aurore.schaller@arte.tv

BLEIBT MUTIG!

Er ist von Literatur wie kein anderer inspiriert, hat noch viele Träume und sich in seinem Leben nie angepasst. Am 31. März feiert der große deutsche Filmemacher Volker Schlöndorff seinen 70. Geburtstag. Der Mitbegründer des Neuen Deutschen Films nahm für "Die Blechtrommel" 1980 den ersten deutschen Oscar entgegen und schrieb Filmgeschichte. Mit dem ARTE Magazin spricht er über Eitelkeit, die Wichtigkeit der Rebellion und die Tatort-Falle.

ARTE: Literaturverfilmungen sind Ihr Steckenpferd. Welches Werk fehlt noch auf Ihrer Liste?
Volker Schlöndorff: Tolstois "Krieg und Frieden" hätte ich gerne mal verfilmt. Oder Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht". Aber das sind Projekte, die ich mir lieber als eine Art Traummöglichkeit erhalte. Ansonsten ist es eher so, dass einen die Stoffe irgendwie überfallen. Plötzlich wird ein Buch, das man früher nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätte, zum wichtigsten auf der Welt.
ARTE: Was bedeutet Literatur für Sie?
Volker Schlöndorff: Früher war Literatur für mich sehr wichtig. Heute habe ich das Gefühl, ich könnte aus einer kleinen Zeitungsnotiz einen Film machen. Eine Literaturverfilmung ist so schwierig, wie die Eigernordwand zu erklimmen. Aber sie ist auch eine Rückversicherung, weil ich nicht selbst der Autor bin, sondern nur interpretiere, was ein anderer geschrieben hat. Diese Absicherung war mir im letzten Jahrzehnt nicht mehr so wichtig. Ich habe das Gefühl, meine literarischen Obsessionen abgearbeitet zu haben.
ARTE: Sie haben sich einmal als Homo Faber, den klassischen Macher, bezeichnet. Ist das immer noch so?
Volker Schlöndorff: Naja, als den Homo Faber, der abstürzt (lacht). Lange habe ich geglaubt, alles im Griff zu haben. Aber spätestens seit der Arbeit mit Max Frisch ist mir klar geworden: Niemand hat irgendwas im Griff. Deshalb würde ich mich heute nicht mehr als Homo Faber bezeichnen. Bestenfalls als Homo Frisch.
ARTE: Zum Filmemacher wurden Sie in Paris, gingen bei den Regisseuren der Nouvelle Vague ein und aus. Später haben sie lange in New York gelebt. Trotzdem sind sie ein deutscher Filmemacher …
Volker Schlöndorff: Meine Kultur ist schon französisch, bzw. deutsch-französisch mit einem kleinen Schwergewicht auf dem Französischen. Das Amerikanische ist eine Lebensart, es ist einfach dieser "way of life". Meine deutsche und französische Kultur waren immer auch musealer Art. Aber die Zukunft kam von der amerikanischen Kultur, von ihrer Offenheit. Insofern bin ich hin und her gerissen. Es ist verflixt – vielleicht bin ich einfach ein Kosmopolit, ein unsteter Gesell?

ARTE: Wie schätzen Sie den aktuellen deutschen Film im internationalen Markt ein?
Volker Schlöndorff: Heute versucht der deutsche Film, sich nicht mehr zum Autorenkino zu bekennen und Genres wie das Melodrama zu bedienen. Die Auflagen kommen vom Fernsehen, das alles in Schubladen stecken will. Das macht den deutschen Film zwar in Deutschland erfolgreich, aber außerhalb des Landes weitgehend uninteressant.

ARTE: Können junge Filmemacher im harten Filmgeschäft heute überhaupt noch rebellisch sein?
Volker Schlöndorff: Ich glaube sogar: Nur, wer rebellisch ist, kann Erfolg haben. Fassbinder hat mir mal zum Umgang mit Schauspielern gesagt: "Nett sein bringt gar nichts!" Und wenn ich junge Regisseure sehe, denke ich: Nett sein zum Fernsehen, sich dem Programmschema anpassen, bringt auch gar nichts! Dann könnten Sie zum Schluss ihr Leben lang Tatort machen – das ist ja mehr als eine Strafe! Ein Künstler muss seine Meinung, seine Haltung aus sich heraus finden, den Mut haben, sie auszudrücken, und vor allem eine Form dafür finden. Nur der, der authentisch mit sich selbst ist, wird am Schluss Erfolg haben.
ARTE: Sie sind als Dozent in Berlin und Warschau aktiv. Warum ist Ihnen das Unterrichten so wichtig?
Volker Schlöndorff: Weil es Spaß macht, die eigenen Erfahrungen weiterzugeben. Man kann das Eros paedagogicus oder einfach Eitelkeit nennen. Ich liebe den Beruf so sehr, dass ich mich gerne darüber mit anderen unterhalte. Auch, damit junge Leute ungefähr eine Vorstellung davon haben, was da auf sie zukommt. Dass das überhaupt kein Glamour ist, sondern sehr viel harte Arbeit. Meine zwei Brüder und meine Eltern waren Ärzte und es ist mir sehr wichtig, zu zeigen, dass Filmemachen ein genauso ernster Beruf ist.
ARTE: Was wollen Sie dem Nachwuchs mitgeben?
Volker Schlöndorff: Es gibt eine große Verantwortungslosigkeit der Filmschulen. Man redet den Studenten ein, sie müssten einen sendefähigen und womöglich noch kinotauglichen 90-minütigen Abschlussfilm machen. Das ist eine Katastrophe, denn die meisten warten dann Jahre darauf, diesen einen Film zu machen – und das war es. Eine Filmschule ist dazu da, Freiraum zu schaffen, um sich auszutoben und Verrücktes zu tun.
ARTE: Volker Schlöndorff mit 40 und mit 70 – kein Unterschied, oder alles anders?
Volker Schlöndorff: Mein 40. Geburtstag war der letzte Tag der Tonmischung der "Blechtrommel" und wir haben das mit Champagner gefeiert. Wir hatten irgendwie das Gefühl: Jetzt fängt das Leben an. Ich weiß noch nicht, wie ich mich mit 70 fühlen werde, aber das ist schon irgendwie ein Schrecken. Für so ein halbes Wunderkind, das ich gewesen bin, ist es nicht ganz leicht, dass man einmal zu den Alten gehört.

DAS INTERVIEW FÜHRTE DIANA AUST

ARTE PLUS

Filmografie (Auswahl):
"Ulzhan – Das vergessene Licht" (2007), "Strajk – Die Heldin von Danzig" (2007), "Der neunte Tag" (2004), "Die Stille nach dem Schuss" (1999), "Der Unhold" (1996), "Homo Faber" (1991), "Tod eines Handlungsreisenden" (1985), "Eine Liebe von Swann" (1983), "Die Blechtrommel" (1979), "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975), "Der junge Törless" (1966)

Buch-Tipp:

"Licht, Schatten und Bewegung: Mein Leben und meine Filme", Volker Schlöndorff, Hanser, 2008

Kategorien: März 2009