BÜCHER MACHEN DIE BESTEN FILME

Marcel Reich-Ranicki, Deutschlands berühmtester Literaturkritiker, ist 88 Jahre alt – und immer noch für Skandale gut. So wie kürzlich, als er mit dem Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte und die Ehrung vor laufenden Kameras ausschlug. Mit seiner Brandrede gegen die mangelnde Qualität des Fernsehprogramms sorgte er wochenlang für Diskussionsstoff. Zum Fernsehen hat Reich-Ranicki seit jeher ein gespaltenes Verhältnis, für seine Popularität wusste er das Massenmedium jedoch immer zu nutzen. Von Anfang an unterstützte er die Verfilmung seiner 1999 erschienenen Autobiografie "Mein Leben", die ARTE nun in TV-Erstausstrahlung zeigt. Der Film erzählt einen Ausschnitt aus dem Leben des deutsch-polnischen Juden Reich-Ranicki: die Kindheit im Berlin der 1930er Jahre, die Ausweisung nach Polen, den Alltag im Warschauer Ghetto, wo er seine spätere Ehefrau Teofila kennenlernt, die Flucht des Paares und schließlich 1958 die Rückkehr nach Deutschland mit dem Entschluss, sein Leben der deutschen Literatur zu widmen.

ARTE: Ihre Biografie "Mein Leben" ist mittlerweile in 19 Sprachen erschienen, jetzt kommt die Verfilmung ins Fernsehen. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
Marcel Reich-Ranicki: Nein, dass die Geschichte eines deutschen Literaturkritikers in anderen Ländern ein solch starkes Interesse hervorrufen könnte, hat mich sehr überrascht.
ARTE: Über die Form des Tagebuchs haben sie sich immer wieder abfällig geäußert – wie ist Ihr Verhältnis zur Autobiografie?
Marcel Reich-Ranicki: Wenn einer nichts schreiben kann, weder einen Roman, noch eine Novelle oder ein Theaterstück, dann kann er immer noch Tagebuch schreiben. Tagebücher sind leicht zu schreiben, das ist eine Form, die keinen Widerstand leistet. Die Autobiografie hingegen ist eine sehr wichtige und nötige Form. Goethe hat einmal gesagt, eigentlich müsste jeder Mensch eine Autobiografie schreiben und jede wäre interessant. Ich bin nicht gegen Autobiografien, ich zweifele nur am Genre Tagebuch.
ARTE: Nicht jede Autobiografie wird veröffentlicht, was macht eine Biografie für die Leser interessant?
Marcel Reich-Ranicki: Eine Biografie bietet nicht mehr und nicht weniger als das Leben eines Menschen. Das ist alles. Die Autobiografie par excellence ist Goethes "Dichtung und Wahrheit" und auch Thomas Manns Aufzeichnungen sind sehr lesenswert.
ARTE: In Ihrer Autobiografie beschreiben Sie, welch glückstiftende Rolle die Literatur für Sie während des Krieges gespielt hat. Welches Buch, welcher Schriftsteller war Ihnen damals besonders wichtig?
Marcel Reich-Ranicki: Während des Krieges habe ich vor allem Gedichte gelesen: Goethe, Heine, Brecht. Von den Romanen hat mich besonders Anna Seghers "Das siebte Kreuz" beeindruckt, weil es ein Buch über Deutschland und deutsche Schicksale ist – und dazu glänzend geschrieben. Aber ich hatte damals wenig Geduld für Romane.
ARTE: Sie schreiben immer wieder von Ihrem ambivalenten Verhältnis zu Deutschland. Sie sagen, Deutschland sei Thomas Mann und Adolf Hitler – ist diese Polarität bis heute geblieben?
Marcel Reich-Ranicki: Die beiden Namen verkörpern bis heute das Deutschtum, das positive und das negative. Thomas Mann ist die stärkste Figur der deutschen Kultur. Über Hitler weiß jeder Bescheid.

ARTE: Sie haben sich sehr für die Verfilmung Ihrer Autobiografie eingesetzt. Warum war Ihnen das wichtig?
Marcel Reich-Ranicki: Das Fernsehen findet ein enormes Echo, daran war mir gelegen. Ich glaube, dass es eine Pflicht der Überlebenden ist, das, was geschehen ist, voll und ganz bekannt zu machen. Es müssen unentwegt Bemühungen gemacht werden, damit nichts in Vergessenheit gerät.
ARTE: Wir verzeichnen eine Welle opulenter TV-Filme mit zeitgeschichtlicher Thematik, die große Publikumserfolge sind. Welches Medium kann Zeitgeschichte besser vermitteln, das Fernsehen oder die Literatur?

