NINA HOSS – SCHÖN ENTRÜCKT

Eine junge Frau flieht vor ihrem öden Leben in der ostdeutschen Provinz in die Kälte der westdeutschen Bankenwelt, doch die Vergangenheit ist ihr auf den Fersen: Am 9. Februar zeigt ARTE Christian Petzolds Spielfilm "Yella". Nina Hoss, seine Hauptdarstellerin, wurde für ihre eindringliche Darstellung der geheimnisvollen Titelfigur als beste Schauspielerin mit dem Silbernen Bären auf der Berlinale 2007 ausgezeichnet. Mit ihrer melancholisch-entrückten Ausstrahlung ist sie die Idealbesetzung für seine oft im Zwischenbereich von Traum und Realität angesiedelten Filme. Aktuell ist ihr gemeinsamer Film "Jerichow" in den deutschen Kinos zu sehen. Das ARTE Magazin traf das Film-Duo in Berlin.

ARTE: Herr Petzold, Sie drehen an Orten, vor denen andere Regisseure flüchten würden.
Christian Petzold: Meine Filme spielen da, wo wir ein ausgeträumtes Land vor uns haben, wo abgebaut wird. Wittenberge in Brandenburg zum Beispiel ist eine bürgerliche Stadt mit eigenem Theater, aber da ist nichts mehr los. Alles, was bleibt, ist "Rudis Reste Rampe". Man merkt an solchen Orten, was für Möglichkeiten es gegeben hat. Und die sind nun weg. Was mir an Ruinen gefällt, ist, dass Dinge im Moment des Verschwindens noch einmal ihre Größe zeigen.
ARTE: Auch Ihr aktueller Film "Jerichow", der seit Januar in den deutschen Kinos läuft, spielt in Ostdeutschland. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Film?
Christian Petzold: Als wir in Brandenburg "Yella" drehten, ist mir der Stadtname Jerichow aufgefallen. Die Nachbarstädte heißen Philadelphia, Neu Boston und Klein Amerika. Die Menschen dort bauen nicht Westdeutschland nach, sondern Amerika. Die Infrastruktur ist unglaublich gut ausgebaut. Es gibt Highways, Riesentankstellen und Autohöfe. Aber der Kapitalismus ist gescheitert und der Traum geplatzt. In "Jerichow" geht es um solch einen geplatzten Traum eines türkischen Unternehmers, der alles hat: eine Villa, Einkünfte und eine deutsche Frau, Laura. Er hat sich zusammengekauft, was er meinte, zum Glück zu brauchen. Aber irgendetwas fehlt noch. In diese kleine, konstruierte Welt kommt ein anderer Mann, und wie es so ist, wenn ein Dritter dazukommt, wird es sehr eng und es kommt zu Auseinandersetzungen und Intrigen.

