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IM BANN DER REPTILIEN

An einem feuchtkalten Abend stehen mehrere Hundert Personen in einer Schlange, die sich über die gesamte Länge der Haupteinkaufsstraße von Windsor erstreckt. "Solch einen Andrang hatten wir noch nie!", ruft der Leiter der Buchhandlung begeistert. Sowohl junge als auch ältere Menschen warten geduldig darauf, sich von einer lebenden Legende ein Buch signieren zu lassen: von Sir David Attenborough.

Eine Fernsehsendung, selbst einzelne Reportagen von David Attenborough sind in England immer ein Ereignis. "Hast du gestern Attenborough gesehen?", wird ein Brite fragen, statt den Namen der Serie oder der Sendung zu nennen. Seine Stimme erzielt einen sofortigen Wiedererkennungseffekt und löst bei Generationen von britischen Fernsehzuschauern auf Anhieb Emotionen aus, die von Nostalgie bis Respekt reichen. Laut einer Umfrage ist er sogar der vertrauenerweckendste Mensch in ganz Großbritannien.

Seit über 50 Jahren bringt Attenborough Tiergeschichten in die Wohnzimmer der Briten. Nach seinem Studium der Naturwissenschaften an der Universität von Cambridge kommt der Bruder des Schauspielers und Regisseurs Richard Attenborough (Oscar für "Gandhi") 1952 zur britischen Rundfunkanstalt BBC. Sein Name wird zum Synonym für Tierdokumentationen, seit er für die Serie "Zoo Quest" Mitarbeiter des Londoner Zoos rund um die Welt begleitete, um sie beim Einfangen von Tieren zu filmen. Mit der Zeit bringt Attenborough viele weitere Sendeformate auf den Bildschirm, bevor er 1965 schließlich der BBC-Geschäftsleitung beitritt. Dort ist er für die Einführung des Farbfernsehens in Großbritannien mitverantwortlich und gibt weitere erfolgreiche Formate in Auftrag. Eine Beförderung zum Intendanten der BBC lehnt er jedoch ab, um wieder eigene Sendungen produzieren und die Welt bereisen zu können. Das Ergebnis ist die bahnbrechende 13-teilige Serie "Life on Earth", die 1979 auf Sendung geht. Weltweit sehen sie etwa 500 Millionen Menschen.

Eine wegweisende Serie folgt der nächsten: "Die Erde lebt" und "Spiele des Lebens" vervollständigen jene Trilogie, die heute unter dem Namen "Life" bekannt ist. Unabhängig davon, ob es um Tiere oder um Pflanzen geht – dem Naturfilmer gelingt es immer wieder, die Briten in seinen Bann zu ziehen. Die Zuschauer lieben Attenboroughs Leidenschaft, seine umgängliche Art und den unkonventionellen Stil: Ob er in den Baumkronen des Regenwalds herumklettert oder eine Armlänge entfernt neben atemberaubenden Geschöpfen sitzt – immer ist er mitten im Geschehen. Seine Suche nach einzigartigem Filmmaterial findet fern von ausgetretenen Pfaden statt – allen Unbequemlichkeiten und Gefahren zum Trotz. Im Jahr 2001 feiert Attenborough seinen 75. Geburtstag und jeder hätte es verstanden, wenn er in den Ruhestand gegangen wäre. Bereits damals gehören seine Werke zu den besten Naturkundesendungen aller Zeiten. Doch stattdessen scheint er erst richtig in Fahrt zu kommen. Auch als Witwer hängt er seine Reisestiefel nicht an den Nagel und bewahrt sich seine Begeisterungsfähigkeit. Die Abstände zwischen den Serien werden bei gleichbleibender Qualität immer kürzer und er macht sich neue technologische Entwicklungen zunutze. Der Erfolg der im Jahr 2002 erschienenen Serie "Das Leben der Säugetiere" schien somit garantiert – besonders, da die Briten Tiere lieben, vor allem die kuscheligen. Aber kein anderer als Attenborough hätte Millionen Zuschauer mit einer Serie über Reptilien und Amphibien an den Fernsehsessel fesseln können. Mit ihren Geschichten über Leben und Tod, Sex und Gewalt erreicht er Einschaltquoten, von denen man bei der BBC nicht zu träumen gewagt hatte. Wie sollte man ahnen, dass Paarungsrituale von Schnecken so faszinieren können? Hauptgesprächsthema der gesamten Nation sind am Tag nach der Ausstrahlung der ersten Folge die Panama-Stummelfußfrösche, die einander zuwinken, um zu kommunizieren.

Attenborough inspiriert Menschen auch zum Reisen. Wer ihn in nächster Nähe eines Berggorillas sieht, inmitten einer Kolonie von Königspinguinen erblickt, oder von einem Blauwal schwärmen hört, will diese Erfahrungen auch machen. Reiseveranstalter nennen das den "Attenborough-Effekt". Auf der Liste der beliebtesten Wunsch-Reisepartner steht er bei vielen ganz oben. David Attenborough ist der Stolz der Nation und es ist für die Briten nicht leicht, sich eine Zukunft ohne ihn vorzustellen. Aber es ist kein Geheimnis, dass schon seit Jahren nach einem Nachfolger gesucht wird. Hoffentlich sehen die Programmchefs bald ein, dass ein neues Format oder ein anderer Stil gefunden werden muss, statt eine Person, die die Zuschauer auf ähnliche Weise fasziniert. Denn die Wahrheit ist: David Attenborough ist unersetzlich.