Marcel Reich-Ranicki: Die Fernsehformate haben eine enorme Wirkung und die Bücher auch. Aber die Wirkungen sind unterschiedlich. Letztlich brauchen wir eigentlich alles: sowohl das Buch, als auch das Fernsehen und auch immer noch das Theater. Natürlich besteht die Gefahr, dass der gedruckte Text verdrängt wird. Aber letztlich leben die Filme noch immer von der Literatur; nehmen Sie nur jene, die derzeit im Kino gezeigt werden: "Der Vorleser", "Effi Briest", im Fernsehen die Verfilmung meines Lebens. Fernsehen und Film brauchen die Literatur also regelrecht – für die guten Geschichten.
ARTE: Kann das Fernsehen auch eine Heimat für die Literatur sein? Wir denken an Literatursendungen wie "Das Literarische Quartett" …
Marcel Reich-Ranicki: Sie fragen nicht den Richtigen, weil ich parteiisch bin. Natürlich sage ich Ihnen, dass das Fernsehen viel zu wenig für die Literatur tut.
ARTE: Liegt es daran, dass es nicht genügend interessante, charismatische Persönlichkeiten gibt, die Literatur präsentieren können?
Marcel Reich-Ranicki: Nein! Es liegt daran, dass das Fernsehen Geld verdienen will und verdienen muss. Nehmen Sie die Sendung "Lesen" von Elke Heidenreich als Beispiel: Sie hatte auf das Publikum einen sehr starken Einfluss, was natürlich erfreulich war. Sie war sehr nützlich. Nur – sie hat keine Literaturkritik im eigentlichen Sinne gemacht, sie hat die Romane letztlich nur empfohlen.
ARTE: Das heißt, was Ihnen fehlt im Fernsehen, ist die Kritik, die Literaturkritik …
Marcel Reich-Ranicki: Ja, was fehlt sind gute Sendungen über Literatur. Eine Sendung, die den Lesern erklärt, warum die guten Bücher gut sind, was an ihnen wertvoll ist. Aber mir fehlt sowieso vieles. Was meine Frau und ich sehr im Fernsehen vermissen, ist klassische Musik – es muss ja nicht immer Karajan sein. Stattdessen wird man viel zu oft mit dieser Volksmusik belästigt, das ist ganz schlimm.
ARTE: Sie haben in Deutschland fast ein halbes Jahrhundert lang die Literaturkritik dominiert, welche Entwicklung wird sie in Zukunft nehmen?
Marcel Reich-Ranicki: Die Literaturkritik hat in deutscher Sprache mit Lessing begonnen. Gleich nach ihm kamen Goethe und Schiller, dann die großen Romantiker. Natürlich sind die Kritiker auf unterschiedlichem Niveau, das liegt in der Natur der Sache. Die Literatur ohne Kritiker jedoch wird es nicht geben. Diese
Diskussion ist vorbei, der Platz der Kritik ist gesichert. Als ich 1958 nach Deutschland zurückgekehrt bin, war die Situation der Kritik recht schwierig, um nicht zu sagen traurig. Aber ich habe mein Möglichstes getan, um sie zu beleben.
ARTE: Der Autor braucht also den Kritiker?
Marcel Reich-Ranicki: Sie kennen vielleicht die Frage: "Was gibt es Schlimmeres für den Autor, als von der Kritik negativ beurteilt zu werden?" Es gibt etwas Schlimmeres: gar nicht wahrgenommen zu werden.
ARTE: Finden Sie, dass die Literaturkritik derzeit eine besondere Wendung nimmt?
Marcel Reich-Ranicki: Es fällt auf, dass es heute immer weniger Verrisse gibt, detaillierte kritische Auseinandersetzung findet man immer seltener. Es ist mit einem großen Risiko verbunden, Kritiker zu sein, doch auch einen Verriss zu schreiben, muss vom Literaturkritiker riskiert werden.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN CORINNA DAUS UND MICHAEL HOPP

ARTE PLUS

Marcel Reich-Ranicki:
geb. am 2. Juni 1920 in Polen als Sohn deutsch-polnischer Juden; die Mutter schickt ihn mit acht Jahren aufs Gymnasium nach Berlin; 1938 Ausweisung nach Polen, Reich-Ranicki lebt in Warschau, später im Warschauer Ghetto; 1942 heiratet er dort Teofila Langnas; beiden gelingt 1943 die Flucht, sie überleben im Untergrund; 1944 Befreiung durch die Rote Armee; Beitritt Reich-Ranickis in die Kommunistische Partei Polens und Arbeit für den polnischen Geheimdienst in Polen und London; 1949 Ausschluss aus der Partei und Geburt des Sohnes; Arbeit als Lektor und Autor in Polen; 1958 Rückkehr nach Deutschland; Anfänge als Literaturkritiker der "FAZ", 1960–1973 Kritiker bei "Die Zeit"; 1973–1988 Leiter des Literaturteils der "FAZ"; 1988–2001 Leitung der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett"; ab 2001 Herausgabe eines Kanons der deutschsprachigen Literatur

Link:
www.arte.tv/literatur

Kategorien: April 2009