DIE WELT FRAGT NACH UNS

Ein Jubiläum fällt in die Amtszeit des 19. Leipziger Gewandhauskapellmeisters Riccardo Chailly: der 200. Geburtstag seines Vorgängers Felix Mendelssohn Bartholdy, der als Komponist und Dirigent das bürgerliche Konzert kultivierte. Natürlich wird dieser 200. Geburtstag im Neuen Gewandhaus mit einer großen Gala gebührend gefeiert. Das ARTE Magazin sprach mit Riccardo Chailly.

ARTE: Herr Chailly, die große Mendelssohn-Gala zum 200. Geburtstag Ihres berühmten Vorgängers ist längst ausverkauft. Sind Sie aufgeregt?
Riccardo Chailly: Selbstverständlich. Hier ist die Rede von Mendelssohn und von der Stadt Leipzig. Das ist eine einzigartige Kombination!
ARTE: Aber Sie haben ja auch das international gefeierte Gewandhausorchester an Ihrer Seite …
Riccardo Chailly: … Ja, und das ist wunderbar. Jedes Mal, wenn das Orchester Mendelssohn spielt, spüre ich diese Einzigartigkeit. Es ist eine hohe Mendelssohn-Kultur, die da erklingt. Die Fähigkeit, die innere Sprache der Musik zu beherrschen, das fasziniert mich vor allem an diesem Klangkörper. Mendelssohn ist ja durchaus eine heikle Angelegenheit – denken wir an den Rhythmus, beispielsweise in den Ouvertüren: Mendelssohn schreibt da viele, viele Noten mit schnellen Tempi. Nur dank der Virtuosität der Musiker, die Textur zu erfassen, und dank ihres Blickes hinter die Noten tritt eine unverwechselbare Handschrift zutage: der Mendelssohn-Stil.

