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WAHLVERWANDTSCHAFTEN

Im Mai 1922 weihte ein alter, gebeugter, aber nach wie vor distinguiert wirkender Herr ein Monument ein: eine imposante Säulenhalle nach antikem griechischen Vorbild, nur wenige Schritte vom Ufer des Potomac im Herzen der US-amerikanischen Hauptstadt errichtet. Die Gefühle des Gentleman waren für die Tausenden von Zuschauern der Zeremonie nur zu erahnen, als dieser sich der gigantischen Marmorfigur im Inneren der Ruhmeshalle näherte. Der Name des fast 80-Jährigen war Robert Todd Lincoln; die majestätische Statue, vor der er nachdenklich verharrte, war die von dem Künstler Daniel Chester French geschaffene Skulptur seines Vater, Abraham Lincoln, des 16. Präsidenten der USA. Der Sohn, der dazu verurteilt war, sein Leben im Schatten eines Mythos‘ zu verbringen, als Träger eines nur mit Ehrfurcht ausgesprochenen Namens, war einer der wenigen damals noch lebenden Zeugen aus der bewegten Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges. Dessen Daten – 1861 bis 1865 – fielen fast vom ersten bis zum letzten Tag mit der Amtszeit von Präsident Lincoln zusammen. Das Lincoln Memorial, das er nun einweihen durfte, war für künftige Generationen zur Erinnerung an den Mann konzipiert, der "die Union gerettet hatte" – so eine Inschrift an den Wänden des Monuments. Es war ein neues unter den zahlreichen Denkmälern der amerikanischen Hauptstadt – und doch mehr als das: Das Lincoln Memorial wurde schnell zu einer Kultstätte, nein, zum lebendigen Herzen der amerikanischen Demokratie, zu einem Forum für Bürgerrechtler und Demonstranten jedweder Couleur und jedweden Anliegens.

Zu Füßen der Lincoln-Statue verkündete Martin Luther King im August 1963 "I have a dream" – und hier kamen fast 500.000 Menschen an einem kalten Januartag dieses Jahres zusammen, um die Erfüllung von Kings Traum zu feiern: In Anwesenheit des designierten Präsidenten Obama wurde zwei Tage vor seiner Amtseinführung vor dem Lincoln Memorial ein epochales Konzert gegeben. Barack Obama kam bald noch einmal zurück zu dem Denkmal, das seinem politischen Vorbild gewidmet ist. Am 12. Februar, dem 200. Geburtstag Lincolns, nahm der 44. Präsident am Memorial eine Ehrung des 16. Präsidenten vor – jenes Staatsmannes, der für die Amerikaner durch seinen gewaltsamen Tod erst zum Märtyrer und dann zum Übervater wurde. Lincoln wurde am 14. April 1865 von dem fanatischen Südstaatler John Wilkes Booth ermordet. Ein tragisches Ende für den Präsidenten, der – wie er in seiner Amtsantrittsrede formulierte – "die besseren Engel in der menschlichen Natur" ansprechen wollte. Der Mann mit dem melancholischen Gesichtsausdruck war ein Verächter jeglicher Gewalt und musste dennoch zur Rettung der nationalen Einheit und zur Tilgung der Sklaverei von amerikanischem Boden Krieg führen.

Obamas Wahlsieg hat nun die Bedeutung des Präsidenten für Amerikas Selbstverständnis auf geradezu dramatische Art zum bestmöglichen Zeitpunkt unterstrichen. Kurz vor Lincolns 200. Geburtstag haben die Wählerinnen und Wähler das Wirken des "Old Abe", wie er genannt wird, auf eine vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehaltene Weise geadelt: Zum ersten Mal hat Amerika einen schwarzen Präsidenten gewählt und die entscheidende Hochrechnung am 4. November 2008 um 23 Uhr hat quer duch das Land einen Jubel ausgelöst, der Menschen aller Hautfarben, Ethnien und Glaubensrichtungen erfasste.