ARTE: Frau Hoss, Sie spielen die weibliche Hauptrolle in "Jerichow". Was ist Laura für eine Frau?
Nina Hoss: Sie ist eine eher einfache Frau, die sich in eine ausweglose Situation hineinkatapultiert hat, in eine Ehe, die nicht auf Liebe basiert. Sie versucht, sich einzureden, dass es ihr gut geht. Sie hat ja Geld, ein schönes Haus. Ihre Sehnsucht aber ist die Freiheit und Unabhängigkeit und das muss zu Spannungen führen.
ARTE: Wenn man über Sie spricht, wird oft betont, dass Sie eine "Charakterdarstellerin" sind …
Nina Hoss: Das liegt vielleicht daran, dass ich im Kino oft starke, komplexe Frauen spiele. Im Theater stimmt das nicht, dort spiele ich alle möglichen Charaktere. Für mich ist auch eine lustige oder einfache Frau interessant – Hauptsache, ich finde Widerstände in der Figur.
Christian Petzold: Als wir uns vor sieben Jahren für "Toter Mann" zum ersten Mal trafen, hatte ich plötzlich eine Schauspielerin vor mir, die dem, was ich geschrieben hatte, etwas entgegensetzte. Nina hat nicht nur verstanden, was ich von ihr wollte, sie hat auch Widerstand geboten. Und das hat mir sehr gefallen.
ARTE: Frau Hoss, das Theater eröffnet Ihnen, wie Sie bereits erwähnt haben, die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Charaktere zu verkörpern. Was gibt Ihnen Ihre Arbeit am Theater darüber hinaus?
Nina Hoss: Für einen Film arbeite ich hart, bin aber oft sehr allein, so dass ich mich manchmal verliere. Danach komme ich gern ins Theater, in dieses Zuhause, wo ich weiß, was ich mache, mit den Menschen, die ich kenne. Die permanente Herausforderung erdet mich, ich falle nicht in ein Loch. Ich frage mich oft, wie Schauspieler das machen, wenn sie drei Monate nicht arbeiten und dann plötzlich wieder drehen müssen.
ARTE: Sie haben mit vielen namhaften Regisseuren gearbeitet. Doch mit Christian Petzold scheint Sie etwas Besonderes zu verbinden.
Nina Hoss: Die Arbeit mit Christian beginnt nicht erst am Set. Ich habe mit Regisseuren gedreht, die sagen "Du fragst so viel". Da kommt auch gern der Kommentar "Hach, das ist so deutsch, dieses Zerreden". Aber ich muss wissen, was das Grundkonzept des Films ist und was der Regisseur mit dieser Figur vorhat. Egal, wie groß die Rolle ist. Das ist die Vorbereitung, die ich brauche, beim Drehen selber muss ich nicht mehr viel reden.
Christian Petzold: Wenn ein Schauspieler am 17. Drehtag noch grundsätzliche Fragen zu seiner Figur stellt, dann ist etwas schiefgelaufen. Gute Schauspieler wollen gleich Bescheid wissen.
ARTE: Wie bereiten Sie Ihre Dreharbeiten denn vor?
Christian Petzold: Ich nehme mir eine Woche mit den Schauspielern und einem Teil des Teams. Wir sehen dann zusammen Filme, lesen das Drehbuch und diskutieren darüber. Da wird viel verändert. Szenen, die eigentlich größer angelegt waren, werden nach ein paar Tagen Probe auf einmal leicht und unkompliziert, während andere Dinge, die mir nebensächlich erschienen, plötzlich deutlich an Gewicht gewinnen.
ARTE: Das bedeutet, dass Sie mit großer Intensität mit den Schauspielern zusammen arbeiten. Ist Ihre Arbeitsweise manchen Schauspielern zu viel?
Christian Petzold: Ja, manche Schauspieler fühlen sich dadurch überfordert, und das wiederum macht die Arbeit unglaublich anstrengend für mich. Es gibt Schauspieler, die sagen "Ich gehe da einfach hin und mache das", das kann auch eine Qualität haben. Aber für einen Film wie "Yella" wäre das tödlich gewesen.
Nina Hoss: Man muss als Schauspieler einfach die gleiche Sprache sprechen wie Christian, dann ist man glücklich, mit ihm zu arbeiten.
ARTE: Sie haben bisher vier Filme gemeinsam gedreht. Können Sie eine Situation, ein konkretes Beispiel nennen, das Ihre gute Zusammenarbeit besonders eindrucksvoll widerspiegelt?
Christian Petzold: Es gibt eine Szene in "Yella", da sitzt Nina auf einem Hotelbett und ruft die Deutsche Bahn an. Statt sich zu sagen: "Yella gibt auf, wie zeige ich das schauspielerisch?", drückt Nina die ganze Niederlage in dem Satz aus: "Wann geht der Zug nach Hause?" Damit ist alles klar, und statt neun Einstellungen brauchen wir nur eine. Das kann Nina.
