FLUCHT INS MITTELALTER

Der Geruch von Met liegt in der Luft. Ein Harlekin begrüßt schellenklimpernd die Besucher und irgendwo im Getümmel erklingt die Stimme eines Minnesängers, der eine holde Maid besingt. Dazu noch ein Schmied und ein paar Schwertkämpfer – fertig ist das Spektakulum. Ganz egal, wo in Deutschland heute ein Stadtjubiläum oder ein Altstadtfest zu feiern ist, ein Programmpunkt scheint unverzichtbar: der Mittelaltermarkt. Für ein paar Stunden dürfen die Besucher mittelalterliches Flair erleben – oder das, was sie dafür halten. Historische Korrektheit ist hier Nebensache. Solange das große Ganze als mittelalterlich durchgeht, boomt das Geschäft mit der Vergangenheit: Ausrüster für historisches Zubehör, Eventagenturen und ganze Darstellergruppen bedienen den ständig wachsenden Markt.

Auch medial herrscht Mittelalter auf allen Kanälen: Historienromane wie "Die Säulen der Erde" oder "Der Medicus" stehen bereits seit Jahren auf den Bestsellerlisten; Spielfilme wie "Excalibur" oder "Braveheart" prägen das heutige Mittelalterbild nachhaltig; und zahlreiche Computerspiele wie "Assassin’s Creed" oder "World of Warcraft" führen tausende von Spielern in mittelalterliche Fantasiewelten.
Doch abseits der eher ökonomisch motivierten und klischeehaften Mittelalterdarstellung auf Märkten und in den Medien hat sich eine Subkultur mit einem durchaus anderen Anspruch entwickelt. Sogenannte Reenactors spielen den Alltag einer historischen Epoche – von römischen Legionen über keltische Dorfgemeinschaften bis hin zu napoleonischen Truppen – mit der größtmöglichen historischen Korrektheit nach. Dafür rekonstruieren sie detailgetreu historische Gewänder, erlernen originale Handwerkstechniken und kochen nach historischen Rezepten. In Deutschland gibt es schätzungsweise 5.000 solcher Reenactment-Gruppen, die ihrem Hobby jedoch meist abseits publikumswirksamer Mittelaltermärkte nachgehen. Auf szeneinternen Treffen machen sie für ein Wochenende ganz privat ihren Traum wahr: leben wie im Mittelalter.

Zwischen Historie und Fiktion

Auch Michael Maucher nimmt regelmäßig an solchen Events teil. Er ist schon seit den Anfängen in den 1970er Jahren aktiver Spieler. Mittlerweile hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und betreibt einen Versandhandel für Reenactment-Ausrüstung. Maucher sieht vor allem einen Grund für den großen Zulauf zur Szene: "Jeder hat sicher sein eigenes Motiv, aber alle verbindet eines: die Freude am Spielen." Diese Spielfreude teilen auch die Mitglieder der ebenfalls oft mittelalterlich geprägten Liverollenspiel-Szene. Bei sogenannten Live Action Role Playings, abgekürzt LARPs, treffen sie sich zu einer Art Improvisationstheater – allerdings ohne Zuschauer. Die gespielte Geschichte nimmt oft Anleihen aus dem Fantasygenre: In mittelalterlicher Umgebung, zum Beispiel auf Burgruinen, tragen die Darsteller, als Zauberer, Elfen oder Dämonen verkleidet, den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse aus. Wie aber lässt sich diese Begeisterung für ein Zeitalter erklären, in dem eine Blinddarmentzündung den Tod bedeutete und die meisten Menschen ihr kurzes Leben lang für einen Lehnsherren schuften mussten?

Eine Faszination mit Tradition

Die Faszination für die Epoche zwischen 500 und 1500 n. Chr. ist kein neues Phänomen, wie Thomas Scharff, Professor für Mediävistik an der Technischen Universität Braunschweig, erklärt: "Die Begeisterung für das Mittelalter verläuft historisch in Wellen." So gibt es schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein starkes Interesse für das Thema. In dieser Zeit des aufkommenden Nationalbewusstseins diente der mittelalterliche Rückbezug allerdings handfesten politischen Interessen. Die Verfechter eines deutschen Nationalstaates stilisierten die Herrschaft der deutschen Kaiser im Mittelalter zum historischen Ideal. In der gemeinsamen Vergangenheit fanden sie die Legitimation für ihr politisches Projekt: die Vereinigung des in Kleinstaaten zersplitterten Deutschlands. Einen weiteren Grund für die Hinwendung zum Mittelalter gerade in dieser Zeit sieht Scharff in der Industrialisierung und den mit ihr einhergehenden Phänomenen der Entfremdung, der Landflucht und der Auflösung sozialer Bindungen: "Da war das Mittelalter ein Fixpunkt." Im Gegensatz zu ihrem komplizierten modernen Leben repräsentierte das Mittelalter mit seiner scheinbar simplen Gesellschaftsordnung für viele Menschen einen Idealmodus des Daseins.
Mittelalterliche Mythen und Volksmärchen entwickelten sich zu beliebten Motiven in der Literatur, und auch die Komponisten und Maler der Romantik verklärten die Einfachheit und Naturnähe des mittelalterlichen Alltags. Werke von Caspar David Friedrich bis Gustav Mahler zeugen von dieser Bewegung.
Die Gründe für die heutige Idealisierung und Romantisierung des Mittelalters sind ähnliche wie bereits vor 200 Jahren. Die Industrialisierung von damals ist die Globalisierung von heute, ihr Effekt derselbe: Die Welt wird als kompliziert, hektisch und ungerecht wahrgenommen und die fortschreitende Technisierung als zunehmende Entfernung des Menschen von einem idealisierten Naturzustand. "Das Mittelalter hingegen wird als die Zeit angesehen, als der Körper noch unmittelbar der Natur ausgesetzt war", so Scharff. Ständige Berieselung durch die Medien, Hektik, Stress – all das erzeuge ein Bedürfnis nach Entschleunigung und Vereinfachung, nach einem "zurück zur Natur".

Einmal Mittelalter und zurück

Die Befriedigung dieses Bedürfnisses scheinen viele Zeitgenossen im Rückbezug auf das Mittelalter zu finden – auf Märkten, in Büchern und Filmen, oder bei Reenactment und Liverollenspiel. Doch wirklich verzichten möchte auf die Errungenschaften der Moderne tatsächlich kaum jemand. Im Gegenteil: Ironischerweise hat gerade das Internet die Organisation der Mittelalterszene enorm erleichtert und überhaupt erst zu dem gemacht, was sie heute ist. Und wer sich wie Michael Maucher ernsthaft mit der Historie auseinandersetzt, der weiß: "Es gibt nichts Entspannenderes, als beim Spielen den Alltag zu vergessen." Doch im Mittelalter leben? "Niemals!", sagt er. Er sei froh, dass er sich nach einem Wochenende in der Vergangenheit frisch geduscht ins saubere Bett legen könne.

HENNING WERLE

ARTE PLUS

Links:
Unter www.mittellande.de gibt es ausführlichere Informationen über die deutsche Liverollenspiel-Szene. Auf www.reenactment.de sind Erklärungen und Projekte zu historisch ambitionierten Neu-Inszenierungen zu finden. Michael Maucher bietet auf www.handelsherr.com die passende Ausstattung an. Liebhaber mittelalterlicher Musik werden auf www.spielleut.de fündig

Kategorien: Februar 2009