KLEIDER MACHEN KINO

Zehn Jahre lang arbeitete Barbara Baum mit Rainer Werner Fassbinder zusammen. Von 1972 bis 1982 entwarf sie die Kostüme für Filme wie "Lili Marleen" und "Berlin Alexanderplatz". Für ihr gesamtes filmisches Schaffen und für das Kostümdesign der internationalen Koproduktion "Das Geisterhaus" von Regisseur Bille August erhielt sie 1993 den Bayerischen Filmpreis. Am 25. Dezember 2008 kommt die Neuverfilmung von Thomas Manns "Die Buddenbrooks" ins Kino – Kostümdesign: Barbara Baum. Es ist nach "Die Manns" (2001) und "Speer und er" (2005) ihre dritte große Zusammenarbeit mit dem Regisseur Heinrich Breloer. ARTE wird die Koproduktion "Die Buddenbrooks" 2009 zeigen. Zurzeit arbeitet Barbara Baum an dem Fernsehfilm "Romy", einem Romy-Schneider-Porträt mit Jessica Schwarz in der Hauptrolle. Das ARTE Magazin besuchte die Kostümbildnerin in ihrer Wohnung in Berlin.

ARTE: Frau Baum, vor den "Buddenbrooks" hatten Sie bereits die Kostüme für Heinrich Breloers "Die Manns" entworfen. Wie haben Sie sich den Figuren der Familie Mann angenähert?
Barbara Baum: Für "Die Manns" haben Breloer und ich alle Figuren durchgesprochen. Wir haben ihre Charaktereigenschaften und Entwicklung diskutiert, aber anschließend war ich völlig frei, zu entscheiden, wie ich sie anziehen wollte. Besonders spannend war es, für dieses Doku-Drama nie die Mischung aus Fiktion und Dokumentation aus den Augen zu verlieren, was hieß, die fiktiven Gestalten nahtlos zu den "wirklichen" Menschen werden zu lassen. Für den Entwurf der Garderobe von Thomas Mann habe ich mich zuerst mit Fotobänden, Filmausschnitten und Fernsehdokumentationen auseinandergesetzt. Aber auch Heinrich Breloer selbst ist eine sprühende Quelle von Informationen, er weiß unheimlich viel! So konnte ich mir Gedanken über Materialien, Schnitte und Stoffe machen.
ARTE: Wie haben Sie die Rolle des Thomas Mann auf Armin Mueller-Stahl "zurechtgeschneidert"?
Barbara Baum: Ich kenne Armin schon lange und weiß genau, dass er die Kostümanproben nicht besonders mag. Er versuchte mich einmal scherzhaft zu überzeugen, dass er gar keine Anproben brauchte. Für die "Manns" hatte ich viele Anzüge für ihn geplant, die die modische Entwicklung von den 1920er bis zu den 1950er Jahren widerspiegeln sollten. Ich hatte die Materialien mühsam gesucht und die schweren Herrenstoffe extra in London gekauft. Aber er trug die maßgeschneiderten Zwirne schließlich anders, als wir es uns vorgestellt hatten, etwas "lockerer" als der echte Thomas Mann, der immer wie aus dem Ei gepellt aussah.
ARTE: Trotzdem verkörperte er Thomas Mann perfekt.
Barbara Baum: Mit seiner Schauspieler-Autorität hat Armin sicherlich die Verkörperung Thomas Manns stark geprägt, die Kostüme mochte er sowieso, aber allgemein mag er nicht, wenn vor dem Drehen noch an ihm herumgefummelt wird – das hat er mit Meryl Streep gemeinsam. Beim "Geisterhaus" ist sie morgens zum Set gekommen, hat ihr Kostüm angezogen und wollte danach nicht mehr angefasst werden.
ARTE: Von den Manns zu den Buddenbrooks: Wie haben Sie sich auf die Verfilmung des Romans vorbereitet?
Barbara Baum: Bei meiner Arbeit ist die Suche nach den richtigen Stoffen zentral. Für die Buddenbrooks hatten wir ein unglaubliches Pensum von 3.000 Kostümen, das waren extreme Arbeitsbedingungen. Einige sind erst in den letzten Drehtagen geliefert worden, die Schneider kamen einfach nicht mehr hinterher.
ARTE: Mit wem haben Sie zusammengearbeitet?
Barbara Baum: Ich habe mit drei Kostümausstattungshäusern zusammengearbeitet: mit der Hamburger Theaterkunst, der Londoner Firma Cosrop und der traditionsreichen Sartoria Tirelli in Rom, die große Meisterwerke des italienischen Kinos ausgestattet hat. Die älteste Direktrice schneiderte sogar schon für Viscontis "Leopard". Ich durfte das ganze Haus durchstöbern. Zufällig fand ich in einer vergessenen Kiste einen wunderschönen Stoff aus den 1960er Jahren, einen rubinroten Seidensatin – Haute Couture vom Feinsten! Daraus ist ein Ballkleid für die extravagante Gerda Buddenbrook geworden.

