AUS LIEBE ZUR LÜGE

Eine Frau wie Isabelle Adjani ist nicht so einfach aus der Reserve zu locken. Der zurückgezogene Star – das ist die Paraderolle der französischen Schauspielerin. Um sie in die Öffentlichkeit zu bekommen, muss man sie schon politisch aufrühren, sie für tot erklären – oder ihr eine Rolle anbieten, bei der sie einfach nicht anders kann, als aus ihrem Versteck zu kommen. Regisseur Jean-Paul Lilienfeld hat ihr solch eine Rolle angeboten: In seinem neuen Film "Heute trage ich Rock!" mimt die 53-Jährige eindrucksvoll eine Lehrerin, die in einem Pariser Vorort mit gewaltbereiten Jugendlichen konfrontiert ist und am Ende keinen anderen Ausweg sieht, als selbst zur Waffe zu greifen. Mit dieser gerade in Frankreich gesellschaftlich brisanten Rolle im Gepäck vertrat sie ihr Land bei der Berlinale 2009. Nicht etwa im Wettbewerb, sondern in der Arthouse- und Independent-Sektion "Panorama" – außer Konkurrenz also; auch das ist eine Rolle, die der Adjani schon immer gut stand.

Bereits mit 17 Jahren schließt die 1955 in Paris geborene Tochter eines Algeriers und einer Deutschen nach ersten Erfolgen auf Leinwand und Bühne einen 20-Jahres-Vertrag mit der Comédie-Française ab – dem renommiertesten Theater Frankreichs, das als einziges Nationaltheater des Landes ein festes Ensemble hat. Sie ist nicht nur die jüngste Schauspielerin, der diese Ehre je zuteil wurde, auch, dass sie ohne ein Schauspielstudium absolviert zu haben an der Comédie-Française aufgenommen wird, ist eine Premiere.

Ihre Leidenschaft für das Spielen ergießt sich aus ihrem temperamentvollen Wesen und einem fast kindlichen Rachegefühl gegenüber der Moral der Erwachsenen. "Von klein auf habe ich gerne gelogen", verrät sie, "ich war immer eine Mythomanin. Jetzt diesen Beruf auszuüben, ist eine herrliche Vergeltung. Plötzlich darf man tun, was man nie tun sollte, und wird auch noch dafür bezahlt." Trotz ihres sensationellen Vertrags beschränkt sich Isabelle Adjani nicht auf das Theater, das sie im Gegensatz zum Film als eher grobe Kunst bezeichnet. Während sie also auf der Bühne mit Molière verzückt, spielt sie nebenbei in Fernsehproduktionen und feiert 1974 mit Claude Pinoteaus "Die Ohrfeige" ihren ersten Kinoerfolg; die ganz großen europäischen Regisseure werden auf sie aufmerksam: "Sie ist die einzige Schauspielerin, die mich vor dem Fernsehbildschirm zum Weinen gebracht hat", berichtet François Truffaut, "und aus diesem Grunde wollte ich sehr schnell einen Film mit ihr drehen."

Er schreibt ihr die Hauptrolle in "Die Geschichte der Adèle H." auf den Leib. Als die Comédie-Française sie nicht für die Dreharbeiten freistellen will, dreht Isabelle Adjani sich auf dem Absatz um und geht – ein Vertragsbruch und eine unerhörte Provokation, die sich auszahlt: Die Rolle als Victor Hugos Tochter Adèle, die ihren Geliebten in jeden Winkel der Erde verfolgt, bringt der jungen Adjani 1976 Nominierungen für den César und den Oscar ein. "Sie entflammt die Leinwand", schwärmt Truffaut und auch die Kritiker sind begeistert von der talentierten Schönheit mit den großen eisblauen Augen. In diesem Film verkörpert Adjani ein Rollenbild, das sie noch bei vielen ihrer großen Filmfiguren zeigen wird. Ob sie sich in Werner Herzogs "Nosferatu – Phantom der Nacht" Dracula opfert, als katholische Prinzessin in Patrice Chéreaus "Die Bartholomäusnacht" einen protestantischen Adligen begehrt oder in dem von ihr selbst mitproduzierten Filmprojekt "Camille Claudel" als Bildhauerin und Rodin-Muse Camille erst der Liebe zu dem exzentrischen Künstler und dann dem Wahnsinn verfällt: Sie ist die vor Liebe Lodernde, die Leidenschaftliche, die zum körperlichen oder psychischen Verfall Getriebene. Der Film "Camille Claudel", für den sie Gérard Depardieu als Auguste Rodin gewinnen kann, wird ihr bisher größter Triumph: Adjani spielt selbst den gefeierten Depardieu an die Wand; der Film wird zwei Mal für den Oscar nominiert, einmal mit dem Silbernen Bären und siebenfach mit dem französischen César ausgezeichnet. Für Adjani ist es bereits der dritte als beste Darstellerin. Damit lässt sie selbst so große Stars wie Catherine Deneuve hinter sich, denn vor ihr gewann keine Schauspielerin den César mehr als zweimal. Dass sie 1994 für ihre Rolle in "Die Bartholomäusnacht" ihren vierten César erhält, scheint fast schon eine Formsache zu sein.