GASTAUTORIN LYN HUGHES IST JOURNALISTIN UND MITBEGRÜNDERIN DES BRITISCHEN "WANDERLUST MAGAZINE", EINES DER FÜHRENDEN REISEMAGAZINE GROßBRITANNIENS

DER LURCH IST LOS

Vom Mutterinstinkt der Zwergkaimane oder dem Aufstand der Lurche: Sir David Attenborough erzählt im Interview von seinen atemberaubenden Begegnungen im Reich der Kaltblüter.

ARTE: Was war die besondere Herausforderung beim Dreh der Serie "Kaltblütig"?
David Attenborough: Vor allem hatte ich das Problem, dass Reptilien nicht als besonders attraktiv gelten.
ARTE: Reptilien haben also ein Image-Problem?
David Attenborough: Ja, das begann doch schon im Garten Eden. Seitdem sind Reptilien eine relativ vernachlässigte Spezies. Daher gibt es viele nie zuvor gesehene Dinge zu entdecken. Die Jagdtechniken von Chamäleons oder die elterliche Fürsorge einer außergewöhnlichen Froschart zu beobachten, ist faszinierend. Viele Menschen sind der Meinung, Reptilien seien dumm, aber es gibt einige sehr intelligente Arten.
ARTE: Krokodile und Co. haben also Eigenschaften, die ihr negatives Image wettmachen können?
David Attenborough: Ja! Das Verhalten von Krokodilmüttern zum Beispiel ist außergewöhnlich – Zwergkaimane etwa kümmern sich fürsorglich um ihre Jungen. Die Weibchen legen Eier und wenn die Jungen schlüpfen, tragen die Mütter sie im Maul zur nächstgelegenen Wasserstelle. Das ist ein ganz außerordentlicher Anblick. Aber nur eines der Weibchen bleibt bei den Jungen und passt auf sie auf.
ARTE: Wie in einer Kinderkrippe?
David Attenborough: Genau. Eines der Weibchen findet sich also plötzlich mit 100 bis 120 Jungen wieder. Wenn die Wasserstelle austrocknet, entschließt es sich eines Nachts, alle Jungen zum nächsten Fluss zu führen – der mehrere Kilometer entfernt sein kann. Sie bleibt immer wieder stehen und wartet darauf, dass die Jungen sie einholen, bis sie schließlich alle ans Ziel gebracht hat.
ARTE: Was hat Sie bei den Dreharbeiten am meisten überrascht?
David Attenborough: Es gibt diese Amphibien ohne Gliedmaßen, sogenannte Schleichenlurche. Sie sehen aus wie Würmer, haben aber ein Rückgrat und außergewöhnliche Farben, ein leuchtendes Blau zum Beispiel. Sie bauen kleine Höhlen in der Erde und bekommen etwa 20 Junge, die anfangs dicht bei ihrer Mutter bleiben. Dann ist plötzlich die Hölle los bei den Lurchbabys und es sieht so aus, als würden sie ihre Mutter angreifen. In Wirklichkeit fressen sie aber nur Streifen ihrer Haut ab. Die Mutter erneuert ihre sehr fetthaltige Haut einfach wieder. Das hatte zuvor noch niemand gesehen.
ARTE: Mussten Sie sich besonderen technischen Herausforderungen beim Dreh von "Kaltblütig" stellen?
David Attenborough: Anders als Säugetiere können Reptilien tagelang dasitzen und absolut nichts tun! Filme von Schlangen, die ihre Beute fangen, entstehen deshalb fast immer mithilfe technischer Tricks: Man bringt die Schlange dazu, etwas anzugreifen, filmt einen erschrocken aussehenden Hasen und schneidet die Szenen dann zusammen.
ARTE: Haben Sie auch mit Tricks gearbeitet?
David Attenborough: Wir haben eine Nachtkamera an einen Bewegungsmelder angeschlossen. So fanden wir eine Klapperschlange, die reglos auf Beute lauerte – das tut sie problemlos wochenlang. Als eine Maus den Felsen heruntertrippelte, begann die Kamera zu filmen. Die Schlange griff an, doch die Maus konnte entkommen. Die Kamera schaltete sich wieder ab. Als die Schlange durchs Gras glitt, schaltete sich die Kamera wieder an und wir glaubten, sie suche die Maus. Man konnte regelrecht sehen, wie sie dachte: "Wo zum Teufel ist die Maus?" Aber auf einmal schoss die Schlange hervor und starrte direkt in die Kamera. Was für ein Anblick!
ARTE: Wo haben Sie all diese Geschichten gedreht?
David Attenborough: An allen warmen Orten der Erde: Australien, Südamerika, Afrika, Nordamerika …
ARTE: Und hatten Sie bei dieser Serie genauso viel Vergnügen wie bei den anderen?
David Attenborough: Oh ja. Es ist einfach eine wunderbare Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

DAS INTERVIEW FÜHRTE LYN HUGHES

ARTE PLUS

Filmografie von David Attenborough (Auswahl):

"Charles Darwin and the Tree of Life" (2009), "Planet Erde" (2006), "Verborgene Welten" (2005), "Die 30 Weltwunder der Natur" (2002), "Unser blauer Planet" (2001), "Die Nachkommen der Dinosaurier" (2000), "Das Leben der Vögel" (1998), "Das Geheime Leben der Pflanzen" (1995), "Leben im ewigen Eis" (1993), "Die Erde lebt" (1984)

Kategorien: April 2009