BERLIN REMIXED

Bewegung!", schallt es über den Platz. "Nichts hilft besser gegen die Kälte!" Es ist ein grauer Samstag-morgen. Die Lufttemperatur geht gegen Null und es schneit unablässig dicke nasse Flocken. Während sich auf den Straßen noch kaum etwas regt, kämpfen hier bereits 22 Jungen im eisigen Wind um einen Ball. Sie sind zwischen sieben und zehn Jahre alt und die Hälfte von ihnen trägt den Namen "Türkiyemspor" auf dem Trikot. "Türkiyem" ist türkisch und bedeutet "Meine Türkei" – ein ungewöhnlicher Name für einen Sportverein. Noch ungewöhnlicher ist, dass sich die Szene nicht etwa in der Türkei abspielt, sondern in Berlin-Kreuzberg: Dies ist die E-Jugend von "1978 Türkiyemspor Berlin e.V.", die hier soeben ein Ligaspiel gegen ihre Rivalen aus Adlershof austrägt.
Nur wenige Meter und ein Kunstrasenfeld weiter zeigt sich auf den ersten Blick ein ähnliches Bild. Auch hier schlittern Kinder entschlossen durch Schneepfützen, es wird mit aller sportlichen Härte um das berühmte runde Leder gekämpft. Auch hier spielt Türkiyem. Das hier aber ist der jüngste weibliche Nachwuchs des Clubs – und der sieht im Gegensatz zu den männlichen Altersgenossen überraschend wenig türkisch aus.
"Wir sind eben kein türkischer, sondern ein Berliner Verein!", betont Trainer Murat Dogan und ergänzt, dass beim Aufbau von Türkiyemspors Mädchenabteilung vor fünf Jahren ganz gezielt in Schulen und Frauenprojekten Kreuzbergs angefragt worden sei, um allen Mädchen im Kiez das Angebot zum Fußball zu machen. Die Jungenabteilung hingegen ist aus den traditionellen Strukturen des Vereins hervorgegangen, doch auch hier finden sich immer mehr Spieler ohne türkischen oder anderen Migrationshintergrund. Einer von ihnen ist Leon Paschmann: "Türkiyemspor kam auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihnen zu spielen und weil ich wusste, dass die Betreuung hier sehr gut ist, habe ich nicht lange gezögert – auch wenn man sich von mancher Seite noch immer blöde Bemerkungen anhören muss", berichtet der Blondschopf schmunzelnd.
Das Aushängeschild des Vereins ist derzeit aber zweifellos die Mädchenabteilung, und das nicht erst seitdem im vergangenen Herbst eine Spielerin, Hülya Kaya, in die türkische Nationalauswahl der Unter-17-Jährigen berufen wurde – wie viele andere deutsche Migrantenkinder hat sie neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die ihrer Eltern, ein Vorteil, wenn man wie Hülya eine professionelle Sportkarriere anstrebt.

Doch während der Begegnung mit Hülya und ihren Kolleginnen Toya, Jessika, Karla und Raziye, allesamt Spielerinnen der B-Jugend, wird schnell klar, dass die Frage der Herkunft für das Fußballspielen an sich eine untergeordnete Rolle spielt. Allein diese fünf Mädchen haben familiäre Wurzeln in vier verschiedenen Ländern. "Was bitte hat die Nationalität unserer Eltern mit dem Sport zu tun? Wir sind hier geboren, leben hier und spielen gemeinsam Fußball, das ist alles!" Die 16-jährige Jessika spricht ihren Kolleginnen offensichtlich aus der Seele und bringt die ganze Umkleidekabine zum Lachen, als sie ergänzt: "Die meisten meiner Freunde sind remixed!" Auf die Frage, als was sie sich selbst bezeichnen würde, kommt dann auch prompt eine klare Antwort: "Als Berlinerin!" Dennoch, so berichtet die französisch-stämmige Toya, kommt es häufig vor, dass man versucht, die Mädchen von Türkiyemspor auf dem Platz zu provozieren. "Scheiß Türkenmannschaft!", heißt es dann immer wieder.
Dass sich der Verein mitunter auch selbst schwer tut, sich von seinem Image als türkisch geprägter Sportverein zu lösen, wird im Gespräch mit dem Vorstandsmitglied und Sicherheitsbeauftragten Armagan Sahin deutlich. Es fehlen nicht nur Sponsorengelder, die öffentliche Anerkennung, die man nach 30 erfolgreichen Jahren verdient hätte, und die finanziellen Mittel für den Bau eines eigenen Trainingsgeländes: "Unser großes vereinsinternes Dilemma ist, dass Türkiyemspor bei seiner Gründung für die erste Generation türkischer Einwanderer einen großen symbolischen Wert hatte. Die Deutsch-Türken der zweiten und dritten Generation suchen hingegen nicht mehr so sehr die Identifikation mit der Türkei – aber um so mehr scheinen viele Ältere im Verein an den türkischen Wurzeln des Clubs festhalten zu wollen." Wie Armagan Sahin geht es den meisten aktiven Mitgliedern bei Türkiyem einzig um die Identifikation mit dem Sport, darum, Türkiyemspor sportlich weiter zu bringen. Aber die Wandlung des Selbstverständnisses des Vereins ist alles andere als einfach.