Doch trotz der Erfolge in Europa und der Würdigung ihrer Arbeit in den USA wird aus der gefeierten französischen Schauspielerin nie ein Hollywood-Star. Sie spielt zwar in amerikanischen Produktionen wie "Driver" (1978) oder "Ishtar" (1987), doch diese floppen. Für Isabelle Adjani, die sich offen gegen Materialismus und Kommerz ausspricht, sind es nur halbherzige Versuche, in Amerika Fuß zu fassen. Ihre Heimat bleiben das europäische Kino und Theater. Auch wenn sie zur hiesigen Öffentlichkeit schon längst ein gespaltenes Verhältnis entwickelt hat. Sie zieht sich früh zurück, erhält bereits 1974 von den französischen Journalisten die "Zitrone" für ihr abweisendes Verhalten und fehlt bei Filmpremieren, weil ihr "Haustier Geburtstag hat". Selbst als 1987 eine Verleumdungskampagne durch die Medien geht, in der sie für AIDS-krank und gar für tot erklärt wird, tritt sie nur vor die Kamera, um zu zeigen, dass es ihr gut geht. Bereits nach zwei Minuten verabschiedet Isabelle Adjani sich wieder vom öffentlichen Leben – mit einem Küsschen für den Moderator.
Zeigt sie sich doch einmal öffentlich, nutzt sie die Aufmerksamkeit zunehmend für politische Statements. Als Le Pens Front National 1986 gegen afrikanische Einwanderer hetzt, bekennt sie sich lautstark zu ihrer algerischen Abstammung; als sie 1989 den César für ihre Rolle in "Camille Claudel" bekommt, liest sie in ihrer Ansprache "Die satanischen Verse" des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie, der von Ayatollah Chomeini gerade zum Tode verurteilt wurde; und als die Sarkozy-Regierung 2007 DNA-Tests für Einwanderer fordert, gehört sie zu den Unterzeichnern einer offiziellen Petition gegen diese Maßnahme.

Der Rückzug scheint ihre Art, sich gegen die Schnelllebigkeit und Flüchtigkeit der Gesellschaft aufzulehnen. Vielleicht erholt sich die Mutter von zwei Söhnen so aber auch von ihren aufzehrenden Rollen. "Ob ich meine Rollen auch im Leben weiterspiele? Gewiss doch. Ich komme mir vor, wie aus vielen Quadraten zusammengesetzt, und jedes gehört zu jemand anderem." Die Rolle der scheuen Unnahbaren scheint es ihr zu ermöglichen, sich immer wieder selbst zu finden. Ihr Publikum verübelt ihr die langen Pausen nicht, denn sie kommt danach immer zurück: 2000 hat sie ein grandioses Bühnencomeback in "Die Kameliendame", 2005 arbeitet sie an einem bisher unveröffentlichten Album mit dem französischen Musikstar Pascal Obispo und 2008 spielt sie in dem Film "Heute trage ich Rock!" – für ein überzeugendes Projekt hält sich Isabelle Adjani immer ein Hintertürchen offen.

ANDREA RADTKE

ARTE PLUS

Filmografie (Auswahl):
"Heute trage ich Rock!" (2008), "Diabolisch" (1996), "Die Bartholomäusnacht" (1994, César), "Camille Claudel" (1988, César, Oscar-Nominierung), "Subway" (1985), "Ein mörderischer Sommer" (1983, César, Oscar-Nominierung), "Possession" (1981, César), "Nosferatu – Phantom der Nacht" (1979), "Die Geschiche der Adèle H." (1975), "Die Ohrfeige" (1974)

Link:
www.arte.tv/heutetrageichrock

Kategorien: März 2009