Nina Hoss: Das ist auch ein Unterschied von Christian zu anderen Regisseuren. Ich kann mir ja noch so viel Mühe geben in meinem Spiel, wenn der Regisseur das nicht einfangen kann, bringt es nichts. Von Christian lerne ich viel. Zum Beispiel, wie eine Situation gefilmt wird, um Spannung zu erzeugen. Da weiß ich, es reichen einige wenige Zeichen meinerseits, weil das Bild an sich schon mit Spannung aufgeladen ist.
ARTE: In "Yella" verschwimmen Traum und Realität. Wie wichtig ist es, diese Bereiche zu trennen?
Christian Petzold: Hitchcock sagte einmal, "Zuschauer sind wie Kinder. Man muss ihnen alles erklären". In den Filmen der 1950er Jahre wurden Traumsequenzen deshalb mit Nebel oder Orgelmusik eingeläutet. Auch heute brauchen die Zuschauer immer noch eindeutige Zeichen, um zu verstehen, was Traum und was Realität ist. Kino kann schließlich keine Zustände filmen, sondern nur Handlungen.
Nina Hoss: Christian mag es ja ganz gern, dass der Zuschauer manchmal irritiert ist.
Christian Petzold: Es ist so: Auf der einen Seite gibt es Yella, auf der anderen Seite die Wirklichkeit. Hier bin ich und da sind die anderen. Nur fangen die anderen dann an, nach ihr zu greifen, als sei das Leben ein Kinofilm. Und plötzlich greifen aus der Leinwand Menschen heraus, um sie in ihre Welt hineinzuziehen.
ARTE: Die Beziehungen in "Yella" sind angespannt, die Sprache karg und formell. Der Zuschauer ist erleichtert, als es zum ersten gemeinsamen Lachen kommt.
Christian Petzold: Romantik im klassischen Sinne hasse ich wie die Pest. Ich mag es gern, wenn aus verlogenen, korrupten Situationen echte Gefühle oder Sehnsüchte erwachsen. In "Yella" geht es um eine Frau und die Energie, die sie darauf verwendet, nicht zu sterben. Diese Kraft, diese Energie, die sie aufwendet, einzufangen, darum ging es mir in diesem Film.
ARTE: Das erste Lächeln kommt nach 42 Minuten.
Nina Hoss: Ich stelle mir nicht die Frage: Ist Yella glücklich oder traurig und wie stelle ich das dar? Das wäre ja ein Blick von außen, so arbeite ich nicht. Ihr Zustand ergibt sich aus dem Fluss der Geschichte und das zeige ich dann.
Christian Petzold: Nur Schwachköpfe spielen die Aggregatzustände der Gefühle. Nina lebt die Figur. Yella ist zwar eine Frau, aber auch sehr kindlich. In ihrem
Heimatort geht sie durch die Straßen wie eine Schülerin, die den Religionsunterricht schwänzt. Und plötzlich ist sie in Hannover in ihrem Trenchcoat wie jemand, der fünf Jahre bei Hewlett-Packard gearbeitet hat. Es geht in dem Film darum, dass Yella unter permanenter Anspannung steht. In dem Moment, in dem Nina das verstanden hat, braucht sie kein schauspielerisches Hilfsmittel. Diesen Druck kann man nicht ausdrücken, aber man kann ihn erleiden.
ARTE: Dennoch, es ist wunderbar, Yella sinnlich im Bett liegen zu sehen. Sinnlichkeit kommt ja oft ein wenig kurz in deutschen Filmen.
Christian Petzold:Für "Jerichow" habe ich das erste Mal eine Sexszene gefilmt. Das war nicht einfach. Einem Schauspieler zu sagen "Sei sinnlich", das geht nicht. Auch die Szene, in der Yella halbnackt auf dem Bett liegt, musste sehr vorsichtig aufgebaut werden. Yella bietet sich nicht dar, versteckt sich aber auch nicht. Wenn man da die Bettdecke zu sehr aufzieht, die Kamera zu nahe heranstellt, ist die Stimmung zerstört.
Nina Hoss: In dieser Szene denkt Yella, sie sei angekommen und gibt sich kurz der Geborgenheit hin. Ein purer, offener und ehrlicher Moment. Das ist sinnlich.
ARTE: Im Ausland, besonders in Frankreich, gilt "Yella" als typischer Film der "Berliner Schule". Können Sie etwas mit diesem Begriff anfangen, Herr Petzold?
Christian Petzold: In der Geschichte des Films gab es immer wieder Bewegungen, wie die Nouvelle Vague oder den Neorealismus. Das waren Gruppen von Filmemachern, deren Filme eine gewisse Nähe zueinander hatten. Vor einigen Jahren trafen wir Berliner Regisseure uns auf der Berlinale und diskutierten miteinander über unsere Filme, es war wie ein Zunft-Zusammentreffen, plötzlich fühlte man sich nicht mehr allein. Es gibt also tatsächlich so etwas wie eine Berliner Schule und ich freue mich über die gute Nachbarschaft.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE JANA BUCHHOLZ