ARTE: Bei historischen Filmen prägt der zeitgenössische Kontext die jeweilige Filminszenierung. Denken wir nur an Liselotte Pulver als Tony Buddenbrook und an das Schönheitsideal der 1950er Jahre. Wie spiegelt sich unsere Gegenwart in ihrer Arbeit für Breloers "Buddenbrooks"?
Barbara Baum: Ich habe ganz bewusst leichte Stoffe für die Kostüme ausgewählt. Sie mussten natürlich die Ausstrahlung des 19. Jahrhunderts besitzen, durften aber keine historische Schwere haben. Ich glaube, dass diese Leichtigkeit vor allem den jungen Darstellern – die meist gewöhnt sind, in Jeans herumzulaufen – geholfen hat, eins mit ihren Figuren zu werden und trotz ausladender Reifröcke und repräsentativer Herrenanzüge eine gewisse Modernität auszustrahlen.
ARTE: In den 1970er Jahren haben Sie zum legendären Fassbinder-Team gehört: Wie fing alles an?
Barbara Baum: Bei unserer ersten Begegnung sollte ich Rainer ganz detailliert, Szene für Szene, meine Vorstellungen zu den Kleidern der Effi Briest beschreiben. Er notierte sich alles und sagte am Ende, dass gar kein Geld für teure Kostüme da sei. Ich machte sie aber trotzdem! Hier in diesem Zimmer, mit meiner Nähmaschine, aus Stoffen und Spitzen, die ich auf dem Wochenmarkt und in Antiquitätenläden gefunden hatte. Mit der Hilfe von Modestudenten ist die gesamte Garderobe für Effi alias Hanna Schygulla hier genäht worden. Rainer mochte meine Kostüme immer. Von Anfang an gab es zwischen uns einen intensiven Austausch. Gleichzeitig hat er mir viel Freiraum gelassen.
ARTE: Sie haben oft weibliche Heldinnen ausgestattet, die stark und verletzlich zugleich sind und sich nach Liebe sehnen – so wie die Fassbinder-Figuren Effi Briest, Maria Braun oder Lola. Ist dies auch der Stoff, aus dem ihr neuer Film "Romy" gemacht sein wird?
Barbara Baum: Ja, in "Romy" wird Romy Schneider als Mensch zwischen Euphorie und Depression gezeigt: Sie war gerne Sissi, wollte sich aber später um jeden Preis davon befreien. Es ist ein Frauenporträt, in dem die Kostüme eine zentrale Rolle spielen. Welch ein Glück, dass ich das original Chanel-Kostüm, das Romy auf einem Foto zusammen mit Coco Chanel trug, in Rom gefunden habe! Der Film zeigt eine Frau, die von ihrem Beruf besessen war und sich stets an Menschen orientierte, die sie bewunderte. Coco Chanel gehörte zu ihren Vorbildern. In ihrer Pariser Zeit schlüpfte Romy in das Chanel-Kostüm und zugleich in eine neue Identität. Und genau das ist auch das Spannende an meinem Beruf: durch Kostüme Identitäten zu kreieren.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE MARISA BUOVOLO

ARTE PLUS

BARBARA BAUM – FILMOGRAFIE (Auswahl):
"Romy" (2009), "Die Buddenbrooks" (2008), "Speer und er" (2005), "Die Nibelungen" (2004), "Die Manns – Ein Jahrhundertroman" (2001), "Aimée und Jaguar" (1998), "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" (1997), "Katharina die Große" (1995), "Das Geisterhaus" (1993), "Homo Faber" (1991), "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (1982), "Lola" (1981), "Lili Marleen" (1981), "Berlin Alexanderplatz" (1980), "Die Ehe der Maria Braun" (1978), "Fontane – Effi Briest" (1972-74)

Kategorien: Januar 2009