Frauen, die sie spielt, sind tiefgründig: Je kühler und verschlossener ihre Fassaden wirken, desto mehr vermitteln sie den Eindruck, von einer inneren Glut getrieben zu sein. "Ganz bestimmt ist es kein Zufall, dass das Kino und die Psychoanalyse ungefähr zur gleichen Zeit entstanden sind", sagt sie einmal. "Der cinematografische Apparat macht das Unsichtbare sichtbar und wir werden ganz selbstverständlich auf die Wahrheit gestoßen." Als Jelinek-Heldin Erika Kohout – nach außen die strenge, disziplinierte Lehrerin, nach innen aber zerrissen und von Selbstzerstörungswut getrieben – feiert Isabelle Huppert in Cannes mit Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" einen ihrer größten Triumphe. Auch dafür erhält sie 2001 den Preis für die beste Darstellerin. Isabelle Huppert hat es perfektioniert, beherrschte Frauen zu spielen, die nur mit Mühe ihr Inneres in Schach halten können, ihre Emotionen, Ängste und Triebe.

Liebesbeweise großer Regisseure. Vielleicht spielt sie diese Mischung aus heiß und kalt so gut, weil sie diese konträren Seiten selbst in sich vereint: Sie wirkt selbstbewusst und weist gerne auf ihr übergroßes Ego hin. Gesteht aber doch, dass es mit dem Selbstbewusstsein nicht immer so weit her und sie selten mit ihrer Arbeit zufrieden sei.

Isabelle Anne Huppert, geboren am 16. März 1953, wächst in Ville d’Avray in der Nähe von Paris in bürgerlichen Verhältnissen auf. Gerne wäre sie Musikerin geworden, sagt sie heute. Stattdessen studiert sie Schauspiel am Pariser Conservatoire National Supérieur d’Art Dramatique. Bekannt wird sie durch die Rolle einer an ihrer ersten Liebe zugrunde gehenden Friseurin in "Die Spitzenklöpplerin" (1977), die ihr eine César-Nominierung einbringt. Und natürlich mit den Rollen bei Chabrol: Neben der Vatermörderin "Violette Nozière" spielt sie unter anderem die "Madame Bovary" (1991), die freundlich-frostige Schokoladenkonzernerbin in "Süßes Gift" (2000) und in "Geheime Staatsaffären" eine Staatsanwältin, die sich zu sehr an das Spiel mit der Macht gewöhnt, das sie ahnden soll. Neben dem französischen Meisterregisseur Chabrol dreht sie immer wieder mit Werner Schroeter oder Michael Haneke. Was sie an diesen Männern schätze? "Allein schon, dass sie Lust darauf haben, ein zweites oder drittes Mal mit mir zu arbeiten", sagt sie. "Das ist eine Bestätigung. Ein Film ist für eine Schauspielerin ein Liebesbeweis des Regisseurs; ein weiterer ist dann dessen Bekräftigung. Das ist so, als würde man den Schwur jedes Mal erneuern."

Image der kühlen Diva. Inzwischen hat sie mehr als 80 Filme gemacht und neben den Preisen in Cannes einen César und einen Silbernen Bären bekommen. Und sie arbeitet immer weiter: Den Film "Villa Amalia" von Benoît Jacquot hat sie vor Kurzem abgedreht, aktuell arbeitet sie mit der französischen Regisseurin Claire Denis an "White Material". In Ulrike Ottingers "Die Blutgräfin" wird sie an der Seite von Tilda Swinton – der Jury-Präsidentin der diesjährigen Berlinale – wieder in einer Jelinek-Verfilmung vor der Kamera stehen.

Wer sich hinter dem Image der kühlen Diva wirklich versteckt, ist ein wohlgehütetes Geheimnis. Im vergangenen März spielt Isabelle Huppert einen Tag lang Chefredakteurin bei der Zeitung "Les Dernières Nouvelles d’Alsace" in Straßburg, schreibt einen Kommentar zu Überwachungskameras in einem französischen Dorf – und bekennt sich dazu, eine Liberale zu sein. Das ist eine seltene Stellungnahme, denn sonst lässt nur Hupperts Filmwahl eine Haltung erahnen: Die Kapitalismuskritik von "Heaven’s Gate", der Feminismus einer Jelinek in "Die Klavierspielerin", die Skepsis gegenüber der Bourgeoisie bei Chabrol … Aber sie kann auch mit Filmen klare Stellung beziehen: Zum Beispiel in Chabrols "Eine Frauensache" (1988), in dem Isabelle Huppert eine Engelmacherin spielt und mit dem Film für einigen Aufruhr sorgt. Ob sie eine Feministin sei? "Ja, wenn auch keine Vorkämpferin." Die Rollen, für die sie sich entschieden hat, bestätigen das. Aber sie ist sich des Widerspruchs bewusst, mit dem sie leben muss, denn "als Schauspielerin ist man immer auch Objekt der Begierde."

SUSAN VAHABZADEH

ARTE PLUS

Auszeichnungen für Isabelle Huppert (Auswahl):
Spezialpreis der Biennale Venedig (2005); Europäischer Filmpreis für "8 Frauen" von François Ozon (2002); Europäischer Filmpreis für "Die Klavierspielerin" von Michael Haneke (2001); Preis für die beste Darstellerin in Cannes für "Die Klavierspielerin" (2001); César für "Biester" von Claude Chabrol (1996); Deutscher Filmpreis für "Malina" von Werner Schroeter (1991); Preis für die beste Darstellerin Cannes für "Violette Nozière" von Claude Chabrol (1978)

Kategorien: Mai 2009