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WHAT A DAY

Der rote Blouson, die Mütze, aus der Pony und Pferdeschwanz hervorlugen, das ungeschminkte Gesicht, leckere Donuts, einige lustige Brocken Deutsch – Anselm Thomas Amelung erinnert sich noch an jedes Detail seiner ersten Begegnung mit Doris Day an jenem Dezembertag 1976. Der deutsche Austauschstudent verbringt gerade seine Weihnachtsferien in Los Angeles, will sich auch Beverly Hills anschauen – "eigentlich das ganz normale Touristenprogramm", stellt der Mediziner heute fest. Und das wäre es auch gewesen, hätte diese Begegnung mit einer durch Beverly Hills radelnden Doris Day nicht sein Leben verändert. Denn heute ist der 52-Jährige nicht nur einer ihrer größten Fans, sondern auch ein guter Freund von ihr.

Image und Realität einer Ikone. Ein ganzes Doris Day-Archiv hat sich der "German doctor with the funny name"*, wie sie ihn nennt, mittlerweile aufgebaut. Da würde man annehmen, in seiner Berliner Hinterhauswohnung könne man sich vor Doris Day kaum retten. Doch auch wenn signierte Filmplakate vereinzelt die farbigen Wände schmücken und mir schon im Flur ihre Version von "Fly Me to the Moon" entgegentönt – der Star ist hier erst auf den zweiten Blick allgegenwärtig. Die dicken Ordner im Regal mit Tausenden von Fotos, Original-Filmrollen im obersten Fach, eine gelbe Mappe mit Postern oder eine CD-Sammlung lassen das Ausmaß von Amelungs Kollektion nur erahnen. Seit jener Begegnung vor über 30 Jahren sammelt er alles, was er von der Schauspielerin in die Finger bekommen kann. "Mich hat einfach fasziniert, wie unterschiedlich Image und Realität dieser Frau sind. Dass sie, die immer in allem die Beste war, eigentlich nie im Mittelpunkt stehen wollte."
Tatsächlich wollte die Enkelin deutscher Brezelbäcker immer nur eine gute Mutter, Ehe- und Hausfrau sein. Doch es kam ganz anders: Von der Tanzkarriere als Teenager – abrupt beendet durch einen Unfall – über den Erfolg als Sängerin kam sie 1948 nach Hollywood. "Die Filmstudios waren schon seit 1940 hinter ihr her", weiß Amelung aus alten Zeitungen. Doch sie lehnte immer ab – bis ihr Traum vom perfekten Familienglück 1947 mit der zweiten Scheidung geplatzt schien und sie erst einmal allein für ihren Sohn sorgen musste. Mit Michael Curtiz’ "Zaubernächte in Rio" startet Doris Day daraufhin eine Leinwandkarriere, der wir neben einer Vielzahl von Musicals oder Klassikern wie Hitchcocks "Der Mann, der zu viel wusste" auch die beliebtesten Hollywood-Komödien der 1950er und 60er Jahre verdanken – Filme wie "Bettgeflüster", "Was diese Frau so alles treibt" oder "Spion in Spitzenhöschen" machen Doris Day zum Publikumsliebling.

"Da muss ich Ihnen etwas zeigen", meint Amelung und holt ein paar Mappen hervor. "Sie war ja damals einer der ersten Popstars." Die Musikanlage spielt das berühmte "Perhaps, Perhaps, Perhaps", als wir in einem Doris Day-Malbuch blättern und über die Doris Day-Anziehpuppe witzeln. "Sie begeisterte eben schon immer Jung und Alt, weil sie diese tatkräftige und gleichzeitig sensible Frau verkörperte. Was die Menschen faszinierte, waren diese zwei Seiten in einer Person, Dominanz und Verletzlichkeit. Das spielte sie und so lebt sie auch." Amelung nippt an seiner Apfelschorle. Er weiß, während wir hier den Hollywoodstar Doris Day feiern, ist ihr selbst diese Welt fremd geworden. "Sie hat gute Erinnerungen an die Filmzeit. Alle waren wie eine Familie für sie und die Dreharbeiten machten ihr Spaß. Aber das ganze Marketing – Pressekonferenzen, Filmpromotions, Preisverleihungen – das war immer eine Tortur für sie." Nicht zuletzt, weil sie das auch hoffnungslos überarbeitet hat. "In 20 Jahren hat Doris 40 Filme gedreht und 650 Songs aufgenommen, dazu die ganze Publicity", bekräftigt Amelung. Da wundert es nicht, dass sie 1968, nach dem Tod ihres Managers und dritten Ehemannes Martin Melcher, mit der Fernsehserie "Die Doris Day Show" nur noch einen letzten Vertrag erfüllte, bevor sie ab Mitte der 70er Jahre erst einmal pausierte. Ohne dass sie je geplant hätte, aus dem Filmbusiness auszusteigen, fand sie in dieser Zeit einen neuen Lebensinhalt: den Tierschutz. "Ihr Mann hatte ja immer alle Verträge für sie gemacht. Sie konnte sich nie selbst überlegen: ‚Was mach’ ich denn als nächstes?‘. Erst jetzt begann sie, sich selbst zu verwirklichen." Sie baute zwei der größten Tierschutzorganisationen der USA auf und eröffnete ein kleines Hotel im kalifornischen Carmel.

Rock’n’Roll und Golden Globe. An ihre Zeit in Hollywood wird Doris Day trotzdem stets erinnert. 200 bis 300 Fanbriefe erhält sie noch jede Woche, den einen oder anderen sicher auch von Anselm Amelung. Aber ihre Beziehung geht weit über den Briefkontakt hinaus. "Neulich haben wir wieder einmal telefoniert und dann ganz spontan ein Duett gesungen", freut er sich. "Wissen Sie eigentlich, dass Doris auch Rock’n’Roll gemacht hat?" Er legt eine neue Platte auf und sucht zu den flippigeren Tönen noch schnell eines seiner liebsten Sammelobjekte heraus, ein signiertes Programmheft der Golden Globes von 1989. "Das bekommen nur die zur Verleihung Eingeladenen", sagt er stolz. "Doris erhielt den Preis für ihr Lebenswerk. Nur deshalb würde sie aber nie zu solch einem Event gehen. Sie ging als stolze Mutter, weil ihr Sohn für einen Soundtrack nominiert war."

Ein letztes Blättern in diesem Zeugnis ihrer wenigen späten öffentlichen Auftritte, schon stehe ich wieder auf Berlins nasskalten Straßen – mit einem unbändigen Verlangen, mich jetzt zu Doris Day und Rock Hudson ins nächste Programmkino zu kuscheln.

* "der deutsche Arzt mit dem komischen Namen"

ANDREA RADTKE

ARTE PLUS

Doris Day:
geb. als Doris Mary Ann von Kappelhoff am 3. April 1924 in Cincinnati, Ohio; Tanz- und Gesangsunterricht; ab Ende der 1930er Jahre Big Band-Sängerin; 1945 Durchbruch mit dem Lied "Sentimental Journey"; nach ihrer Filmkarriere Gründung der Doris Day Animal League und der Doris Day Animal Foundation; viermal verheiratet; Sohn Terry aus erster Ehe († 2004); George W. Bush verleiht ihr 2004 die Presidential Medal of Freedom

Kategorien: April 2009