ARTE PLUS

Nina Hoss Vita:
Geb. 1975; Besuch der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin; Filmerfolge u.a. mit "Das Mädchen Rosemarie" (1996) und "Die weiße Massai" (2005); seit 1998 Engagement am Deutschen Theater Berlin und im Berliner Ensemble

Christian Petzold Vita:
Geb. 1960; Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin; drehte u.a. die "Gespenster-Trilogie": "Die Innere Sicherheit" (2000), "Gespenster" (2005) und "Yella" (2007)

Gemeinsame Projekte:
"Toter Mann" (2002), "Wolfsburg" (2003), "Yella" (2007), "Jerichow" (2009); ab März steht Hoss in Petzolds Theaterdebüt "Der einsame Weg" von Arthur Schnitzler auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin

59. INTERNATIONALE FILMFESTSPIELE BERLIN 05.-15.02.2009

Tom Tykwer trifft mit dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berliner Filmfestspiele unter der Festivalleitung von Dieter Kosslick den Nerv der Zeit: Sein Finanzthriller "The International", der mit den Hollywoodstars Naomi Watts und Clive Owen hochkarätig besetzt ist, handelt von der Aufdeckung illegaler Aktivitäten einer weltweit agierenden Bank. Ins Rennen um den Goldenen Bären gehen in diesem Jahr Filme aus Algerien, China, Griechenland, Großbritannien, Schweden, den USA und Deutschland. Die schottische Schauspielerin Tilda Swinton wacht als Jury-Präsidentin über die Entscheidungen. Mit "Turning points", Wendepunkten, und ihrer Bedeutung für den Film, beschäftigt sich der Berlinale Talent Campus, die einwöchige Akademie für junge Filmschaffende aus aller Welt. Die Sektion Perspektive Deutsches Kino wirft mit Alltagsgeschichten in verschiedenen filmischen Formen einen Blick in "Privatsachen". Der Bildgewalt des Breitfilms widmet die Retrospektive unter dem Motto "70mm – Bigger than Life" ihre Aufmerksamkeit und zeigt Filmklassiker wie Joseph L. Mankiewicz’ "Cleopatra" aus dem Jahre 1963. Mit seinen Filmmelodien u.a. zu "Doktor Schiwago" schrieb der Franzose Maurice Jarre Filmgeschichte. Im Rahmen des Hommage-Programms wird der 84-jährige Filmkomponist und Oscar-Preisträger am 12. Februar mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
ARTE begleitet die Berlinale. Neben täglichen Berichten und zwei Metropolis-Sondersendungen, werden Gewinnerfilme vergangener Jahre gezeigt. In der Debatte "Paris – Berlin" fragt Moderatorin Thea Dorn: Wie politisch ist das Kino? Die Höhe-punkte der Verleihung des schwul-lesbischen Filmpreises, den "Teddy Awards", werden übertragen. Und auch der Stadt Berlin wird gehuldigt: Die Dokumentationsreihe "ARTE Rock & The City" stellt die Musikmetropole vor.

Kategorien: Februar 2009