ARTE: Mendelssohn war wie Sie Gewandhauskapellmeister. Kann eine Aura derart lange nachwirken?
Riccardo Chailly: Offensichtlich! Ich bemerke immer wieder außergewöhnliche Emotionen. Nicht nur in Leipzig, sondern auch, wenn wir auf Tournee sind. Mendelssohn ist da immer ein spezifischer Moment Leipziger Geschichte. Oft wartet das Publikum darauf.
ARTE: Was halten Sie von Jubiläen? Ist es nicht manchmal so, dass der erzeugte Hype den Blick auf Komponist und Werk verstellen kann?
Riccardo Chailly: Das mag manchmal der Fall sein. Große Musik aber leidet darunter nicht. Genies wie Mozart oder Mendelssohn werden jährlich zelebriert, sie brauchen im Grunde keine Jubiläen. Dennoch bietet sich so die Gelegenheit, den Blick zu vertiefen oder ihn auf Unbekanntes zu lenken. Ende 2009 präsentieren wir Mendelssohns "Italienische Sinfonie" in der endgültigen Fassung – mit vielen Korrekturen gegenüber der geläufigen Version. Es fasziniert mich, auf diese Weise verschiedenen Facetten des Genies nachzuspüren.
ARTE: Neben der "Schottischen Sinfonie" werden Sie die "Trompeten-Ouvertüre" spielen, die genau wie das erste Klavierkonzert eher unbekannt ist …
Riccardo Chailly: Die Idee war, festliche Musik voranzustellen. In der "Trompeten-Ouvertüre", einem wunderbaren Frühwerk, klingt Mendelssohns Universum schon an – etwas, das mein berühmter Kollege Felix von Weingartner Tonpoem nannte. In Mendelssohns Ouvertüren wird unglaublich viel geschildert. Er war früh ein Meister im Kontrapunkt, besaß Fantasie für Farben. Ja, und Lang Lang, Starpianist des Abends, spielt ganz regelmäßig das erste Klavierkonzert. Ich liebe dieses Konzert. Mehr als 20 Jahre ist es her, da dirigierte ich es in der Mailänder Scala, am Klavier saß damals Krystian Zimerman. Wir waren beide noch sehr jung (lacht).
ARTE: Die "Schottische Sinfonie" vollendete Mendelssohn in Leipzig. Dort wurde sie auch uraufgeführt. War das für Sie als Italiener Grund genug, sie hier der "Italienischen" vorzuziehen? Oder liegt Ihnen die "Schottische" ohnehin mehr am Herzen?
Riccardo Chailly: Ach, die "Schottische", ich liebe und favorisiere sie seit meiner Jugend! Sie ist genial gearbeitet, reich an Gedanken, stimmungsvoll, energiegeladen – aber auch heikel. Vor allem im transparenten zweiten Satz sind präzises Spiel und perfekte Klangbalance notwendig. Auch das Finale ist nicht einfach. Zwischen der "Trompeten-Ouvertüre" und der "Schottischen" spannt sich nahezu ein ganzes Leben auf. Die Kombination der drei von uns gewählten Werke skizziert sehr gut die Persönlichkeit Mendelssohns.
ARTE: Kaum eine Rezeptionsgeschichte ist so bewegt wie jene von Mendelssohn. Wagners autobiografisch und antisemitisch gefärbtes Negativ-Urteil hatte weitreichende Wirkung. Noch immer hört man, Mendelssohns Musik klinge glatt und brav, weich gespült und schön gefärbt. Wie empfinden Sie das? Sehen Sie sich zum Widerlegen herausgefordert?
Riccardo Chailly: Ich denke, Wagner sah das Genie
an seiner Seite und reagierte deshalb auf diese Weise. Mendelssohn war innovativ, ein Mensch neuer Ideen, Konzepte und Lösungen. Das provoziert, man kann Wagner da mit Mahler vergleichen, der provokativ auf Puccinis "Tosca" reagierte. Eine instinktive Reaktion – natürlich war er aber klug genug, um ein neues Genie erkannt zu haben.
ARTE: Ihr Vater Luciano Chailly war ein bekannter Opernkomponist. Haben Sie auch schon komponiert?
Riccardo Chailly: Ja, am Mailänder Konservatorium. Als Kompositionsstudent musste ich eine Zeit lang täglich Romanzen ohne Worte für Klavier schreiben.
ARTE: Ähnlich Mendelssohns "Liedern ohne Worte"…
Riccardo Chailly: Ja (lacht) – aber nur fürs Studium! Komponist wollte ich nie werden. Mein Vater sagte aber: Du musst es getan haben, um als Interpret an Herz und Struktur der Werke zu gelangen. Das war richtig.
ARTE: Führt das nicht dazu, dass Sie manchmal von der Qualität der Partituren auf dem Pult enttäuscht sind?
Riccardo Chailly: Sobald man sein eigenes Programm gestaltet, kommt das natürlich selten vor. Aber es gibt durchaus Enttäuschungen. Ich sage es ganz klar: Auch bei der endgültigen Fassung der "Italienischen" bedaure ich manche Änderungen, etwa die Reduktion in der Orchestrierung, in den Klangfarben. Das heißt aber nicht, dass man diese Werke der Welt vorenthalten sollte. Das Publikum soll auch das erkennen dürfen.
ARTE: Sie dürfen auf höchstem Niveau vergleichen. Wie charakteristisch können Orchester im globalen Zeitalter sein? Was macht das Gewandhausorchester aus?
Riccardo Chailly: Prinzipiell sehe ich Globalisierung positiv – in der Musik nicht immer. Es besteht die Gefahr der Sterilisierung, aber: In Sachsen kann man sehr stolz sein. Die Sächsische Staatskapelle und das Gewandhausorchester gehören für mich zu den zehn besten Klangkörpern weltweit. Weil sie Identität stiften. Das hat mit musikalischer Intensität zu tun, mit Klangqualität, ja Klangzauber. Ich bin dankbar, nach 16 Jahren als Chef des Concertgebouw-Orchesters Amsterdam nun in Leipzig zu sein.
ARTE: Mögen Sie das Neue Gewandhaus? Es unterscheidet sich immerhin deutlich vom Amsterdamer Concertgebouw – und von Mendelssohns Wirkungsstätte.
Riccardo Chailly: Wenn ich mit meiner Frau im Städtischen Kaufhaus am Leipziger Neumarkt italienisch essen gehe, dann scherze ich gern und frage sie: Gehen wir heute ins Alte Gewandhaus? Denn hier stand es. Bruno Walter (Gewandhauskapellmeister 1929–1933, Anm. d. Red.) schwärmte von der Akustik des Folgebaus, des Konzerthauses, das dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel. Das dritte, das Neue Gewandhaus, klingt ebenso phänomenal. Als ich hierher eingeladen wurde, war für mich die Kombination entscheidend: Gewandhausorchester, Neues Gewandhaus – und Leipzig. Womit wir am Ausgangspunkt des Gesprächs wären …
ARTE: Deswegen eine letzte Frage, Herr Chailly: Mendelssohn war zuletzt reisender Stardirigent mit Heimat Leipzig. Verbindet Sie auch das?
Riccardo Chailly: Meinen Urlaub verbringe ich in Italien und in der Schweiz. Leipzig ist geografischer und geistiger Ort meiner Beschäftigung. Ich strebe nicht an, als Gastdirigent viel zu reisen. Ich reise gerne mit dem Gewandhausorchester. Und das wollen wir künftig noch mehr tun. Denn die Welt fragt viel nach uns.

DAS INTERVIEW FÜHRTE KARSTEN BLÜTHGEN

ARTE PLUS

Kurzbiografie Riccardo Chailly:
Geb. am 20. Febr. 1953 in Mailand, Sohn des Komponisten Luciano Chailly; 1970 Debüt als Dirigent in Mailand; mit 21 Jahren Assistent von Claudio Abbado an der Scala; von 1982 bis 1989 Leiter des Deutschen Symphonieorchesters Berlin; 1989 bis 2004 Chefdirigent des Concertgebouw-Orchesters Amsterdam; seit 2005 Chefdirigent am Neuen Gewandhaus, von 2005 bis 2008 auch Generalmusikdirektor der Oper Leipzig

Kategorien: Februar 2009