Barack Obamas Biografie weist keine Verknüpfung zur Geschichte der Sklaverei auf, da sein Vater aus Kenia stammte – seine Frau Michelle indes ist die Nachfahrin von Sklaven, die Abraham Lincoln ihre Freiheit verdanken. Es gibt jedoch zahlreiche Parallelen zwischen dem 16. und dem 44. Präsidenten: Für beide ist Illinois die politische Heimat, beide sind groß gewachsene, schlanke Männer mit Charisma und einer mitreißenden Redegabe. Als Anwälte und Autoren brachten es beide noch vor der Präsidentschaft zu beachtlichem Wohlstand. Seine Präsidentschaftskandidatur verkündete Barack Obama im Februar 2007 vor jenem alten Parlamentsgebäude in Springfield, der Hauptstadt von Illinois, in der Abraham Lincoln seine berühmte Rede hielt, in der er vor einer Spaltung der Nation mit den Worten warnte: "A house divided can not stand" (Ein in sich gespaltenes Haus hat keinen Bestand).
Es besteht kein Zweifel: Das politische Credo Lincolns hat sich Obama in weiten Teilen zu eigen gemacht. Lincoln wollte Chancengleichheit für alle Amerikanerinnen und Amerikaner, sein Ziel "einen ungehinderten Start und eine faire Chance im Wettlauf des Lebens" zu ereichen, hätte auch aus Obamas Feder stammen können. Die Berufung auf Lincoln ist relativ risikoarm für Obama: Die Verehrung des "Großen Emanzipators" geht quer durch alle Parteien, der Wunsch, die tiefen Gräben der Vergangenheit zu überwinden, der Lincoln ebenso wie Obama beseelte, wird heute von einer größeren Mehrheit der US-Bürger geteilt als 1861. Damals nahmen die Südstaaten Lincolns Wahl zum Anlass, sich von der Union abzuspalten. Gleichzeitig braucht Obama kaum zu befürchten, dass sein Bemühen, in den Mantel des Vorgängers zu schlüpfen, in allzu große Enttäuschung münden wird, wenn er nicht alle der in der Tat gigantischen Erwartungen an ihn erfüllen kann: Seit seinem Wahlsieg liefen TV-Spots, in denen die Bevölkerung aufgerufen wurde, dem neuen Präsidenten zu helfen – die Hürden scheinen für ein einzelnes Individuum zu groß, ob es nun Abraham oder Barack heißt.

Der erste Präsident aus Illinois begründete die USA neu und wies den Weg, der noch lang und beschwerlich sein sollte, bis zu jenem Tag, da ein Mensch nicht länger nach der Farbe seiner Haut beurteilt wird, sondern – wie es Martin Luther King vor dem Lincoln Memorial formulierte – nach seinem Charakter. Abraham Lincoln hatte einen unerschütterlichen Glauben an die Überlebensfähigkeit der Demokratie: "Warum sollte es nicht ein geduldiges Vertrauen in die letztendliche Gerechtigkeit des Volkes geben? Gibt es eine bessere und gleichwertige Hoffnung in der Welt?" Nach acht Jahren der Administration von George W. Bush ist die Wahl eines Hoffnungsträgers aus Lincolns Heimat Illinois mehr als eine Zeitenwende. Sie ist ein Ausdruck des ungebrochenen Credos Amerikas, dass ein jeder, auch eine große Nation, regelmäßig eine neue Chance auf ein besseres Morgen verdient hat.

GASTAUTOR RONALD D. GERSTE IST BUCHAUTOR UND SCHREIBT U. A. FÜR "DIE ZEIT". ER LEBT IN WASHINGTON D. C.

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Buch-Tipps:
"Abraham Lincoln, Begründer des modernen Amerika", Ronald D. Gerste, Pustet 2008; "Duell ums Weiße Haus. Amerikanische Präsidentschaftswahlen von George Washington bis 2008", Ronald D. Gerste, Schöningh 2008; "Abraham Lincoln", Jörg Nagler, C.H. Beck 2009; "Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie", Barack Obama, Hanser Belletristik 2008

Link:
www.arte.tv/us-buergerkrieg

Animation:

Seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg haben die USA eine große Entwicklung hinter sich. Welche Personen und Ereignisse haben zu dem Mentalitätswandel beigetragen, der die Wahl Barack Obamas, des ersten farbigen US-Präsidenten, ermöglichte?

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Kategorien: März 2009