"Wenn wir uns irgendeine Ideologie auf die Fahnen schreiben würden, hätten wir bei jedem Spiel mehrere Tausend Anhänger auf den Rängen", ist sich S¸ahin sicher. Doch als Projektionsfläche für Weltanschauungen will Türkiyem nicht herhalten. Der Verein ist zwar Mitinitiator von Berlins wichtigstem interreligiösen Fußballturnier, dem Avitall-Cup, und wurde 2007 vom Deutschen Fußballbund für die hervorragende Jugendarbeit mit dem Integrationspreis ausgezeichnet – aber eigentlich geht es hier nur um eines: den Jugendlichen mitten im Herzen Berlins die bestmöglichen Bedingungen zum Fußballspielen zu bieten. Als die Mädchen nach ihrer Einschätzung des negativen Images ihres Stadtviertels gefragt werden, empören sie sich: "Das kommt alles nur von den Jungs, die sich aufspielen! Immer nach dem Motto ‚Ich bin Kreuzberger, ich bin hart, Alter!‘ Dabei geht es doch nur darum, den eigenen Bezirk als gefährlicher darzustellen, als die anderen", wettert Jessika. Und die 14-jährige Karla betont, dass sicherlich viele Familien mit wenig Geld in Kreuzberg wohnten, dass es aber, gerade was Gewalt betreffe, im Kiez nicht schlimmer sei als anderswo. "Es geht nur darum, sich eine Identität zu verschaffen, darum, sich abzugrenzen", pflichtet Toya ihr bei.

Dass am frühen Nachmittag die Polizei kommt, entspricht zwar dem weit verbreiteten Bild von Kreuzberg-Neukölln als dem Vorzeige-Problemviertel der Hauptstadt – aber sie kommt auf Einladung: Der Verein pflegt einen außerordentlich guten Kontakt zu den Beamten des örtlichen Polizeiabschnitts 52 und ist neben anderen Berliner Sportvereinen und Organisationen die federführende Kraft der Aktionsreihe "Stopp Tokat!".
"Tokat" ist ein türkischer Ausdruck für "Ohrfeige" und steht für eine nicht nur in Berlin verbreitete Art jugendlicher Gewalt, das sogenannte "Abziehen": Das Opfer wird dabei unter Gewaltandrohung eines oder mehrerer Täter erniedrigt und gezwungen, Wertgegenstände wie Mobiltelefone und MP3-Spieler auszuhändigen. "Wir haben gelernt, wie man Gewaltsituationen aus dem Weg geht – aber auch, dass man schnell von der Opfer- in die Täterrolle geraten kann. Sobald der Andere am Boden liegt, ist jede weitere Gewalt keine Notwehr mehr, sondern eine Straftat", erklärt Jessika. Die Mädchen haben bereits an Gesprächsrunden und Rollenspielen im Rahmen der Veranstaltungsreihe teilgenommen. Heute sind die
Eltern an der Reihe. Viele Betroffene, erklären die Beamten, wenden sich aus Scham nicht an ihre Eltern oder Familien, und zu selten kommt es so überhaupt zu einer Anzeige. Die Erläuterungen von Polizeihauptkommissarin Hainzl und ihrem Kollegen Schönfeld verfehlen ihre Wirkung nicht. An diesem Samstagnachmittag folgen in Kreuzberg etwa 40 Erwachsene verschiedener Nationalität gespannt den Ausführungen und Appellen der zwei Polizeibeamten: Im Angesicht der Angst vor Übergriffen auf ihre Kinder werden auch hier nationale Identitäten obsolet und die Frage, wer hier wen integriert, erübrigt sich. Das ist Integration in Berlin.
Dass es in ihrem Bezirk Probleme gibt, verschweigen Hülya und ihre Freundinnen nicht. Ob es um nationale Identitäten oder falschen Bezirkspatriotismus geht – sie kennen soziale Konfrontation. Aber sie haben mit Türkiyemspor ein starkes Gegenmittel gefunden: Teamgeist und Fußball. "Auf dem Platz", schwärmt die 17-jährige Raziye lachend, "auf dem Platz bist du frei. Da vergisst du alles!"

TEXT: JOHANNES SCHWERDTFEGER

FOTO: FELIX BRÜGGEMANN

ARTE PLUS

Buch-Tipps:
"Abschied von Multikulti: Wege aus der Integrationskrise", Stefan Luft, Resch Verlag, 2006; "Der Multikulti-Irrtum – Wie wir in Deutschland besser zusammen leben können", Seyran Ates, Ullstein, 2007

Links:
Mehr Informationen zu Türkiyemspor finden sie unter www.tuerkiyemspor.info; die Studie "Ungenutzte Potenziale" unter www.berlin-institut.org gibt Auskunft über die Situation der Integration in Deutschland

Kategorien: März 2009